Die kurdisch-syrische Enklave Kobani liegt direkt an der türkischen Grenze und wird seit Wochen vom Islamischen Staat (IS) belagert und bedroht. Zehntausende mussten fliehen. Nur kurdische Milizen verteidigen die Stadt. Die Türkei hat die zweitgrößte Armee der Nato, sie könnte Kobani retten. Warum tut sie es nicht?

Weil der schlimmste Feind des türkischen Staates nicht der IS ist, sondern die PKK. Die kurdische Arbeiterpartei ist auch in den USA und Europa als Terrororganisation verboten. Zur PKK zählen der syrische Ableger PYD und die kurdische Volksverteidigungsmiliz YPG. Das sind die Einheiten, die in Kobani gegen den IS kämpfen.

Staatspräsident Tayyip Erdoğan hat kürzlich in einer Rede auf einer Veranstaltung des World Economic Forum Folgendes gesagt: "Bei einer Terrororganisation wie dem Islamischen Staat erhebt sich nun jeder. Aber niemand erhob sich, als eine Terrororganisation wie die PKK da war. Warum waren damals alle stumm?" Die türkische Regierung betont immer wieder, dass der IS für sie eine Terrororganisation unter vielen ist. Für die meisten Türken, ob Anhänger der AKP-Regierung oder nicht, ist der Krieg zwischen der Türkei und der PKK Teil des kollektiven Gedächtnisses und die PKK eine konkrete Bedrohung, mit der sie seit mehr als 30 Jahren leben müssen. Zu viele türkische Söhne sind als Soldaten gefallen, wurden von der PKK in einem erbitterten Guerillakrieg getötet und sind in Särgen aus dem Osten des Landes zurückgekommen. Dass auch kurdische Söhne gestorben sind, wird unter Türken häufig ignoriert. Die Bedrohung durch den IS dagegen ist nicht fassbar, und sie scheint weit weg zu sein. Von dem Kampf zwischen YPG und IS merkt man in Istanbul, Ankara und Izmir (noch) nicht viel, auch wenn man die Bilder aus dem fernen Osten des Landes im Fernsehen sieht.

Obwohl der Krieg bis an die Grenze herangerückt ist und bereits regelmäßig Geschosse auf türkischem Boden landen, rührt sich das türkische Militär nicht; und obwohl die Regierung seit zwei Jahren offiziell mit der PKK und dem ehemaligen Anführer und Staatsfeind Nummer eins, Abdullah Öcalan, über eine Entwaffnung verhandelt, sucht sie jetzt in der akuten Bedrohung durch den IS nicht das Bündnis mit den eigenen und den syrischen Kurden, sondern überlässt Kobani sich selbst. Die Priorität der türkischen Regierung ist es nicht, den IS zu bekämpfen oder die kurdische Bevölkerung zu beschützen. Sie will in erster Linie den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad stürzen. Erdoğan – er war damals noch türkischer Premier – hat sich zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 sehr schnell festgelegt. Der starke Mann der Türkei wollte der starke Mann der Region werden. Er bleibt bei seiner Haltung, auch im Angesicht der dramatischen Lage in Kobani. Die türkische Regierung will nur Truppen einsetzen, wenn "auch die anderen ihren Teil dazu beitragen", so drückte es Premierminister Ahmet Davutoğlu es in einem Interview mit CNN aus. Er meinte damit die Mitglieder der Anti-IS-Koalition.

Dabei könnten die Türken jetzt schon eingreifen. Vorige Woche hat das Parlament in Ankara mit den Stimmen der Regierungspartei AKP und der Nationalisten einem Mandat zugestimmt, wonach die türkische Armee in Syrien und im Irak intervenieren kann, gegen Terrororganisationen wie den IS – und die PKK.

Es gäbe für die türkische Regierung noch andere Möglichkeiten einzugreifen. Sie könnte die Kurden bewaffnen. Diesen Vorschlag machte Selahattin Demirtaş, kurdischer Kandidat bei der türkischen Präsidentschaftswahl im August und Chef der prokurdischen Partei HDP. Er wies darauf hin, dass die Kurden der einzige verbleibende Puffer zwischen der Türkei und dem IS seien, und fragte: "Wenn wir schon dabei sind, über Frieden zu verhandeln, warum gibt man der PKK keine Waffen?"

Aus türkischer Perspektive muss das verrückt klingen: Soll man den Feinden selber die Waffen in die Hand drücken? Kurden mit Waffen, unter dem Kommando der PKK oder YPG – das ist ein unberechenbarer Faktor für die türkische Regierung.

Das türkische Kalkül war bislang: Die militanten Islamisten und die Kurden bekämpfen sich gegenseitig. Die Kurden halten die Islamisten von der türkischen Grenze ab, und die Islamisten dämmen die kurdischen Autonomiebestrebungen im grenznahen Rojava ein, einem De-facto-Staat, zu dem Kobani gehört und der für alle Kurden längst zu einem Symbol geworden ist. Doch es könnte sich bald zeigen, was für einen hohen Preis dieses Kalkül hat. Im Moment denken die Türken ähnlich wie einige reiche arabische Privatleute aus den Golfstaaten, die den IS unterstützt haben: Das sind nützliche Barbaren, die man jederzeit kontrollieren kann. Eine Fehleinschätzung. Ein weiterer Fehler dieser Art kann jetzt dazu führen, dass der IS direkter Nachbar der Türkei wird.

Sollte Kobani in die Hände der islamistischen Terroristen fallen, ist es wahrscheinlich, dass der Konflikt zwischen der Türkei und der PKK wieder aufflammt. Für die Kurden wäre die türkische Regierung mitschuldig, wenn der IS es schaffte, die Stadt einzunehmen. Anschläge, Kämpfe im Osten und Straßenschlachten zwischen militanten kurdischen Gruppen und der türkischen Polizei in den Städten wären die Folge. Sie haben bereits begonnen, in Van, Hakkari, Erzurum, aber auch im Westen in Bursa oder in Istanbul. Daran wird auch die Zusicherung der türkischen Regierung nichts ändern, weiterhin Flüchtlinge aufzunehmen.

Nicht nur die PKK, auch Kurden, die nichts mit der PKK zu tun haben, könnten die türkische Regierung von nun an wieder als Feind betrachten. Nicht alle Kurden unterstützen die PKK, viele von ihnen sind AKP-Wähler. Der renommierte türkische Journalist Ruşen Çakır hat die Auswirkungen der türkischen Politik so beschrieben: "Man kann nicht die Herzen der Kurden in Syrien brechen und glauben, dass man sie in der Türkei gewinnen könnte."

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