Als Christian Bluhm sich Ende September ins Berliner Regierungsviertel aufmacht, will er seinen Ruf retten. Im Paul-Löbe-Haus tagt ein geheimes Gremium, das für den Bundestag kontrolliert, was aus den Milliarden wurde, mit denen der Bund während der Finanzkrise die Banken gerettet hat.

An diesem Morgen, kurz nach neun Uhr, muss der Manager Bluhm den Parlamentariern sowie Vertretern des Bundesfinanzministeriums erklären, ob sein Haus bei der Umschuldung Griechenlands im Jahr 2012 rund 2,6 Milliarden Euro leichtfertig verloren hat – zulasten des Steuerzahlers. Erhoben hatte diesen schweren Vorwurf Mitte September die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Dass Christian Bluhm solchen Ärger hat, ist eine Spätfolge der größten, dramatischsten Rettungsaktion, die es in Deutschland während der Finanzkrise gab. Im Herbst 2008 stützte der Bund den Bau- und Staatsfinanzierer Hypo Real Estate. Er verstaatlichte die Bank und trennte 2010 den Teil ab, der zur Abwicklung auserkoren war. FMS Wertmanagement ist der technokratische Name dieses Abwicklungsinstituts, und Christian Bluhm der Chef. Von ihm und seiner Mannschaft hängt ab, wie viel die Steuerzahler von den 19,1 Milliarden Euro wiedersehen, die sie die Rettung der Hypo Real Estate bisher gekostet hat.

Fast die Hälfte dieser Summe wurde fällig, als Griechenland 2012 einen Schuldenschnitt vollzog. Rund neun Milliarden Euro Verlust fielen damals bei der FMS Wertmanagement, einem der größten Gläubiger Athens, an. Und Verluste des Abwicklungsinstituts gleicht am Ende der deutsche Staat aus. Entsprechend rumorte es in Berlin, als es vor ein paar Wochen plötzlich hieß, Bluhms Team habe bei dem Schuldenschnitt "Milliarden verschenkt", "unnötig" und "leicht vermeidbar". In München hat sogar die Staatsanwaltschaft "von Amts wegen" Ermittlungen "wegen des Verdachts der Untreue gegen die Verantwortlichen der FMS Wertmanagement" aufgenommen. Gleich mehrere Strafanzeigen sind bei ihr eingegangen. Konkret soll das Institut 2012 auch Anleihen nach internationalem Recht zum Umtausch eingereicht oder verkauft haben, die es hätte behalten können – und die heute, nach dem Schuldenschnitt, weit mehr Erlös bringen würden. Die Abwickler hätten juristische Feinheiten verkannt sowie als verlängerter Arm Berlins gehandelt, statt die Interessen des Steuerzahlers zu vertreten.

Papiere, die der ZEIT vorliegen, sowie Gespräche mit Beteiligten und Parlamentariern zeichnen jedoch ein anderes Bild: Demnach entschied das Abwicklungsinstitut erst nach langen Diskussionen, mehr griechische Anleihen als zwingend nötig einzureichen. Zu groß war die Sorge, dass die Umschuldung scheitern könnte – und die Angst vor gravierenden Folgen für die Anleihen Athens und andere europäische Staatspapiere. Er glaube, Entscheidungen getroffen zu haben, die er vertreten könne, sagt einer, der damals dabei war.

Im Nachhinein lassen sich Ratschläge bekanntlich leicht erteilen. Wer verstehen will, warum die Abwickler handelten, wie sie handelten, muss sich daher zurückversetzen in den Spätsommer 2011.

Erste Vorschläge für eine Umschuldung Griechenlands kursieren, die Finanzwelt erkennt, dass dieser Schritt wohl unvermeidbar ist – und macht sich bereits Sorgen um Länder wie Italien, Spanien oder Portugal. Von einer Pleite Athens über einen Ausschluss Griechenlands aus dem Euro bis zu einem kompletten Zerfall der gemeinsamen Währung: Alles scheint möglich in jenen Monaten.

Bei den Abwicklern in München und der für sie zuständigen Bundesanstalt in Frankfurt beginnt ein Sitzungsmarathon. Eine Liste mit allen Gremientreffen zu Griechenland umfasst 38 Termine. An ihr lässt sich ablesen, wie sich alles zuspitzt, als Athen das Angebot für eine Umschuldung seiner Anleihen veröffentlicht: An den ersten drei Tagen im März 2012 folgt eine Sitzung der anderen, wird beraten, beantragt und beschlossen, wie die FMS Wertmanagement auf Athens Angebot reagieren soll. Es sei "sehr, sehr zäh diskutiert" worden, ist über jene Tage zu hören.