Wollen sie noch miteinander verhandeln? Reden sie überhaupt noch miteinander? Nur so viel ist klar: Ende September empfing Bundeskanzlerin Angela Merkel den französischen Premierminister Manuel Valls im Berliner Kanzleramt. Anfang Oktober begrüßte Frankreichs Staatspräsident François Hollande den deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Pariser Élysée-Palast. Doch seit wann sind die deutsch-französischen Beziehungen nicht mehr Chefsache? Seit wann kommunizieren Kanzlerin und Präsident über ihre Minister?

Verblüffenderweise haben sich Merkel und Hollande inmitten eines weltpolitischen Orkans nichts zu sagen. Immerhin, der Herausforderungen sind sie sich bewusst. "Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir zu meinen Lebzeiten mit einer solchen Vielzahl ernster Krisen konfrontiert waren", sagte Steinmeier in Paris. Was er nicht sagt: Paris und Berlin finden keine gemeinsame Antwort darauf. Im Gegenteil.

Die Regierungen befänden sich in einem "ökonomischen Stellungskrieg", verlautet es aus höchsten Kreisen des Deutschen Bundestages. Die Wortwahl klingt angesichts von Millionen Kriegstoten in den Grabenkämpfen vor hundert Jahren zynisch, gemeint ist aber, dass damals wie heute Welten aufeinanderprallen. Damals gaben sich die Regierungen beider Länder dem Nationalismus hin. Heute dagegen, so heißt es aus dem Bundestag, gäben sich die Regierungen der "wechselseitigen Präsentation unterschiedlicher ökonomischer Dogmatik" hin. Im Klartext heißt das: Wenn sich Frankreich und Deutschland ökonomisch weiter auseinanderentwickeln, steht Europa vor der nächsten Zerreißprobe.

Schon jetzt redet Hollande nicht mit Merkel, weil er sich von ihr nicht über das Festhalten am europäischen Fiskalpakt und daraus resultierenden strengeren Sparmaßnahmen für Frankreich belehren lassen will. Diese Argumentation bekam zuletzt Valls von der Kanzlerin zu hören. Und Merkel? Sie fürchtet ihrerseits den Oberlehrer Hollande. Der, so die Berliner Interpretation, wolle Merkel von den gängigen Theorien des Internationalen Währungsfonds über die notwendige Belebung der Euro-Zonen-Wirtschaft überzeugen. Demzufolge solle Deutschland mehr investieren, der Staat könne beispielsweise mehr Straßen bauen und Brücken sanieren, wohingegen drastischere Sparmaßnahmen für Frankreich kontraproduktiv für die Europäische Union seien.

Die Folge: Das deutsch-französische "Dissenzthema Reformen", so analysiert man im Führungskreis des Bundestages, führe zu einer "Vertrauens- und Handlungskrise in Europa, die sich Deutsche und Franzosen nicht leisten könnten".

Nun droht auch noch die EU-Kommission damit, den Haushaltsplan der Franzosen nicht zu akzeptieren. Sie fordert laut französischen Presseberichten acht Milliarden Euro an zusätzlichen Sparmaßnahmen und denkt über Sanktionen nach. Und das, obwohl die Franzosen bereits ein Sparprogramm in Höhe von 21 Milliarden Euro beschlossen haben, was für französische Verhältnisse ein Rekord ist. Mehr lehnt die Pariser Regierung kategorisch ab.

Was also tun?

Die alarmierten Planungsstäbe im Pariser und Berliner Außenministerium haben bereits Ideen gesammelt. Sie wollen Frankreichs hohe Militärausgaben honorieren und sie als Plus bei den Brüsseler Beratungen über die Einhaltung des Fiskalpakts einbringen. Konkret sollen geschätzte zwei Milliarden Euro, die Frankreich in diesem Jahr zusätzlich für seine aktuellen Militäreinsätze im Irak, Mali und der Zentralafrikanischen Republik ausgibt, nicht zum französischen Staatsdefizit gezählt werden, über das Brüssel wacht. Dieses Defizit wird 2015 weiterhin die vom Fiskalpakt geforderte Drei-Prozent-Marke deutlich überschreiten.

Mancher Politiker in Berlin schüttelt darüber den Kopf: Es dürfe zu keinem Ablasshandel zwischen Verteidigungs- und Wirtschaftspolitik kommen. Die Deutschen könnten den Franzosen doch nicht sagen, dank ihrer glänzenden außen- und verteidigungspolitischen Leistung bekämen diese einen haushaltspolitischen Blankoscheck, werfen Parteifreunde der Kanzlerin ein. Doch von Madame Non, wie Merkel seit Beginn der Euro-Krise von ihren Gegnern genannt wird, hört man weiterhin vor allem nichts. In ihrem Umfeld glauben die Beamten ohnehin, dass sie zu Frankreich am liebsten schweigt. Parole: Mund halten! Denn jede Kritik, egal, ob positiv oder negativ, läuft Gefahr, jenseits des Rheins als deutsche Bevormundung missverstanden und im Gegenzug für taktische Spielchen missbraucht zu werden.

Die Franzosen macht das langsam nervös. Sie fürchten, dass sie bei der Kanzlerin auf Granit beißen. Dass ihnen das Sonderverhältnis, die viel beschworene deutsch-französische Achse, nichts mehr nützt. "Wir haben die gegenseitigen Vorurteile in den vergangenen 60 Jahren sehr weit abgebaut, aber sie sind nicht verschwunden", warnt Gérard Courtois, Leitartikler der Pariser Tageszeitung Le Monde. "Die alte Rede von der Stärke Deutschlands und der Leichtfertigkeit Frankreichs – das kommt schnell zurück!"

In der Krisenstunde zeigt sich allerdings auch, dass die Deutschen den Franzosen militärisch mindestens ebenso eklatant hinterherhängen, wie die Franzosen den Deutschen bei den Wirtschaftsreformen. So wollte der französische Außenminister Laurent Fabius eigentlich gemeinsam mit Steinmeier seine Reise im September zu den Kurden im Nordirak antreten, mit der er die Bedeutung des französischen Militärengagements gegen den "Islamischen Staat" unterstrich. Doch Steinmeier musste absagen, die deutsche Politik war noch nicht so weit.

Darüber hinaus fordert der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian eine europäische Militärintervention gegen Al-Kaida in Südlibyen. Zu viel auf einmal, geht nicht, antworteten bislang die Deutschen. Premierminister Valls wollte sich das während seines jüngsten Deutschland-Besuchs nicht länger gefallen lassen: "Europa ist nicht verteidigungsfähig. Wir nehmen unsere Verantwortung wahr, aber nicht alle tun das", zürnte Valls den Deutschen wegen ihrer Enthaltsamkeit.

So dreht die deutsch-französische Achse durch. Taten, die eine gemeinsame Führungsrolle in Europa unter Beweis stellen, gibt es weder an der Budgetfront noch an der Kriegsfront gegen den islamischen Terror. Höchste Zeit also, dass die deutsch-französischen Beziehungen wieder zur Chefsache werden.