Achteinhalb Stunden trennen uns von der Seuche. So lange braucht ein Passagier von Monrovia nach Frankfurt. Dort, in den westafrikanischen Staaten Liberia, Guinea und Sierra Leone wütet Ebola schlimmer denn je. Bis heute hat es mehr als 3.000 Menschen getötet, alleine in Sierra Leone starben am vergangenen Sonntag mehr als 120. Bilder aus Liberias Hauptstadt Monrovia zeigen überfüllte Behandlungszentren und sterbende Menschen. In Westafrika läuft die Apokalypse. Doch Westafrika ist weit weg. Zumindest in unseren Köpfen.

Tatsächlich rückt Ebola durch ein eng verwobenes Flugliniennetz näher an uns heran. In den USA brachte ein Liberianer vor gut zwei Wochen das Virus in die texanische Stadt Dallas. Die Reaktion von Ärzten und Behörden war erschreckend unprofessionell (siehe Artikel auf der nächsten Seite).

Könnte Ebola auch bei uns auftreten? Natürlich. Für "unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich" hält Lars Schaade einen solchen Fall. Er ist Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), der obersten Behörde des Seuchenschutzes in Deutschland. Schaade verweist auf eine Reihe von eingespielten Mechanismen und Alarmketten, die im Falle einer Infektion mit einem gefährlichen Virus wie Ebola ausgelöst werden. Auch René Gottschalk, der Chef des Frankfurter Gesundheitsamtes und Sprecher des Arbeitskreises der spezialisierten Behandlungszentren, beruhigt: "Ich kenne alle Fälle mit hoch ansteckenden und lebensbedrohlichen Erkrankungen der vergangenen Jahre. Ich kann mir nicht vorstellen, dass von Ebola eine Gefahr für Deutschland ausgeht. Unser Seuchenschutz ist weltweit einmalig."

Tatsächlich regelt ein ausgefeiltes System, wann welche Behörde zuständig ist. Kleine Ausbrüche lassen sich damit schnell kontrollieren. Bei größeren Einsätzen aber kann die bürokratische Kettenreaktion schnell an ihre Grenzen stoßen. Und: Um sie auszulösen, muss der erste behandelnde Arzt überhaupt die richtigen Schlüsse ziehen. Klagt ein Reiserückkehrer aus Westafrika in den ersten drei Wochen nach seinem Aufenthalt über Symptome wie Fieber, Durchfall, Schwächegefühl und Erbrechen, muss der Arzt an Ebola als Ursache denken und im Verdachtsfall das zuständige Gesundheitsamt benachrichtigen. Die Behörde sorgt dafür, dass das Blut des Patienten untersucht wird, und alarmiert eines von sieben Behandlungszentren. Bestätigt sich der Verdacht, muss das Labor den Ebola-Befund an das RKI und das Gesundheitsamt melden. Letzteres kümmert sich dann darum, die Verbreitung zu verhindern. Die Pläne für diesen Fall sind detailliert, die Abläufe werden regelmäßig geübt. Doch ohne die richtige erste Reaktion laufen, wie die Pannen in Dallas zeigen, alle Planspiele ins Leere. "Schon beim Erstkontakt des Infizierten mit einem Arzt muss der richtige Schalter umgelegt werden", sagt der RKI-Vizepräsident Schaade.

Spricht man mit Experten über die Vorbereitung auf Ebola, stößt man zunächst auf Zurückhaltung. Panik müsse man in jedem Fall vermeiden, heißt es dann oft, Deutschland sei gut geschützt.

Doch es gibt diese Stelle, an der die Warnung vor Panikmache umschlägt in Nachlässigkeit und dann abgelöst wird von Überheblichkeit. Auf diesem schmalen Grat entscheidet sich, wie gut die Vorbereitung tatsächlich ist. Weil sich in Deutschland Kranke meist zuerst an den Hausarzt wenden, liegt es an ihm, ob er die Weiche richtig stellt. Hat die Frau mit Fieber und Gliederschmerzen nur eine Grippe – oder Ebola? Seine Entscheidung hat weitreichende Konsequenzen, denn Meldepflichten müssen beachtet, Quarantänemaßnahmen und landesweite Koordinierungen veranlasst werden. Der Arzt muss sich also die Frage stellen: Besteht ein begründeter Verdacht, oder bin ich der Ausgangspunkt für Panikmache?

Mediziner in Deutschland haben relativ wenig Erfahrungen im Umgang mit Epidemien mit derart gefährlichen Erregern. Umso wichtiger ist es, dass sie darüber informiert werden, was sie im Verdachtsfall zu tun haben. Bis vor ein paar Tagen suchte man auf der Seite der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vergeblich nach gut aufbereiteten Informationen, erst in der vergangenen Woche stellte sie eine Übersicht der wichtigsten Fragen auf ihre Homepage.

Das ist spät. Der erste Ebola-Fall wurde schon im März gemeldet, und die KBV und die Landesärztekammern sind eine wichtige Informationsquelle für niedergelassene Ärzte. Spätestens seit ein liberianischer Diplomat die Krankheit auch nach Nigeria schleppte, musste jedem klar sein, dass Ebola problemlos Grenzen überquert.