Offenbar bringt es wenig, dass Vertreter fast aller Parteien seit Jahrzehnten beteuern, wie sehr die Chancengleichheit von Männern und Frauen am Ende allen nütze. Die Quote erinnert daran, dass das nicht immer stimmt – und es in der Gleichstellungspolitik nicht nur Gewinnerinnen gibt, sondern auch Verlierer. Schließlich kann es für jeden Führungsposten nur einen geben. Oder eben eine. Wo eine Masse ist, da kann die andere nicht sein, heißt es in der Physik. Und den Aufsichtsratsjob, den eine Frau besetzt, wird ein Mann definitiv über Jahre nicht mehr bekommen.

Doch das sagt keiner laut. Unternehmen mit gemischten Teams seien erfolgreicher, heißt es stattdessen. Und für begeisterte Väter sei es doch ein wahrer Segen, wenn Frauen aufstiegen, besser verdienten und auf diese Weise den Karrieredruck von ihren Partnern nähmen. Der amerikanische Soziologe John Goodman will sogar herausgefunden haben, dass Männer in Partnerschaften mit annähernd gleichen Einkommen und geteilter Haus- und Familienarbeit nicht nur gesünder und glücklicher sind, sondern auch mehr Freude am Sex haben. Er behauptet, dass diese Art der Arbeitsteilung generell zufrieden mache.

Klingt gut. Ein bisschen zu gut, finden manche Männer. Man kann solche Studien schließlich auch anders lesen: Beruflich erfolgreiche Männer finden leichter attraktive Partnerinnen – und sind unter anderem deshalb glücklicher. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ein männlicher Arbeitsloser aus Cottbus beim anderen Geschlecht das gleiche Glück hat, nur weil er bügeln kann oder regelmäßig den Geschirrspüler leert.

Erfolg macht sexy, Misserfolg einsam – diese brutale Regel des Beziehungsmarktes gilt nicht immer, aber für Männer häufiger als für Frauen. Partnerschaften, bei denen der Mann weniger verdient als die Frau, scheitern überdurchschnittlich oft. Mehrere Umfragen zeigen, dass Frauen aller Altersgruppen sich nach wie vor Partner mit Geld, Karriere und Status wünschen.

Männern werden Fehlschläge außerdem seltener verziehen. Scheitern Frauen im Beruf, können sie das oft leichter kaschieren. Wenn sie beteuern, sie wollten sich ohnehin intensiver um die Kinder kümmern, um den kranken Mann oder die pflegebedürftigen Eltern, können sie mit mehr Zustimmung rechnen als Männer. Die ernten eher skeptische Blicke. So mischt sich in die Wut der Männer manchmal auch Angst – Angst vor dem Abstieg, vor dem Alleinsein sowie die Furcht, im härter werdenden Wettbewerb nicht zu bestehen.

Alles zusammen führt zu Aggressionen, Phlegma – oder auch zu Häme. Vor einigen Jahren schon beschäftigte sich der kürzlich verstorbene FAZ- Herausgeber Frank Schirrmacher mit dem Aufstieg der damaligen Fernsehmoderatorinnen Sabine Christiansen und Elke Heidenreich, der Bertelsmann-Chefin Liz Mohn und den Verlegerinnen von Suhrkamp und Springer, Ulla Berkéwicz und Friede Springer. 80 Prozent der Bewusstseinsindustrie seien jetzt in weiblicher Hand, stöhnte Schirrmacher damals in einem Ton, als sei gerade die Rote Armee zum zweiten Mal in Deutschland einmarschiert: "Eine Telefonistin, ein Kindermädchen, eine Schauspielerin und Schriftstellerin und eine Stewardess definieren das Land." Spitz erinnerte Schirrmacher daran, wie Mohn, Springer und Berkéwicz an die Spitze kamen – durch ihre Beziehungen zu mächtigen Männern.

Aber auch Männer, die entspannter auf weibliche Macht schauen als Schirrmacher oder die Autoren von WikiMANNia mögen die Quote oft nicht. Sie sagen: Nichts gegen den Aufstieg von Frauen – aber warum soll gerade meine Chance auf einen besseren Job darunter leiden? Ganz besonders fragen sich das diejenigen, die sich intensiv um ihre Kinder kümmern. Also Männer, die so leben, wie es sich viele Feministinnen erträumen.

Matthias Aschenbrenner ist so ein Mann, Mathematikprofessor und Vater von drei Töchtern. Er sitzt an einem Julinachmittag in einer großen Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg, neben ihm kritzelt die vierjährige Paula in einem Malbuch, und die einjährige Teresa krabbelt über Holzdielen. Als Aschenbrenner vor sieben Jahren zum ersten Mal Vater wurde, musste er mit seiner Frau Kirsten über die Betreuung der ältesten Tochter Franziska nicht lange verhandeln. "Es war immer klar, dass wir beide gleich lang im Job aussetzen – erst sie, dann ich, jeder für ein Semester", erzählt er. Kirsten Wandschneider, Aschenbrenners Frau, ist ebenfalls Professorin. Sie lehrt Volkswirtschaftslehre. Man könnte sich die beiden jungen Professoren mit ihren hübschen Töchtern gut in einem Werbefilm des Familienministeriums über moderne Partnerschaften vorstellen, so lässig scheinen sie zwei akademische Karrieren mit Elternschaft zu verbinden. Doch die Familie lebt in Kalifornien, Kirsten und Matthias sind gerade gescheitert bei ihrem Versuch, ihr Familienleben in Deutschland fortzusetzen.

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet das Paar in Amerika, und beide würden gern zurückkehren. Allerdings stand immer fest, dass sie ihre unbefristeten Professorenstellen in Los Angeles nur dann aufgäben, wenn auch beide in Deutschland eine neue feste Stelle fänden. Nicht nur der Mann. Nicht nur Matthias.

Umso verrückter kommt es ihnen jetzt vor, dass ihre Lebensplanung ausgerechnet durch die spezifisch deutsche Art der Frauenförderung gestört wird: Die beiden hatten sich auf zwei Stellen in Berlin beworben, für die sie jeweils fachlich hervorragend qualifiziert waren. Für Kirsten gab es eine feste Zusage, und Matthias stand auf Platz eins der Kandidatenliste. Trotzdem scheiterte er. Die Stelle musste an eine Frau vergeben werden.

Erst während des Berufungsverfahrens kam nämlich heraus, dass es sich um eine besondere Stelle handelte, um eine sogenannte vorgezogene Neubesetzung, die unter anderem mit Mitteln aus einem Frauenförderprogramm finanziert wurde. "Damit war ich draußen", erinnert sich Aschenbrenner. "Diese Stelle bekommt in jedem Fall eine Frau, auch wenn ich – fachlich gesehen – besser sein sollte." Und so hat die Familie mittlerweile die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Und Deutschland sind zwei Spitzenkräfte entgangen.

Wie sehr gerade engagierte Väter mit der Quote hadern, stellt auch Volker Baisch fest. Er hat die Väter GmbH gegründet, eine Unternehmensberatung für familienfreundliche Betriebe. Als er sich bei Vätern über ihre Haltung zur Frauenquote erkundigte, stieß er auf zwei Reaktionen: Einige wenige fanden sie gut. Die Mehrheit aber sah sie kritisch – und wollte sich öffentlich nicht äußern. Das Thema erscheint den Männern heikel, sie befürchten Nachteile im Beruf, wollen nicht beleidigt wirken und schon gar nicht als Gescheiterte dastehen. Und doch fühlen sie sich nicht ausreichend gewürdigt. "Gerade junge Väter haben das Gefühl, dass sie jetzt die Versäumnisse der Männergenerationen vor ihnen ausbaden müssen", sagt Baisch. Diese älteren Männer hätten noch alle guten Jobs unter sich verteilt, sodass die Quote jetzt wie ein ebenso nötiger wie unfairer Kraftakt erscheint. "Und das ärgert sie. Auch wenn sie guten Willens sind und ihren Partnerinnen den Aufstieg gönnen."

Solche Männer sind zu Recht genervt, wenn hauptberufliche Gleichstellungsbeauftragte auch noch darauf pochen, dass ausschließlich Frauen ihre Unterstützung verdienen – selbst dort, wo Männer in der Minderheit sind. Frauenministerin Manuela Schwesig hat in ihr Quotengesetz schreiben lassen, dass die neue 30-Prozent-Regel für Chefposten in öffentlichen Unternehmen und Behörden für Männer und Frauen gelten soll. Das bedeutet: In den seltenen Fällen, in denen es sehr wenig männliche Chefs gibt, müssten dann eben Frauen gelegentlich verzichten. Gegen diese Passage des Gesetzes rebelliert der Verband der Gleichstellungsbeauftragten.

Dabei haben nicht nur in vielen Schulklassen und Universitäten Mädchen und Frauen die männliche Konkurrenz bereits abgehängt. Auch im Beruf haben sie es jetzt mitunter leichter. Die Soziologin Lena Correll untersuchte beispielsweise, nach welchen Kriterien Unternehmen ihre Bewerber für Vorstellungsgespräche auswählen. Dabei kam heraus, dass kinderlose Frauen in 84 Prozent der untersuchten Fälle eingeladen wurden, gefolgt von Vätern (73 Prozent) und kinderlosen Männern (62 Prozent). An letzter Stelle standen die Mütter, die nur für 47 Prozent der Arbeitgeber interessant waren.

Aus einer neuen Untersuchung von zwei Wissenschaftlern der Universität Marburg und des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung geht hervor, dass Männer heute im Schnitt fast anderthalbmal so viele Veröffentlichungen vorweisen müssen wie Frauen, um einen Lehrstuhl für Soziologie zu ergattern. Zwar sind Aufsätze in Fachzeitschriften nicht der einzige Maßstab für die Eignung eines Bewerbers, aber ein sehr wichtiger. Die Studie zeigt: Es gibt zwar noch keine gesetzliche Frauenquote – aber dafür eine Quote in den Köpfen.

Lange wurde in Deutschland vor allem geredet und geredet über Spitzenpositionen für Frauen, während wenig geschah. Bis heute ist der Anteil von Frauen in Deutschlands Vorständen mit 6,95 Prozent nicht viel größer als der im Vatikan. Seit einigen Jahren aber suchen viele Konzerne und Verwaltungen intensiv nach Kandidatinnen für herausgehobene Positionen und haben dabei viel Fantasie entwickelt: Es gibt Mentoringprogramme, Betriebskindergärten, Netzwerke. In vielen Konzernen hängt der Bonus von Managern bereits von der Zahl der Frauen in ihrem Bereich ab, ein Instrument, das sich als besonders wirkungsvoll erweist. "Im ersten Jahr hat sich bei uns gar nichts getan, da dachten die Männer wohl noch, das sei nicht ernst gemeint", erzählt Sigrid Nikutta, die als Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe über 10 000 Mitarbeiter führt. Als die männlichen Chefs aber merkten, dass sich Frauenfreundlichkeit auf ihrem Konto bemerkbar macht, wurden sie plötzlich munter. So hat sich der Anteil von weiblichen Führungskräften bei der BVG innerhalb von vier Jahren mehr als verdoppelt – allerdings nur von 32 auf 75 Frauen.