DIE ZEIT: Spüren Sie nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft in Brasilien eine Sattheit unter den deutschen Nationalspielern?

Horst Hrubesch: Dazu darf es nicht kommen. Ich habe ja direkten Einblick in den Nachwuchsbereich und kann Ihnen garantieren: Sowohl die A-Nationalspieler als auch die von mir betreuten Talente, sie alle spielen Fußball, um zu gewinnen – unabhängig davon, wie viele Titel sie schon errungen haben oder wie viel Geld sie verdienen. Wir Trainer stehen in der Pflicht, die Gier nach Erfolg aufrecht zu erhalten.

ZEIT: Wie gelingt Ihnen das?

Hrubesch: Indem wir unsere Mentalität beibehalten. Denn eins steht fest: Wenn wir uns jetzt hinsetzen und uns auf dem Erfolg ausruhen und nur auf unsere taktischen Finessen vertrauen, dann haben wir demnächst ein Problem. Nein, wir werden die Füße nicht stillhalten. Wir können uns dabei übrigens die Spanier zum Vorbild nehmen.

ZEIT: Die Spanier sind in der Vorrunde der Weltmeisterschaft ausgeschieden.

Hrubesch: Na und? Das dürfen Sie nicht überbewerten. In diesem Fall ist es einfach gegen sie gelaufen, sie hätten machen können, was sie wollen, wären wahrscheinlich nicht mehr in die Spur gekommen. Das war einfach Pech. Die Spanier haben eine wahnsinnig hohe Qualität, bis hinunter in die Jugendmannschaften. Zwischen 2008 und 2012 haben sie den europäischen Fußball dominiert. Ihre Größe können Sie daran erkennen, dass sie nicht in Hektik verfallen sind und weder den Trainer noch sonst einen Verantwortlichen ausgetauscht haben.

ZEIT: Mehr und mehr Bundesligatrainer setzen auf junge Spieler, also diejenigen, die in Ihren Verantwortungsbereich als Trainer der U 21 fallen. Diese gelten als besonders belastbar, sie regenerieren sich schnell. Sind Sie stolz auf diese Entwicklung?

Hrubesch: Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass ich schon vor Jahren den Einsatz von talentierten deutschen Spielern gefordert habe. Damals setzten die Vereine lieber auf ausländische Spieler. Nachdem deren Einsatz gesetzlich begrenzt wurde, konzentrierten wir uns mehr auf die Nachwuchsarbeit. Das hat sich gelohnt. Im Moment sind wir in diesem Bereich weltweit konkurrenzlos. Wir müssen jedoch aufpassen, dass wir die Jugend nicht überstrapazieren.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Hrubesch: Wir haben eine Fürsorgepflicht für unsere jungen Spieler. Sie sind noch Kinder, wenn wir sie im Alter von elf oder zwölf Jahren im Rahmen von Schülerlagern zusammenbringen und trainieren. Wir müssen ihnen helfen, erwachsen zu werden, sie anleiten und mitnehmen, müssen ihnen Verantwortung übertragen und auf der anderen Seite Hilfestellungen leisten. Ich will sogar noch weitergehen: Wenn man die Kinder mit elf Jahren holt, dann sollte man auch mit ihnen arbeiten, bis sie die Schule abgeschlossen haben. Wenn wir sie nach einem Jahr wieder nach Hause schicken, dann kippt die Rieseneuphorie oft in maßlose Enttäuschung.

ZEIT: Gehört diese Fürsorgepflicht in den Verantwortungsbereich von Hansi Flick, dem neuen Sportdirektor des DFB?

Hrubesch: Nicht nur. Darauf sollte jeder von uns im Verband und in den Vereinen achten.

ZEIT: In welchen Bereichen gibt es noch Potenzial zur Verbesserung beim DFB?

Hrubesch: In der Zusammenarbeit zwischen den Trainern der verschiedenen Altersklassen könnten wir uns weiterentwickeln. Die Koordination fällt in Hansi Flicks Aufgabenbereich. Wenn wir in allen Bereichen gemeinsam in dieselbe Richtung gehen, dann sind wir auf Dauer konkurrenzfähig. Das Gute an Flick ist: Er kennt den Verband, er weiß um alle Tücken und alle Stärken.

ZEIT: Als Koordinator könnte er jedoch auch Gefahr laufen, sich unbeliebt zu machen.

Hrubesch: Ob ich Dachdecker bin, DFB-Sportdirektor oder U-21-Trainer, wenn ich nur den Kopf einziehe, werde ich keinen Erfolg haben. Natürlich wird er sich unbeliebt machen, aber genau das macht doch einen guten Koordinator aus, auch bei Widerstand mal Haltung zu zeigen.

ZEIT: Am Freitag spielt Ihre Mannschaft in der Qualifikation für die EM gegen die Ukraine. Sechs der letzten acht Partien haben Sie gewonnen ...

Hrubesch: ... genau hier greift wieder meine Anfangsthese: Die Gier nach dem Sieg wird trotz der Erfolge groß sein. Unser Ziel ist es, uns für die EM zu qualifizieren, diese am liebsten zu gewinnen und bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio anzutreten. Fußballspielen heißt, zu träumen, und davon wird man nie satt.