Jürgen Klopp ist nicht der Typ, bei dem einem das Wort "kleinlaut" zwingend zur Personenbeschreibung einfällt. Aber was die Bedienung des Borussen-Publikums mit flotten Sprüchen und plakativen Slogans angeht, hat sich Borussia Dortmunds Trainer und Symbolfigur gerade zurückgenommen. Wer als einziger ernsthafter Konkurrent des scheinbar übermächtigen FC Bayern München gehandelt wird und dann nach sieben Spieltagen schon viermal verloren, in jedem Spiel mindestens ein Gegentor kassiert hat und auf Platz 13 der Tabelle dümpelt, zehn Punkte hinter den Bayern – der überlegt sich erst einmal jedes Wort.

In Boulevardblättern raunt es reflexhaft von Krise, aber in Dortmund selbst wollen sie den Fehlstart in die Saison nicht so sehen. "Wir lassen uns da nichts einreden von der Presse, wir haben eine gute Mannschaft", bollerte Dortmunds Nationalspieler Kevin Großkreutz am vergangenen Wochenende. Und sicher ist richtig: Der in den Bundesliga-Seilen hängende BVB hat zugleich die beiden Spiele in der Champions League gegen die bisher stärksten Gegner der jungen Saison souverän gewonnen: Der FC Arsenal (2:0) wurde regelrecht aus dem Signal-Iduna-Park gefegt, beim RSC Anderlecht in Brüssel (3:0) ging es so weiter. Umso mehr darf man rätseln, was in der Bundesliga gerade mit Jürgen Klopps Truppe passiert.

"Vielleicht kann man es Ergebniskrise nennen, okay", sagt Klopp, der beim Anhang des ruhmreichen BVB einen Status nahe der Heiligsprechung genießt, "aber es lassen sich ja die Gründe identifizieren, warum es derzeit so läuft, wie es läuft." Dortmunds berühmte Südtribüne mit 28.000 Hardcore-Fans hat nach dem Abpfiff der deprimierenden 0:1-Heimniederlage am vergangenen Samstag gegen den Tabellenletzten Hamburger SV minutenlang die Mannschaft abgefeiert. Die ausgelaugten Spieler standen da vor der "Gelben Wand" ihrer Fans, ein wenig verwundert, womit genau sie sich die Gesänge verdient hatten.

In Dortmund hat man sich den Verlauf der neuen Saison ganz anders vorgestellt. Nach einer Weltmeisterschaft, so die Annahme, und dann noch einer mit deutschem Titelgewinn, sei der FC Bayern verwundbar. Dortmund könne das ausnutzen, weil die vielen Münchner Nationalspieler länger brauchten, um wieder in Form zu kommen. Nach einem Fünftel der Saison sieht es aus, als verhielte es sich umgekehrt: Die Bayern brillieren nicht gerade, gewinnen aber. Bei Dortmund dagegen quält sich eine Art letztes Aufgebot durch die Spiele gegen vermeintlich weit unterlegene Gegner. Die verbarrikadieren sich vorm eigenen Tor und nutzen die bisweilen slapstickhaften Fehler der BVB-Defensive. "Konzentrationslöcher" nennt Klopp die rätselhaften Aussetzer, für die reihum fast jeder seiner hochkarätig eingestuften Spieler gut ist. Beim Revierderby auf Schalke steckte der gerade wieder gesund gewordene Weltmeister Mats Hummels tief mit drin in den beiden Gegentoren bei der 1:2-Pleite. Gegen Hamburg waren Hummels und sein junger Mit-Weltmeister Erik Durm beim Hamburger Tor überrannt und überfragt.

"Ich bin jetzt als Trainer richtig gefordert", sagt Klopp, dem es mit seinem unantastbaren Status in Dortmund nichts ausmacht, die Kritik an den Spielern und den ungewohnten Niederlagen auf seine Schultern zu laden. Trainer sprechen ungern über die Verletztenlisten, weil das Aufzählen von fehlenden Spielern letztlich nur die demotiviert, die auf dem Platz stehen und gewinnen sollen. Dortmund fehlen zurzeit fast alle Kreativspieler, die eng gestellte Abwehrreihen mit raffinierten Ideen aushebeln können. Marco Reus, Henrikh Mkhitaryan, Ilkay Gündogan, Nuri Sahin sind seit Wochen und Monaten nicht dabei ebenso wie der Techniker Oliver Kirch, Dribbler Jakub Blaszczykowski. Am Samstag traf es den nächsten: Nationalspieler Marcel Schmelzer brach sich schon nach drei Spielminuten die linke Mittelhand und spielte das Spiel noch zu Ende. Vier Wochen Pause. Wenn es schlecht läuft, läuft es nur noch schlechter.

Jürgen Klopp zählt auf, dass Reus, Mkhitaryan und sogar Gündogan, der 14 Monate lang an einer Wirbelsäulenverletzung laborierte, in dieser Woche wieder ins Mannschaftstraining einsteigen. Aber zugleich weiß er, dass gerade bei der modernen, dynamischen Spielweise, die kaum eine Mannschaft so vorbildlich zelebriert wie die von Klopp, ein riesiger Unterschied liegt zwischen einem theoretisch einsatzfähigen und einem tatsächlich fitten Spieler. Profis quälen sich nach monatelangen Verletzungspausen, nach Kreuzbandrissen etwa, wie bei Verteidiger Neven Subotic und Außenstürmer Blaszczykowski, immer mühsamer an ihr altes Leistungsniveau heran. Die Zeiten sind vorbei, in denen Spieler nach Verletzungen schnell wieder mitmischen konnten.

Obendrein ist der strapaziöse Samstag-Mittwoch-Samstag-Rhythmus von europäischen Topclubs wie Dortmund für manche Spieler noch völlig neu: Adrian Ramos, kolumbianischer WM-Teilnehmer, Ciro Immobile, bei der WM für Italien dabei, oder Weltmeister Matthias Ginter sind an die Knochenmühle "englischer Wochen" von ihren alten Clubs nicht gewöhnt. Dortmunds letzter noch gesunder Spielmacher-Typ, der eben von Manchester United zurückgeholte Japaner Shinji Kagawa, hat selbst in der Premier League kaum englische Wochen absolviert. Weil er für Japan trotzdem an der WM teilnahm, hat auch er das Krafttanken in der Saisonvorbereitung verpasst. "Die meisten bei uns", bilanziert Klopp, "haben noch keine stabile Form." Manchmal, in der Champions League, klappt es, und dann gegen Abstiegskandidaten in der Bundesliga fällt alles bleiern schwer.

"Automatismen", klagt Klopp, "haben wir fast überhaupt keine einstudieren können. Es sind ja dauernd alle weg." Verletzt, bei Nationalmannschaften, noch im Urlaub. Die vermeintliche Krise von Dortmund entpuppt sich eher als eine Krise des zur Sollbruchstelle verdichteten Terminplans für die internationalen Topspieler, von denen beim BVB inzwischen immer mehr versammelt sind. Im Unterschied zum FC Bayern, wo sich WM-Fahrer wie Mario Götze, Thomas Müller, Jerome Boateng oder Arjen Robben schon wieder in zumindest ordentlicher Form zeigen, schleppt Dortmund fast nur Spieler mit, denen es irgendwo an ihrem individuellen Optimum fehlt. Den meisten in Dortmund scheinen die Zusammenhänge einzuleuchten. Es gibt offenbar keine internen Nörgeleien, Grüppchenbildungen oder Schuldzuweisungen. Angesichts der Lücke zwischen Ansprüchen und bisherigem Tabellenstand ein kleines Wunder an Solidarität.

Auf dem Platz aber fehlt es gerade an Stabilität, an blind abrufbarer Kollektivität, an Konzentration. Und an Kräften für das Dortmunder Laufspiel, das darauf angelegt ist, Gegner durch Mannschaftsleistungen niederzuringen. Klopp weiß schon, dass in der 14-Tage-Pause, die nun wegen der Länderspieltermine Gelegenheit zum Atemholen verspricht, Aubameyang, Immobile, Kagawa und Ramos erst einen oder zwei Tage vor dem nächsten Spiel beim 1. FC Köln zurück sein werden von ihren Nationalmannschaften in Gabun, Italien, Japan oder Kolumbien. Trotzdem knüpfen sich an die kleine Pause viele Hoffnungen. In der vergangenen Saison war es schließlich auch so: Dortmund fielen im Herbst beinahe sämtliche Abwehrspieler auf einmal aus. Schnell zog der FC Bayern davon. Am Ende stabilisierte sich der BVB wieder und wurde immerhin Zweiter. Die Südtribüne mit ihren Treuegesängen, sagt Klopp, habe ihn "gerührt". Auf dem langen Weg, sich wieder in gute Form hineinzuschleichen, ist das allerdings nur eine kleine Kerze im Fenster.