Es ist guter Brauch, dass sich der Journalismus nicht in den Vordergrund drängt. Besonders dann nicht, wenn die Ereignisse von tragischer Natur oder von historischer Dimension sind. In diesem Jahr jedoch passiert in der Politik so viel, dass die Wucht der Geschichte anfängt, unseren Journalismus zu verändern, zunächst unbemerkt, auch von uns selbst, mittlerweile massiv. Und weil sich der Journalismus heute auf Augenhöhe mit den Leserinnen und Lesern bewegt, wollen wir transparent machen, was hinter dem Gedruckten liegt.

Im März begann die Annexion der Krim und damit ein gewaltsamer Konflikt in Europa. Im gleichen Monat starben in Guinea einige Dutzend Menschen, damals noch wenig beachtet, am Ebola-Virus. Im Juni rückte dann die bis dahin weithin unbekannte Terrorgruppe IS auf Bagdad vor. Außerdem werden die Nachrichten im Jahr 2014 beherrscht vom nicht enden wollenden Bürgerkrieg in Syrien, vom Zerfall Libyens und vom Schicksal von Zigmillionen Flüchtlingen. Dahinter stehen heimische Probleme wie die Euro-Krise zurück, innenpolitische Streitpunkte wie die Maut gelten da schon als lustige Stimmungsaufheller.

Die harmloseste Folge dieser Entwicklung für den Journalismus ist dessen Veraußenpolitisierung, mit der Folge, dass viele von uns gewissermaßen auf international umschulen müssen.

Etwas anderes geht viel tiefer: Noch nie hat die ZEIT so viele Reporter in Gefahrenzonen geschickt wie in diesem Jahr. Das wirft beunruhigende Fragen auf: Wie viel Risiko für wie viel Erkenntnis ist angemessen? Woher können wir überhaupt wissen, wie hoch das Risiko jeweils ist? Schusssichere Westen oder keine? Was geschieht im Falle einer Entführung? Neu sind diese Fragen beileibe nicht, doch nun prägen sie den Alltag.

Heutzutage fühlen sich die Leser nicht mehr verpflichtet, Zeitung zu lesen, darum bemühen wir uns auch in der Politik, die Themen zu mischen: leicht und schwer. Jedoch zwingt uns die Wucht der Ereignisse jetzt allzu oft ins Schwere. Wir wissen: Darin liegt eine Zumutung für die Leser. Doch auch an uns geht dieses ständige Eintauchen in die Logik der Bürgerkriege, das Ansehen von grausigen Fotos nicht spurlos vorüber. Zuweilen wird im Politikressort schon darüber gestritten, was schlimmer ist, IS oder Ebola. Einfach, weil jeder versucht, das Grauen abzutragen, das eine oder andere hintanzustellen, um es verkraften zu können. Alles zugleich, das halten wir schwer aus (aber was heißt schon Aushalten für uns, gemessen an den realen Opfern?). Die Frage: Wie erhält man sich das Mitgefühl, ohne sich hineinziehen zu lassen, denn wir sind Journalisten, zur Distanz verpflichtet.

Wo wenig Hoffnung zu finden ist, da liegt der Trost oft nur noch im Verstehen. Man versucht, sich einen Reim auf die Ereignisse zu machen. Doch leider, die Realität reimt sich nicht. Für viele Syrer ist der IS nicht schlimmer als Assad. Für die Türkei ist die PKK der historische Feind, nicht der IS. Und wenn sich dann mal alle einig sind, dass es legitim ist, Bomben zu werfen, so heißt das eben noch lange nicht, dass diese Bomben auch die Richtigen treffen. Die Hoffnungen, zu denen wir uns aufraffen, werden oft enttäuscht.

Wir leben in einem fast idyllischen Deutschland und zugleich in schlimmen Zeiten. Fürs Erste haben wir beschlossen, nicht zu verdrängen, sondern getreulich zu berichten, wir versuchen, immer neu zu zeigen und zu verstehen, was geschieht, wir irren öfter als gewöhnlich, schämen uns dafür aber nicht mehr. Und wir hoffen natürlich, dass die Leserinnen und Leser diesen Weg mitgehen.