Als Zeichen guten Geschmacks gilt allgemein, Distanz zum Kitsch zu wahren. Sehr guter Geschmack verbietet aber auch, sich krampfhaft um diese Distanz zu bemühen, und daher soll hier doch noch einmal von Tierbabys die Rede sein. Tierbabys sind bekanntlich viel niedlicher als Menschenbabys, und das hat seinen Grund: Sie werden ohne Erbsünde geboren.

Aufgeklärten Zeitgenossen mag die Erklärung nicht gefallen, aber auch sie werden zugeben müssen, dass Schuldloseres als ein neugeborenes Tier kaum denkbar ist. Es greift direkt ans Herz. Herzergreifend sind zum Beispiel Hundewelpen für Besitzer eines Konzertflügels, dessen Beine sie mit ihren messerscharfen Milchzähnchen in null Komma nichts von dem schwarzen Lack befreien können. Zu Herzen gehend sind sie auch für Sammler alter Schallplatten, deren Hüllen sie nicht nur anknabbern, sondern auch gründlich durchspeicheln. Es leuchtet unmittelbar ein, dass es viel Spucke braucht, bis durch die Druckfarbe des Coverbildes hindurch der Geschmack der reinen Pappe erkannt werden kann.

Andererseits müssen es nicht unbedingt hundert Platten sein, zehn würden für das Papp-Erlebnis genügen; genauso wie ein einzelnes Klavierbein für die Erkundung des typischen Steinway-Aromas reicht. Es ist erlaubt, den Welpen, mag er sich auch strampelnd widersetzen, von weiterer Forschung zu dispensieren und auf den Arm zu nehmen. Dort wird er sich schnell beruhigen und, wie der Fachausdruck lautet, lösen – das heißt ein Bächlein an der Menschenbrust herabrinnen lassen. Gibt es Bewegenderes? Jedenfalls gehört nicht der Strahl dazu, den ein Menschenbaby beim Wickeln der Säuglingsschwester ins Auge schießt, obwohl auch dies große Zutraulichkeit verraten mag.

Typischerweise setzt man die Entspanntheit beim Menschenbaby voraus, während sie beim Tierkind so tief erschüttert, weil sie die Grenze der Spezies überschreitet. Einen kleinen Jaguar in der Armbeuge zu tragen, kaum acht Wochen alt, und zu erleben, wie er sich erst selbst wäscht und dann, in überschießendem Leckeifer, auch noch den Menschenarm dazu – das ist ein metaphysisches Erlebnis, falls sich Metaphysik überhaupt in der Natur erleben lässt. Natürlich übertreibt der Jaguar die Reinigung und ist am Ende so nass, dass er friert und sich erst recht in der Armbeuge vergräbt, unter heftigem Einsatz der Pfoten, die mit spitzen Krallen ein schnell blutendes Liniennetz auf die Menschenhaut zaubern, das den Jaguar wiederum zu neuem, komisch bestürztem Leckeinsatz bringt – er weiß auch nicht, wie er dir das antun konnte.

Das sind so die Begegnungen. Wohl dem, der dafür keine Tränen hat, die noch einmal zum Gebrauch der rosa Katzenzunge führen könnten. Es gibt aber weitaus Schlimmeres für die Gemütsruhe, und das ist die Umkehrung des Verantwortungsverhältnisses zwischen Mensch und Tier. Man weiß zwar, dass Brut- und Pflegeverhalten die Gattung überschreiten können und Katzenmütter manchmal ein Kaninchen, sogar Entenküken oder ein Rehkitz in ihre Obhut nehmen. Es ist aber noch einmal etwas anderes (und nicht einmal Seltenes), wenn in Indien ausgesetzte Menschenbabys von einer streunenden Hündin angenommen, gewärmt, gepflegt und versuchsweise gesäugt werden. Das jämmerlichste aller jämmerlichen Wesen – ein Straßenköter in Indien – , und es erbarmt sich des Menschen! Der in ausgewachsenem Alter für einen Hund nichts als Flüche und einen Steinwurf übrig hat. Ich bin der strikten Meinung, dass über Mensch und Tier, über Schöpfung und Erbsünde auch von den glaubensfernsten Naturwissenschaftlern noch einmal neu nachgedacht werden muss.