Die Illusion, politische Stabilität ließe sich durch Demokratieverbot erkaufen, stirbt nur schwer. Sie hält sich besonders hartnäckig im Falle Chinas. Grund dafür ist der wirtschaftliche Aufstieg des Landes. Funktioniert doch! So denkt die halbe Welt und sieht die Ursache des Erfolgs in einem Kommandosystem, in dem nicht lange gefackelt, sondern rasch entschieden wird.

Wem gehört die Zukunft? So wird seit ein paar Jahren gefragt. Dem demokratischen, jedoch bisweilen dysfunktionalen System des Westens? Oder dem zwar autoritären, aber hocheffizienten Staatskapitalismus nach chinesischem Muster? Nicht wenige, auch in Europa und Amerika, meinen, so schlimm sei das nicht mit der Diktatur, solange der Laden laufe.

Und nun dies. Das Volk spielt, wieder einmal, nicht mit. In Hongkong sind die Studenten zu Zehntausenden auf die Straße gegangen, haben das Regierungs- und das Finanzviertel besetzt und den Machthabern in der Stadt und im fernen Peking einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Mit ihrer "Regenschirm-Revolution" wehrten sie sich dagegen, dass ihnen die freie Wahl ihres Regierungschefs verweigert werden soll.

Als "Gewissen der Nation" stehen die Studenten in bester Tradition

Inzwischen sind sie wieder in die Universitäten zurückgekehrt. Und weder in Hongkong noch in Peking haben die Regierungen eingelenkt. Ist der Protest also gescheitert? Überhaupt nicht. Er hat eine Wahrheit in Erinnerung gerufen, für die es in Chinas Geschichte ungezählte Beispiele gibt: Herrscher, die nicht auf das Volk hören, werden von diesem eines Tages davongejagt.

Mit ihrem Aufbegehren stehen Hongkongs Studenten in bester Tradition der jungen akademischen Elite Chinas, die spätestens seit der Reformbewegung vom 4. Mai 1919 als das "Gewissen der Nation" gilt. Der Führung der KP täte es gut, wenn sie sich dessen erinnerte.

Peking aber denkt nicht daran, erklärte den Protest für "illegal" und ließ über die Parteipresse ein "resolutes" Durchgreifen androhen. Klug ist das nicht. Weiser wäre es, in Hongkong ein Experimentierfeld zu sehen. Die Stadt ist Teil Chinas, hat aber einen besonderen Status. Ihre Bewohner genießen Rechte, die den Menschen in der Volksrepublik ansonsten verwehrt sind. Rede- und Versammlungsfreiheit zum Beispiel.

Die Briten haben in Hongkong keine Demokratie hinterlassen, wohl aber einen funktionierenden Rechtsstaat mit einer sauberen Verwaltung. Genau das, was China braucht, wenn es sich weiterentwickeln soll.

Hongkong ist eine friedliche, wohlhabende Stadt mit gebildeten, durch und durch pragmatischen Bürgern. Nirgendwo in China ließe sich die Demokratie Schritt für Schritt gefahrloser einführen als hier. Gefahrlos für ein Regime, das zwar bis zum heutigen Tag eine knallharte Einparteienherrschaft ist, dessen führende Köpfe aber wissen, dass auf die wirtschaftliche Modernisierung politische Reformen folgen müssen.

Ein demokratisches Hongkong wäre ein Experiment, bei dem China nur gewinnen könnte.Denn so wie Deng Xiaoping einst Wirtschaftssonderzonen einrichtete, kapitalistische Enklaven, in denen China die Marktwirtschaft ausprobieren konnte, so könnte das Land am Beispiel Hongkong studieren, dass eine freie Presse, unabhängige Richter und eben auch freie Wahlen ein Gemeinwesen nicht ins Chaos stürzen.

Nun kann man einwenden, genau diesen Lerneffekt müsse das Regime mehr als alles andere fürchten. Leider scheint das auch Präsident Xi Jinping so zu sehen. Nie seit Mao und Deng verfügte ein Staats- und Parteichef über eine so große Machtfülle wie der seit 2012 amtierende Xi. Er nutzt sie, um die Repression weiter zu verschärfen. Selbst gemäßigte Kritiker werden mundtot gemacht. Soeben wurde der uigurische Wirtschaftsprofessor Ilham Tohti, der stets auf den Dialog mit dem Regime gesetzt hatte, zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein maßloses Urteil.

Xi Jinping weiß, wie schlecht es um den Ruf der KP steht. Aber er zieht daraus die falschen Schlüsse. Er bekämpft die Korruption, zielt aber vor allem auf Rivalen in der Partei. Kritik wird mit immer schärferer Zensur beantwortet.

Die Volksrepublik ist heute eine wirtschaftliche Supermacht, als Industriestandort und Handelsnation mit der ganzen Welt eng verflochten. Auch mit Deutschland. An diesem Freitag kommt Ministerpräsident Li Keqiang mit 13 Ministern, fast dem gesamten Kabinett, nach Berlin. Es sind die dritten Regierungskonsultationen seit 2011. Solche exklusiven Runden pflegt Deutschland nur mit seinen engsten Partnern, mit Frankreich, Italien und Israel.

Wenn China inzwischen zu diesen engen Partnern gezählt wird, dann muss bei diesen Treffen offen miteinander gesprochen werden. Offiziell geht es um die "Innovationspartnerschaft" zwischen beiden Ländern, ein 22-Seiten-Dokument ist vorbereitet. Schön wäre es, die Kanzlerin würde die Agenda um einen Appell erweitern: Traut euch mehr Demokratie zu. Und traut eurem Volk.

Angela Merkel und Außenminister Steinmeier, so ist aus der Bundesregierung zu hören, wollen sich nicht drücken, wollen Premier Li und Außenminister Wang Yi ins Gewissen reden. Hoffentlich hört man später etwas davon.

Wie einfach das gehen kann, zeigt Chinas berühmtester Künstler Ai Weiwei. Der verkündet in diesen Tagen frohgemut jedem, der es hören will: "Ich bin ein Hongkonger." Ein schönes Wort, sehr zur Nachahmung empfohlen. Gerade in Berlin, der Stadt John F. Kennedys.

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