DIE ZEIT: Herr Schlott, was hat sich für Sie zuletzt verändert?

Rainer Schlott: Das fragen Sie einen, der auf der Insel der Beständigkeit lebt, auf Hiddensee. Was sich ändert, das sind nur die Bücher, die über diese Insel geschrieben werden.

ZEIT: Zuletzt Kruso, ein Roman über Hiddensee als Refugium und Sehnsuchtsort in der späten DDR. Lutz Seiler bekommt dafür den Deutschen Buchpreis. Haben Sie’s schon gelesen?

Schlott: Noch nicht. Ich habe es mir vor Kurzem gekauft. Mal sehen, wann ich dazu komme.

ZEIT: Ist die Insel nun in heller Aufregung wegen des Bucherfolges?

Schlott: Nein, die Hiddenseer sitzen alles aus, auch das Gute. Es gibt weder Stürme der Entrüstung noch der Begeisterung – wenn ich das so blumig sagen darf. Und es ist ja nicht das erste Buch über unsere Insel. So viele Schriftsteller reisen hierher, Gerhart Hauptmann hatte im Dorf Kloster sogar ein Haus. Auch Schauspieler kommen. Ich betreibe einen kleinen Laden namens Strandgut, da treffe ich viele Leute. Inzwischen ist mein Auge geschult, ich sehe den Leuten sofort an, ob sie Künstler oder gar Prominente sind. Zuletzt war Ilja Richter da, der Schauspieler. An Sebastian Krumbiegel von den Prinzen erinnere ich mich auch. Manche vermummen sich extra, dann gucke ich etwas genauer hin. Andere wollen unbedingt erkannt werden. Die sagen allen Ernstes: "Ich bin doch der und der!"

ZEIT: Was kaufen Promis in Ihrem Laden ein?

Schlott: Die wollen was Kreatives, aus Keramik. Nix von der Stange. Sie sind auf der Suche nach Stücken, die es woanders nicht gibt. Bei mir gibt’s zum Beispiel viel Bernstein-Schmuck.

ZEIT: Haben Sie Lutz Seiler schon getroffen?

Schlott: Nein, den noch nicht. Aber ich kann mich an einen anderen Autor erinnern, der hat einige Jahre hier gelebt. Und dann schrieb er ein Buch, das – ich sag’s mal zurückhaltend – nicht gerade nett war. Es geht darin um einen Mann, der auf Hiddensee sein Seelenheil sucht, das aber nicht findet. Und sich dann über die Menschen beklagt, die alle etwas zurückgeblieben seien. Manche sind eben überfordert von unserer Ruhe. Trotzdem kommen sie immer wieder.

ZEIT: Warum zieht es denn so viele Autoren zu Ihnen?

Schlott: Hier ist es einfach einmalig: alles ganz klein und verletzlich. Es gibt keine einzige Stadt, nur drei Dörfer. Ich zum Beispiel lebe im kleinsten, in Neuendorf. Sie können in fünf Minuten von der einen Seite, der Meeresküste, bis zur anderen Seite, dem Boddenufer, laufen. Manche Urlauber tippeln von der Fähre runter und fragen: Wo ist die Shoppingmeile? Aber es gibt keine, nur Luft und Natur. Das Dorf besteht aus ein paar geduckten Häusern, die aussehen, als hätte man sie zwischen die Deiche getupft. An den Grundstücken finden Sie kaum Zäune, weil den Neuendorfern in der Regel nur das Land gehört, auf dem ihr Haus steht. Es ist so abgeschieden bei uns, dass die Moden der Gesellschaft gar nicht erst ankommen. Wir hängen immer hinterher. Das war auch in der DDR schon so.

ZEIT: Erklärt das schon den Mythos?

Schlott: Viele Urlauber wollen sich nach dem Frühstück ins Auto setzen und irgendwohin fahren, unterwegs sein, jeden Tag etwas unternehmen. Bei uns geht das nicht. Keiner darf mit dem Auto auf die Insel, abgesehen von der Feuerwehr, der Polizei, dem Arzt und noch ein paar ausgewählten anderen. Hier sitzt man, und das war’s. Vielleicht regt das Nichtstun die Gedanken an, macht frei im Kopf. Das meiste lernt man doch über sich, wenn man die Beine stillhält und mal richtig runterfährt. Das geht nur auf Hiddensee. Vielleicht ist es das, was Schriftstellern so gefällt.

ZEIT: Lutz Seiler schreibt, dass auf Hiddensee Gescheiterte der DDR strandeten. War das so?

Schlott: Es kamen viele, die rauswollten aus dem Alltagstrott. Das Buch spielt ja im Klausner, einer Gaststätte im Norden. Der Klausner ist seit je etwas eigen, weil der so weit weg ist. Eine Einöde innerhalb der Einöde. Ganz früher, vor 100 Jahren vielleicht, war das Areal so abgeschieden, dass sich die Menschen selbst versorgten. Die hatten ihr Vieh, und so kamen sie allein durch. Von dieser Lebenseinstellung ist bis heute etwas geblieben. Die Leute wollen eher für sich sein.

ZEIT: War die DDR auf Hiddensee weniger gegenwärtig?

Schlott: Weil wir hier so abgeschieden sind, ist auch das DDR-System an uns ziemlich vorübergegangen, will ich meinen. Wir sind stoisch-norddeutsch.

ZEIT: Andererseits machten früher viele Funktionäre auf der Insel Urlaub. Manche Normalbürger durften nicht mal auf die Fähre.

Schlott: Auf den Dampfer passten vielleicht 200 Leute. Erst durften die Einheimischen drauf, dann die FDGB-Urlauber. Und wenn die Fähre voll war, war sie voll. Da standen manche und schimpften, aber das war eben so. Der Mythos der Insel beruht auch darauf, dass viele sie nicht betreten konnten bis zur Wiedervereinigung.

ZEIT: Was hat sich nach 1990 geändert?

Schlott: Es ist alles modern geworden. Wir hatten beizeiten die neueste Technik: Telefon und ein tolles Abwassernetz und Pipapo. Anfangs regierte ein Bürgermeister, der aus Helgoland gekommen war und der viel Geld vom Land und vom Bund rangeholt hat. Ich arbeitete als Koch in der Heiderose, einem großen Lokal. Nach und nach kamen viele Chefs aus dem Westen und erzählten uns, wie wir nun zu arbeiten hätten. Wir kamen uns vor, als seien wir alle zu blöd. Ich habe mir das nicht lange mit angesehen. "Dann macht das allein, ich mache was anderes", habe ich gesagt. Und später dann meinen Laden aufgemacht.

ZEIT: Sind Sie das ganze Jahr über auf der Insel?

Schlott: Klar. Im Winter fahre ich alle vier Wochen mal einkaufen, rüber aufs Festland.

ZEIT: Wird Ihnen nicht manchmal langweilig?

Schlott: Mir nicht. Im Sommer haben wir rund um die Uhr zu tun, im Winter weniger. Aber das genießt man dann. Ich schließe meinen Laden am 31. Oktober zu, und am 12. April mache ich ihn wieder auf. In den Monaten dazwischen kümmern wir uns darum, die Insel wieder ein bisschen für den nächsten Frühling herauszuputzen. Aber Sie haben recht, viele Saisonarbeiter fallen im Spätsommer in ein mentales Loch. Man kann das fast im Kalender ablesen. Rund um den 21. August hauen reihenweise die Arbeiter ab, sind einfach nicht mehr da. Das nennt man dann wohl Inselkoller.