Mehr als zwei Stunden sitzt der Mann, der Währungskommissar werden möchte, nun schon dort vorn an dem kleinen Tisch. Neben sich, noch immer fein säuberlich sortiert, die Unterlagen, die ihm seine Mitarbeiter vorbereitet haben. Ein blassgrüner Ordner für jedes Dossier. Pierre Moscovici würde gern einen aufgeräumten Eindruck vermitteln, aber die Ordner helfen ihm jetzt wenig. Das Wort hat der Abgeordnete Siegfried Mureșan.

"Wir können Ihre Zeit als Finanzminister nicht vergessen", hebt der junge, konservative Rumäne an, in scharfem Ton fährt er fort: Moscovici habe in Frankreich die Arbeitslosigkeit erhöht, die Schulden vermehrt, die Wettbewerbsfähigkeit geschwächt. Wie wolle er nun Europas Wirtschaft voranbringen? Mit welcher Glaubwürdigkeit wolle er als EU-Kommissar über die Einhaltung des Stabilitätspakts wachen?

Moscovici atmet kurz durch. Dann wiederholt er, was er in den vergangenen zwei Stunden, in denen ihn die Abgeordneten des Europäischen Parlaments befragt haben, immer wieder gesagt hat. Mal mehr, mal weniger geduldig. Dass er das französische Defizit nicht erhöht, sondern verringert habe. Dass er als Minister keine Entscheidung getroffen habe, die nicht mit den Partnern in der EU abgesprochen sei. Dass er trotzdem gern mehr erreicht hätte. Dass er zwar Franzose und Sozialdemokrat sei und "beides mit Stolz", er aber als Kommissar "nicht der Botschafter eines Landes oder einer Partei" sei. Und schließlich, dass er alle Länder gleich behandeln werde, egal ob groß oder klein.

Frühestens im November kann die neue EU-Kommission ihr Amt antreten, dann endet in Brüssel eine lange Phase des Übergangs. Vorher muss das Europaparlament den Vorschlägen des künftigen Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker zustimmen. Einer nach dem anderen haben sich die Kandidaten in den vergangenen Tagen vor den zuständigen Ausschüssen des Parlaments vorgestellt – eine demokratische Übung, die es in Deutschland so nicht gibt. Und ein erster, ernster Test für die neuen Kommissare. Am Dienstagabend, bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe, stand noch nicht fest, ob das Europaparlament alle Kandidaten bestätigen würde.

Moscovici soll in der neuen Kommission eine Schlüsselrolle spielen. Der Franzose wird nicht nur an zentraler Stelle mit entscheiden, wie die EU künftig mit Ländern umgeht, die noch immer zu viele Schulden machen. Moscovici ist als einer von vier Kommissaren vorgesehen, die in den kommenden fünf Jahren die Wirtschaftspolitik der EU prägen sollen. Zu dem Team gehören außerdem Valdis Dombrovskis aus Lettland, der Finne Jyrki Katainen und Jonathan Hill, ein britischer Lord. Gemeinsam mit Juncker müssen die vier eine Antwort auf die wichtigste Frage geben, die die europäische Politik – neben der Auseinandersetzung um die Ukraine – beschäftigt: Wie kann die EU Wachstum und Arbeit fördern und die Krise, die längst nicht vorüber ist, endlich hinter sich lassen?

Wir sind das Europa der letzten Chance, sagt Moscovici bei seiner Anhörung. Pathos kann er. Der Franzose war schon vor zwanzig Jahren Europaabgeordneter, später Minister für europäische Angelegenheiten. Er ist mit 57 Jahren nicht nur der älteste, sondern in Brüsseler Angelegenheiten auch der erfahrenste der vier Wirtschaftskommissare. Sein Bekenntnis zur europäischen Integration steht außer Frage. Nur war der Sozialist eben bis zum Frühjahr in Paris Finanzminister.

In dieser Zeit hat Moscovici das Staatsdefizit zwar reduziert, aber die Dreiprozentmarke, die der europäische Stabilitätspakt vorsieht, weit verfehlt. Die Bundeskanzlerin, heißt es in Berlin, hätte seine Nominierung als Währungskommissar gern verhindert – so schlecht steht es um das deutsch-französische Verhältnis. Bei der Anhörung in Brüssel haben Moscovici jedoch nicht nur deutsche Abgeordnete attackiert.

Lettlands Kandidat soll wie Harry Potter das Wachstum herbeizaubern

Valdis Dombrovskis kommt gleichsam vom gegenüberliegenden Ende des politischen Spektrums. Auch er war einmal Finanzminister, bevor er mit 37 Jahren Premier wurde. Lettland steckte tief in der Krise, und Dombrovskis hat sein Land fünf Jahre lang mit harter Hand saniert. Für die europäischen Konservativen ist er eine Art Harry Potter, der bewiesen hat, dass sich Sparen lohnt und zu neuem Wachstum führen kann. Dombrovskis selbst weist gegenüber den Parlamentariern darauf hin, dass die lettische Wirtschaft heute "eine der am schnellsten wachsenden Wirtschaften in Europa" sei. Für europäische Sozialdemokraten und Sozialisten hingegen ist der Lette eine Art Gottseibeiuns: ein neoliberaler Hardliner, der sich wenig um soziale Belange schert.

Und ausgerechnet so einer soll in der Kommission nicht nur für den Euro zuständig sein, sondern auch für den sozialen Dialog.

Eine spanische Abgeordnete der Linken hält dem 43-Jährigen vor, Lettland sei eines der ungleichsten Länder Europas. Sie fragt ihn, ob es nicht endlich an der Zeit sei, mit dem Sparen aufzuhören. Dombrovskis verteidigt zunächst stoisch seine Bilanz. Strukturreformen und gesunde Finanzen, argumentiert er, seien die Voraussetzung für neue Arbeitsplätze. Aber die meisten Länder, fügt er hinzu, hätten "die Haushaltsanpassung hinter sich, wir müssen uns nun der Nachfrageseite widmen".