Also noch einmal Helmut Kohl: grob und beleidigend, nichts und niemand entgeht seinem Zorn, der politische Berserker spricht, der Mann mit dem Elefantengedächtnis, der Feinde und ungetreue Weggefährten wieder und wieder mit Worten zermalmt. Von Weizsäcker, Blüm, Töpfer, Süssmuth, Späth, Geißler, Merz: alles Verräter oder Ahnungslose – sehr freie Rede aus dem Keller von Oggersheim, zwischen März 2001 und Oktober 2002 von dem Ghostwriter der Kohlschen Memoiren aufgezeichnet, jetzt frisch auf den Markt getragen in einem Buch, das den vollmundigen Titel Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle trägt.

In seiner Ausgabe vom Montag hatte der Spiegel in seiner Titelgeschichte bereits die schlimmsten Stellen zitiert, Merkel "konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen", Wulff "ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null". Es sind Verbalinjurien, aber Kohl will ihre Veröffentlichung nicht, er ist mit dem Buch nicht einverstanden. Außer Heribert Schwan, der das Buch auf Biegen und Brechen herausbringen wollte, würde ein jeder hier von einem Vertrauensbruch sprechen. Die Frage ist nur, ob er gerechtfertigt war, denn manchmal muss die Wahrheit ans Licht, da wiegt das Interesse der Öffentlichkeit schwerer als das Diskretionsbedürfnis eines Politikers. In diesem Fall ist das jedoch nicht so. Wieso gibt es das Buch trotzdem?

Heribert Schwan ist 69, früher arbeitete er als Journalist beim WDR und beim Deutschlandfunk. Irgendwann begann er biografische Bücher über Politiker zu schreiben, über Johannes Rau, Wolfgang Schäuble oder Roman Herzog, eher lockere Bände, denen Gesprächsprotokolle zugrunde lagen oder auch Zulieferungen von Kollegen, die er dafür bezahlte. Kurz nach der Jahrtausendwende erhielt er den Auftrag, die Kohl-Memoiren zu verfassen. Der Kanzler der Einheit wählte ihn zu seinem Sprachrohr. Nach über hundert Sitzungen verfügte Schwan am Ende über nicht weniger als 630 Stunden Kohl-Sprech. Leider wurde er 2007 nach Band drei von Kohl und seiner jetzigen Frau Maike Kohl-Richter gefeuert. Der vierte Band war halb fertig. Die Kränkung sitzt tief.

2001 hatte sich Kohls Frau Hannelore umgebracht. Schwan veröffentlichte zehn Jahre später ein Buch über sie, in dem auch der Ehemann beziehungsweise dessen Verhalten als einer der Gründe für den tragischen Entschluss seiner Frau angeführt wird. Kohl wertete den Tenor des Buches damals als Rache, seither gilt Schwan als Feind.

Was folgte, war ein Prozess, in dem es darum ging, wer die Tonbänder behalten durfte. Kohl gewann in zwei Instanzen, seither lagern die Bänder bei ihm. Nicht so die Abschrift, die Heribert Schwan zuvor angefertigt hatte. Sie bildet nun die Grundlage für das Buch, das einen Kohl zeigt, der 2001, als er die Auskunft über die Herkunft von Spenden an seine Partei verweigerte und seine Demontage in der CDU einsetzte, gegen alle wütet, die ihm Unterstützung verweigerten, und das waren damals fast alle Granden der Partei.

Juristisch ist die Publikation verzwickt, es geht um die Menge der Zitate

Was Kohl von Geißler, Biedenkopf oder von Weizsäcker hält, ist nie ein Geheimnis gewesen, nicht einmal die Härte seiner Urteile überrascht. All das ist bekannt. Die Kohl-Protokolle erzwingen keine neue Lesart der alten Bundesrepublik. Ein alerter Schwan spricht auf der Buchpräsentation von "neuen Facetten", "Ergänzungen zu dem Menschen". "Wie Kohl tickt" habe er dokumentieren wollen, "wie der denkt". Tatsächlich besteht die mediale Sensation darin, dem Mann selbstvergessen-wütende Zitate abgerungen zu haben, einem Mann, der wie kein anderer die Deutungshoheit über sich als Politiker kontrollieren wollte. Und der heute gesundheitlich stark eingeschränkt ist.

Schwan behauptet, die Gespräche mit Kohl seien niemals vertraulich im Sinne einer Schweigepflicht gewesen, und selbstverständlich habe der Altkanzler ihm das Recht eingeräumt, das Material später publizistisch zu verwerten: "Der würde mir heute auf die Schulter klopfen und sagen: Gut gemacht. Da können Sie Gift drauf nehmen."

Wieso Kohls Anwälte Stephan Holthoff-Pförtner und Thomas Hermes die Veröffentlichung dieses Buches nicht verhinderten, ist juristisch ein verzwickter Fall. Natürlich lief vor einigen Tagen das obligate Fax beim Heyne Verlag in München ein, das Heribert Schwan eine unrechtliche Verwendung vertraulicher Materialien vorwarf. Die Auslieferung des Buchs zu stoppen wurde allerdings nicht gefordert.

Tatsächlich beziehen sich die beiden Urteile des Landgerichts und des Oberlandesgerichts Köln über den Verbleib der Tonbänder nur auf den materiellen Besitz derselben, nicht aber auf die Verwendung des auf ihnen gespeicherten Wortlauts. Und urheberrechtlich liegt der Fall nicht so eindeutig. "Wir haben das natürlich einkalkuliert", meint Rainer Dresen, Justiziar des Medienhauses Random House. "Wir orientieren uns da an einem Urteil in einem Streit, den vor einigen Jahren Günter Grass gegen die FAZ geführt hat."

In diesem Streit war es um einen vertraulichen Brief von Grass gegangen, aus dem die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitiert hatte. Das Gericht entschied, dass ein Abdruck des gesamten Schreibens gegen das Urheberrecht verstieße, nicht jedoch eine kurze Passage daraus. Rainer Dresen schildert, wie dementsprechend auch die Autoren jetzt (neben Heribert Schwan wirkte Tilman Jens mit) nach klaren juristischen Vorgaben einen Text um die Kohl-Zitate herumstricken mussten: "Wir haben darauf geachtet, dass die Zitate kurz bleiben, nie länger als drei oder vier Zeilen. Außerdem beträgt der Zitatanteil im Buch nur etwa zehn Prozent."

Das Buch ist also eine Art Konstrukt von Rechtsanwälten, bereits auf den kritischen Richterblick zugeschnitten. Die Zitate sind praktischerweise kursiv gesetzt, Bewunderndes über Kohl steht darin und auch etwas Kritisches. Niemand kann hier von einer Material-Ausschlachtung reden. Formal ist das Ganze eine Eigenleistung zweier Autoren, kein Kohl-Potpourri. Und deswegen wird auch niemand das Buch noch aufhalten. Um eine einstweilige Verfügung zu erwirken, müssten sich Kohls Anwälte erst einmal über den Text beugen, um eine unrechtmäßige Verwendung von Zitaten zu belegen. Das braucht Zeit. In den kommenden Tagen wird sich, auch dank des Spiegel- Vorabdrucks, mindestens ein Teil der Auflage von 100.000 Exemplaren verkaufen. Dann kann ein Richter das Unternehmen vielleicht wirklich aufhalten, aber bis dahin ist das Kalkül des Verlages längst aufgegangen.