Unauflöslich, unauflöslicher, am unauflöslichsten. So nannte die katholische Kirchenrechtlerin Sabine Demel die Ehefragen in ihrer Kirche. Zwar sei die Ehe unauflöslich, doch unter Umständen dürfe die Kirche deren Rechtswirkung aufheben. Darauf kann sich berufen, wer eine neue Ehe christlich und im Bedauern über das frühere Versagen führt – so erklärt es auch Kardinal Walter Kasper, der verdienstvolle Initiator der aktuellen Diskussion in Rom. Trotzdem hält Kasper an der Unauflöslichkeit der Ehe fest.

Das schafft Verwirrung. Denn "unauflöslich" ist ein kategorischer Begriff, der keine Minderungen und Steigerungen zulässt. Nun muss die Bischofssynode diesen ominösen Begriff klären. Schon das Neue Testament verbietet zwar Ehescheidung, zugleich verteidigt ein Jesuswort die mosaische Scheidungspraxis, weil die Herzen der Menschen verhärtet seien (Matthäus 19,8). Hier geht es um "hartherzige" Männer, die ihren Frauen den Scheidebrief ausstellen. Doch eindeutig erlaubt Matthäus bei Ehebruch eine zweite Ehe. Auch Paulus hat kein Trennungsproblem in bestimmten Fällen. Er rät bei tiefen Zerwürfnissen zur Trennung und erklärt, niemand sei wie ein Sklave gebunden (1. Korinther 7,15). Die Jesusworte sind als Weisung formuliert: "Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen." (Markus 10,9). Das Wörtchen "soll" setzt voraus, dass die Trennung bisweilen geschah.

Zu Recht besteht die Kirche auf dem Trennungsverbot. Denn einer Ehe eignet höchste Verbindlichkeit, das Versprechen zur Lebensgemeinschaft gilt gegenseitig und vorbehaltlos. Doch je dynamischer und instabiler unsere gesellschaftlichen Verhältnisse werden, umso bedrohlicher tritt eine höchste Verletzlichkeit hinzu. Die Partner stehen in gegenseitiger Verpflichtung und Abhängigkeit, aber auch in gesellschaftlicher Dynamik. Beides kann sich ruinös, geradezu lebensbedrohlich auswirken. Nur in gelingenden Idealfällen (deren es viele gibt) wächst eine unverbrüchliche Einheit des Willens.

Angesichts solcher Alltagserfahrung erstaunt der moralisch warnende, oft verurteilende Ton, mit dem die offizielle Kirche gern auftritt. Sie übersieht, mit wie viel schmerzvoller Selbstprüfung viele Trennungen einhergehen, zumal, wenn das Wohl von Kindern auf dem Spiel steht. Um diese Verantwortung zu spüren, muss man kein Christ sein.

Bis heute hängt die katastrophale Weltferne der christlichen Lehrdisziplin an dem Dogma, die katholische Ehe sei ein Sakrament. Das führt zu ihrer massiven Verrechtlichung, Verkirchlichung und zu der falschen Vorstellung, die göttliche Gabe der Ehe komme (wie die Taufe) "senkrecht von oben". Schon Luther hat scharf gesehen, dass die Gabe vorbehaltloser Treue von "unten", von den Menschen kommt und wächst. Man nenne die Ehe Sakrament, verkenne aber nicht den erfahrbaren Unterschied zu Taufe und Eucharistie. Er ist der Grund, dass orthodoxe Kirchen eine zweite oder dritte Ehe zulassen. Mit katholisch lehramtlicher Duldung.

Nun wird in Rom diskutiert. Doch die stimmberechtigten Synodenmitglieder sind allesamt zölibatär. So laufen sie Gefahr, im Zirkel ihrer Selbstbestätigung gefangen zu bleiben. Wissen sie, dass auch Welterfahrung eine göttliche Gabe ist?