Als die Kunst aufblühte, hatte der Mensch Europa gerade erst erreicht. Kaum waren die afrikanischen Auswanderer bis ins heutige Frankreich und auf die Iberische Halbinsel vorgestoßen, begannen sie dort Höhlen mit großartigen Gemälden zu versehen – ausgefeilten Porträts von Pferden, Löwen, Nashörnern und allerlei sonstigem Großwild. Die ältesten Malereien in der französischen Grotte Chauvet entstanden vor rund 35.000 Jahren. Teilweise genauso alt sind kunstvolle Elfenbeinskulpturen aus den Höhlen der schwäbischen Alb: üppige Frauenfiguren, Vögel, Mammuts, Pferde oder zoomorphe Gestalten, halb Löwe, halb Mensch. Der "Urknall der Kunst", davon sind viele Experten auch heute noch überzeugt, fand in Europa statt.

Doch in dieser Woche erschüttern australische Fachleute diese eurozentrische Kulturthese zutiefst. Die Untersuchung von Zeichnungen und ockerfarbenen, an die Wand gesprühten Handnegativen aus Kalksteinhöhlen auf der indonesischen Insel Sulawesi hat ein beeindruckendes Alter ergeben: Ein Handabdruck auf einer Höhlendecke in der Gegend von Maros und Pangkep könne nicht jünger sein als 39.900 Jahre, schreiben die Forscher in Nature . Gleich in der Nähe fanden sie das verwitterte Abbild eines vermutlich weiblichen Hirsch-Ebers: Die Darstellung dieses langnasigen Säugers (der mit dem Schwein verwandt ist und bei dem auch die Weibchen Eber genannt werden) muss, glaubt man den Datierungen der Experten, vor mindestens 35.400 Jahren entstanden sein.

Vor allem die Darstellungen von Händen sind ihren europäischen Pendants verblüffend ähnlich: In den südfranzösischen Höhlen Pech Merle und Gargas oder in der Cueva de la Garma in Nordspanien hatten sich Steinzeitler einst den Mund mit Flüssigfarbe gefüllt. Dann drückten sie die Hand gegen den Fels und besprühten die Wand – dasselbe Motiv findet sich aus späterer Zeit fast überall auf der Welt, in Australien wie in Südamerika. Die ältesten Hände dieses Typs, vermuten nun Maxime Aubert von der Griffith University und seine Kollegen, finden sich in der Inselwelt östlich von Borneo.

Entpuppt sich mit den altsteinzeitlichen Funden auf Sulawesi die These vom europäischen Kulturexport in alle Welt als Illusion? Unumstritten war die Idee vom abendländischen Ursprung der schönen Künste nie. "Entscheidend ist, ob diese Datierungen wirklich zuverlässig sind", sagt der Tübinger Paläoanthropologe Nicholas Conard. Er erforscht seit Jahren die Objektkunst im frühen Schwaben und hat "mit der Idee, dass Menschen auch in Südostasien Kunstwerke schufen, gar kein Problem". Genauso wenig sein Kollege von der Universität Köln: Für Tilman Lenssen-Erz, Leiter der afrikanischen Felsbildforschung, sind die Daten durchaus "schlüssig".

Die Uran-Thorium-Methode, mit der die Forscher zwölf Handnegative und zwei Tierzeichnungen aus sieben Höhlen datierten, gilt als verlässlich. Mit ihr können Proben untersucht werden, die Hunderttausende Jahre alt sind. Die Radiokarbondatierungen hingegen werden ab einem Alter von 30.000 Jahren sehr unpräzise.

Das Uran-Thorium-Verfahren basiert auf dem radioaktiven Zerfall von Uran-Isotopen zu Thorium. Das Ausgangsmaterial ist im Gegensatz zum Endprodukt wasserlöslich. Zu dem Zeitpunkt, in dem das Uran mit dem Nass in die Höhle gelangt, sind folglich keine der Uran-Zerfallsprodukte darin vorhanden. Mit den Sinterablagerungen aber beginnt die radioaktive Uhr zu laufen. Indem man heute Ausgangs- und Zerfallsisotope misst, kann man das Alter der Kalkstücke bestimmen.

An den indonesischen Frühwerken ermöglichte sogenanntes "Höhlen-Popcorn" die Datierung – eine Art Kleinststalaktiten. Die Wissenschaftler bestimmten das Alter der darunterliegenden Sinterschichten und das Alter des Kalk-Popcorns, das sich nach den Kreativitätsschüben der frühen Sulawesier auf deren Werken gebildet hat. So erhielten sie zwei Werte: Die natürliche Kalkgrundierung unter den Farbpigmenten war teils mehr als 100.000 Jahre alt, der Sinter auf den Farbpigmenten bis zu 39.900 Jahre. Irgendwo dazwischen liegt der Zeitpunkt, an dem die Paläoartisten den Mund voll genommen und den bunten Inhalt auf Hände und Felsen gesprüht haben.

Der Kölner Urgeschichtler Lenssen-Erz hätte sich gewünscht, dass die Forscher noch mindestens ein zweites, unabhängiges Labor mit der Datierung beauftragt hätten: "Wenn man mit einer so großen Sache kommt, sollte man sich besser absichern." Sämtliche Daten jedoch stammen von einem einzigen Institut – was sie angreifbar macht.