Wenn sie an jenem Tag nicht den Fernseher angeschaltet hätte, Ingrid Hruby wüsste bis heute nicht, dass ihr Bruder getötet wurde. Es ist ein Tag im August 2013, Hruby, 72 Jahre alt, steht in ihrem Wohnzimmer in Schotten, einem kleinen Ort in der Nähe von Gießen. Sie hört irgendeine Sendung, Hintergrundbeschallung bei der Hausarbeit. Aus dem Fernsehapparat klingt das Wort "Euthanasie". Der Begriff "Heil- und Pflegeanstalt" fällt. Dann fällt das Wort "Lüneburg".

Hruby hebt den Kopf.

In dem Beitrag geht es um die Einweihung einer Gedenkanlage auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik in Lüneburg. Mindestens 500 Kinder sollen dort in der "Kinderfachabteilung" während des Zweiten Weltkriegs ermordet worden sein, vergiftet, verhungert. Verschwommene Erinnerungen, die jetzt durch Hrubys Kopf schwirren. Lebensfetzen. So wird sie später von dem Moment erzählen, in dem sie zu ahnen beginnt, dass ihr Bruder eines der getöteten Kinder gewesen sein muss. Einen Tag nachdem sie den Fernsehbeitrag gesehen hat, ruft Ingrid Hruby in Lüneburg an.

69 Jahre ist es her, dass ihr Bruder Rudolf Hagedorn abgeholt wurde. Im Februar 1945, ein Winter, so kalt, dass die Fensterscheiben in dem kleinen Zimmer, in dem Hrubys Mutter mit ihren drei Kindern haust, von innen zufrieren. "Rudolf Hagedorn leidet an epileptischen Anfällen und Geistesschwäche und bedarf daher der Aufnahme in einer Landes-Heil- und Pflegeanstalt." So steht es in dem Dokument geschrieben, das der Polizist der Mutter zum Lesen gibt. Sie hat keine Wahl, sie muss ihren Sohn dem Polizisten mitgeben. Das Ziel: die Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Die Geistesschwäche und die Epilepsie müssten behandelt werden, sagt der Polizist. Vier Monate später ist Rudolf Hagedorn tot.

Die Nachricht über den Tod des Jungen wird in eckiger Schreibmaschinenschrift auf ein Blatt Papier gehauen, unterschrieben ist sie vom damaligen Leiter der Kinderfachabteilung Max Bräuner, einem Mann mit Seitenscheitel und schmalem Schnurrbart.

Als Todesursache gibt Bräuner eine Tuberkulose mit Nierenversagen und tödlichen Durchfällen an.

Mehr als ein Jahr ist es heute her, dass Ingrid Hruby angefangen hat, Fragen zu stellen. Was geschah mit Rudolf, nachdem er von der Polizei aus der mütterlichen Wohnung eskortiert wurde? Wie hat er sich dabei gefühlt? Und: Waren es wirklich Tuberkulose und Nierenversagen, die sein Leben beendeten?

Es sind mächtige Fragen, die nicht nur Ingrid Hruby betreffen. 69 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es immer noch Menschen, die keine Antworten erhalten – oder nie angefangen haben, Fragen zu stellen. Wie war das eigentlich genau mit der Euthanasie, die außerhalb von Konzentrationslagern stattfand? In Krankenhäusern, in Psychiatrien, in sogenannten Heilanstalten?

31 Kinderfachabteilungen gab es in Deutschland zur Zeit des "Dritten Reichs". Tötungsstätten, getarnt als Kinderstationen, in denen Nazis "unwertes Leben" vernichten wollten. Mindestens 5.000 Kinder sind bundesweit in solchen Einrichtungen umgebracht worden, fast jedes zehnte davon in Lüneburg.

Es war die Historikerin Carola Rudnick, die schließlich begann, Fragen zu stellen. Und Menschen wie Ingrid Hruby Antworten zu geben. Rudnick, eine fleißige Frau mit warmer Stimme, leitet seit zwei Jahren ein Projekt der Bildungs- und Gedenkstätte "Opfer der NS-Psychiatrie" auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik in Lüneburg.

"Ihr Bruder ist ein Opfer der NS-Psychiatrie"

Dass in dieser Heilanstalt Kinder getötet wurden, sei bereits in den sechziger Jahren bekannt gewesen, erzählt sie. Doch da es sich bei den Opfern offiziell um Patienten gehandelt habe, waren die Akten lange von besonderen Rechten geschützt. Persönlichkeitsschutz, Arztgeheimnis. Außerdem habe es Angehörige gegeben, die nicht öffentlich machen wollten, dass ihre Verwandten in einer Heilanstalt waren. Und dann gebe es noch jene Familien, die Erinnerungen einfach innerlich abgespalten hätten. Die einfach vergessen hätten, was passiert sei. Weil sie die Wahrheit wohl nicht ertragen konnten.

Die Folge: Obwohl man um die Morde wusste, existierte bis vor Kurzem kaum ein öffentlich zugängliches Foto oder ein Hinweis auf die Lebensgeschichte der getöteten Kinder. "Würdelos" nennt das Carola Rudnick. Deshalb hat sie angefangen, die Akten der Verstorbenen einzusehen. Sie kontaktiert Angehörige, bittet sie um Fotos, um Lebensgeschichten. Sie sagt: "Ich will den Opfern endlich ein Gesicht geben."

Sie war es auch, die Einsicht in den Fall Rudolf Hagedorn beantragte und die im Landesarchiv Hannover seine Krankenakte fand. Knapp vier Monate nachdem der Fernsehbeitrag über die Gedenkanlage in Lüneburg ausgestrahlt wurde, bekommt Ingrid Hruby einen Brief von Carola Rudnick.

Hruby liest: "Ihr Bruder war eigentlich recht gesund und litt in der Zeit seines Aufenthaltes nicht einmal an einem einzigen epileptischen Anfall." Sie liest: "Ihr Bruder ist ein Opfer der NS-Psychiatrie." Dann: "Ohne die Einweisung nach Lüneburg hätte er das Jahr 1945 sicherlich im Kreise seiner Familie überlebt und würde vielleicht heute noch leben."

Ingrid Hruby sagt, als sie den Brief gelesen habe, sei etwas in ihr kaputtgegangen.

Es ist ein verregneter Samstagmittag in Schotten, Ingrid Hruby hat Kaffee und Kuchen auf den Tisch gestellt, auf dem schon die Fotos liegen, die Briefe, Erinnerungen. Rudi, erzählt sie, sei ein sehr schlechter Schüler gewesen. Wenn er aufgeregt gewesen sei, habe er gestottert. Aber geistig behindert oder gar "geistesschwach", sagt seine Schwester, sei er nicht gewesen.

Die Krankenakte von Rudolf Hagedorn umfasst 28 Seiten. Eine kleine Sammlung Menschenleben, abgeheftet in brauner Pappe. Notizen der Ärzte, aber auch Briefe der Mutter, Schreiben der Behörden.

Im Februar 1945 ist Rudolf 15 Jahre alt. Ein Junge, etwas zu klein für sein Alter, mit Segelohren und blonden Haaren. Ohne Gegenwehr begleitet er den Polizisten zum Zug. 50 Kilometer Fahrt von der Wohnung in Soltau bis zur Heilanstalt Lüneburg, es geht mühsam voran. Der Krieg ist fast vorbei, die Bahnstrecken sind stark beschädigt. Während der Fahrt hat Rudolf seine Tasche immer wieder aus- und eingepackt, so steht es in der Akte. Ein Paar Schuhe, zwei Hosen, ein Mantel, zwei Pullover. Ein Anzug.

Für Rudolf ist es die zweite Reise innerhalb kurzer Zeit. Erst einen Monat zuvor ist er mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern in einen Viehwagen gestiegen: Flucht aus Pommern, die Russen kamen, der Vater verschluckt vom Krieg, sie mussten alles zurücklassen. Ingrid Hruby erzählt heute, die Mutter habe bei Zwischenstopps Rudolf losgeschickt, er sollte nach Essen suchen. Rudi, den Großen. Rudi, den Vaterersatz. Rudi, der kurz nach der Einschulung seinen ersten epileptischen Anfall bekommen hatte.

Es sei eng im Wagen gewesen, heiß und kalt zugleich. Aber wenigstens standen sie alle zusammen dort. Im Zug nach Lüneburg ist Rudolf alleine.

In der Heilanstalt angekommen, wird Rudolf gemessen und gewogen. 131 Zentimeter, 49 Kilogramm. Auf die Frage, was zehn plus zehn ergibt, antwortet er: "Elf." Über seine Aufnahme schreibt der behandelnde Arzt:

"Gibt bereitwillig Auskunft, lacht dabei etwas albern, stottert zeitweise erheblich. Verabschiedet sich von selbst von seinem Begleiter und trägt ihm einen Gruß an die Mutter auf." Die Mutter habe nicht einmal geahnt, dass Rudolf zum Sterben abgeholt wurde, sagt Ingrid Hruby heute. Bis zu ihrem Tod habe sie nicht gewusst, was mit ihrem Sohn geschehen sei.

Wieso hat die Mutter nie nachgefragt? Wieso hat Hruby nie nachgefragt?

"Ich habe nicht daran gedacht. Das war doch ein Krankenhaus!", versucht Hruby zu erklären. Sie ist eine zurückhaltende Frau, eine, die es nicht gewohnt ist, Fragen nach ihrer Vergangenheit zu beantworten. Manchmal scheint es sie zu überfordern, plötzlich Zeitzeugin der NS-Euthanasie zu sein. In ihrem Wohnzimmer steht eine gläserne Vitrine. Darin ein lederner Babyschuh von Rudolf. Der Schuh sei das Einzige gewesen, was zu Hause an ihren toten Bruder erinnert habe. Wie wenn sein Tod ein Familiengeheimnis gewesen wäre, das es zu bewahren galt. "Meine Mutter hat nach seinem Tod nie wieder über Rudolf gesprochen", sagt Hruby. Ihre Stimme ist dabei ganz leise.

Die Befreier wissen nicht, dass es etwas zu befreien gibt

Die Mutter schreibt: "Wollte doch mal anfragen, wie es meinem Sohn ergeht"

Anfang März 1945, Rudolf ist seit etwa zehn Tagen in Lüneburg, schreibt die Mutter einen Brief an die Heilanstalt: "Wollte doch mal anfragen, wie es meinem Sohn Rudolf Hagedorn ergeht, da derselbe doch nicht schreiben kann, bitte ich doch umgehend um Nachricht (...). Und ich hätte noch eine Bitte, wenn Sie doch mal einen Gruß ausrichten würden (...). Wir denken viel an ihn." In der Krankenakte steht: "Rudolf spricht fast bei jeder Visite den Arzt an und bittet um seine Entlassung, wenn nicht gleich, dann doch wenigstens zu seinem Geburtstag am 2. September. (...) weint heftig (...), sagt, man möge ihn doch entlassen, da er so Heimweh nach der Mutter habe."

Sosehr Rudolfs Heimweh steigt, so stark fällt auch sein Gewicht: 41, 39, 34 – in gerade einmal drei Wochen verliert er sieben Kilogramm. Ingrid Hruby sagt, der 2. September, Rudis Geburtstag, sei auch der Geburtstag ihrer Mutter gewesen. Es war der besondere Tag für Rudi.

Wieso ist die Mutter nicht in die Heilanstalt gefahren, um Rudolf zu besuchen? Es sei ja Krieg gewesen, sagt Hruby. Die Züge fuhren unregelmäßig oder überhaupt nicht. Es waren Hungermonate in Deutschland. Die Mutter musste ihre anderen beiden Kinder durchbringen.

Am 7. Mai 1945 unterzeichnet Deutschland die bedingungslose Kapitulation. Der Krieg ist endlich vorbei. Die Konzentrationslager werden befreit, Verschwundene tauchen wieder auf, Zwangsarbeiter kehren nach Hause zurück. In der Heilanstalt in Lüneburg ändert sich nichts.

Krankenhäuser sind keine Konzentrationslager. Die Befreier wissen nicht, dass es etwas zu befreien gibt.

Es klingt zynisch, aber wahrscheinlich könnte man sagen: Wäre Rudolf anstatt in die Heilanstalt in ein Konzentrationslager gekommen, er wäre heute vielleicht noch am Leben. Bis ins Jahr 1946 hinein ist nicht öffentlich bekannt, was in Lüneburg geschieht.

Während in Deutschland langsam der Frieden einkehrt, arbeitet Rudolf im Garten der Heilanstalt. Ein Arzt notiert: "Soll nach Aussagen des Pflegers anstellig und fleißig sein." Zu diesem Zeitpunkt wiegt Rudolf nur noch knapp über 30 Kilo. Während der Gartenarbeit, unter freiem Himmel, sieht er seine Chance gekommen. Zusammen mit einem anderen Jungen versucht er zu fliehen. Woran die Flucht scheiterte, bleibt unklar.

Der Leiter der Kinderabteilung schreibt, Rudolf habe eine Nierenentzündung

Es findet sich der Eintrag: "Ist sehr unzufrieden, zänkisch, weint viel."

Schließlich, am 9. Juni 1945, der Krieg ist bereits seit einem Monat vorbei, beginnt das Sterben des Rudolf Hagedorn. Krankeneinträge und Briefe der Mutter füllen die Akte jetzt im schnellen Wechsel. Der Arzt notiert: "Starke Ödeme im Gesicht, mäßige an den Extremitäten". Dann: "Erguss in der Bauchhöhle". Wenn ein Mensch verhungert, kann der Körper die Flüssigkeit nicht mehr in den Zellen behalten. Zellflüssigkeit tritt aus, sammelt sich im Gewebe an. Wasseransammlungen, sogenannte Hungerödeme, entstehen.

Rudolfs Mutter schreibt: "Da ich in großer Sorge um meinen Sohn Rudolf bin, bitte ich doch um sofortige Auskunft, wie es ihm gesundheitlich ergeht, denn es ist ja keine Möglichkeit selbst zu kommen (...). Vielleicht können Sie gleich Bescheid mitgeben und wenn es nur wenige Zeilen sind." Der Brief ist auf den 20. Juni 1945 datiert. Noch am gleichen Tag beginnen die Ärzte in Lüneburg, was in den Akten als "Hunger- und Durstkur" verzeichnet ist: Sie geben Rudolf nichts mehr zu essen und viel zu wenig zu trinken.

Am 21. Juni 1945 schreibt der Leiter der Kinderfachabteilung einen Brief an die besorgte Mutter. Rudolf sei an einer Nierenentzündung erkrankt, die auf eine Erkältung zurückzuführen sei. Man hoffe, dass bald Besserung erzielt werde. Am Ende des Briefes heißt es: "Rudolf hat sich sonst in der letzten Zeit recht ordentlich benommen und war ganz verständig. Wenn er erst wiederhergestellt ist, könnte dem Gedanken seiner Entlassung nähergetreten werden."

Sechs Tage später dann der Eintrag in der Krankenakte: "Exitus".

Tod.

Die Wassereinlagerungen, das Nierenversagen, dazu noch Durchfälle – es gibt kaum Zweifel: Rudolf Hagedorn ist verhungert. In der gesamten Akte gibt es keinen einzigen Eintrag zu einer möglichen Tuberkulose, die auf Rudolfs Todesanzeige als Todesursache angegeben wurde.

Im Sommer 2014 steht Ingrid Hruby vor einem Gedenkstein auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg. Es ist ein bewölkter Tag, Hruby hält sich an ihrem Regenschirm fest, bohrt ihn tief hinein ins regenweiche Gras. Das Grab von Rudolf Hagedorn ist längst überbettet, heute sollen zwei Gedenktafeln enthüllt werden. Eine davon für Hrubys Bruder. Für die Gestaltung der Tafel hat sie Fotos herausgesucht, half Carola Rudnick, fehlende Teile aus Rudolfs Leben zu rekonstruieren. Aus den wenigen Erzählungen der Mutter, aus nebligen Kindheitserinnerungen. Für Hruby ist es das Brechen eines lebenslangen Schweigens.

Sie ist nach Lüneburg gekommen, um das zu tun, was Carola Rudnick mit ihrer Arbeit erreichen will: Hruby möchte sehen, wie die Gedenktafel enthüllt wird. Hören, wie über einen Jungen mit blonden Haaren und Segelohren gesprochen wird. Ingrid Hruby möchte heute dabei sein, wenn ihr Bruder ein Stück seiner Würde zurückbekommt.

Mitarbeit: Carolin George