Man mag von Pisa-Studien halten, was man will, mich als lange schon in Deutschland lebende Finnin haben sie beglückt: Seit sich hierzulande herumgesprochen hat, wie gut finnische Kinder lesen können, werde ich weniger nach Mücken und den schrägen Vögeln in Kaurismäki-Filmen gefragt. Stattdessen wollen meine deutschen Freunde plötzlich wissen, wie wir Finnen das nur machen mit dem buchbegeisterten Nachwuchs. Ist Finnland nicht ohnehin eins der letzten wahren Leseländer?

Natürlich tun mir solche Fragen gut, nach nunmehr vierzig Jahren, in denen ich darauf gewartet habe, nach, sagen wir, Jean Sibelius gefragt zu werden oder Alvar Aalto und dann erst nach sirrenden Plagegeistern und Tresenhockern, die in einer Sprache mit zu vielen Y und Ä vor sich hin schweigen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich auf die neuen Fragen vernünftige Antworten weiß. Noch schlimmer: Zu jeder möglichen Antwort fallen mir selbst Fragen ein, meist eher skeptische.

Nehmen wir den schnellen Schluss von der Lesefähigkeit aufs tatsächliche Lesen. Den ziehen auch meine Landsleute gern und verweisen auf die weltweit höchsten Ausleihzahlen unserer Büchereien. Rund 13 Bücher pro Kopf und Jahr sind es in Finnland, die Deutschen dagegen leihen im Durchschnitt nur rund drei Bücher im Jahr in öffentlichen Bibliotheken aus. Seltsam bloß, dass dabei niemand die hohen finnischen Preise erwähnt. Bücher sind in Finnland gern mal doppelt so teuer wie in Deutschland. Sie sind Schätze, die man pflegt und in gut gestalteten Regalen aufbewahrt. Doch viele können sich diese Schätze erst gar nicht leisten – sie leihen sich Bücher aus. Das macht Finnland nicht zu einem Nichtleseland, aber es rückt den Ausleihrekord der Bibliotheken in ein etwas weniger strahlendes Licht.

Was sagen denn die finnischen Kollegen, die sich intensiver mit der Materie befassen?

Ich beschließe, Timo Parvela zu fragen. Timo war lange Lehrer und ist heute der überaus erfolgreiche Autor der Ella-Bücher, die ich das Vergnügen habe, ins Deutsche zu übersetzen – Vergnügen auch deshalb, weil es die komischsten Kinderbücher sind, die ich kenne. Sie erzählen von Grundschülern, die mit immer neuen wilden Ideen stets das Gute wollen und das Chaos schaffen. Im neuesten Buch zum Beispiel helfen sie einem Zirkus, dem – nicht ohne ihr Zutun! – das Zelt über dem Kopf zusammenstürzt, und bieten ihm als Ausweichquartier die Schulturnhalle an. Dass ausgerechnet jetzt eine Gruppe Inspektorinnen und Inspektoren vom Oberschulamt kommt, können sie ja nicht wissen; schon gar nicht, dass die Damen und Herren so weltfern sind, dass sie Ton zum Töpfern von beispielsweise Teetassen nicht von Elefantenkacke unterscheiden können.

Es ist der vollkommene Aberwitz, und Kinder schmeißen sich weg. Würde man mich fragen, was denn das Typische an der gegenwärtigen finnischen Kinderliteratur sei, würde ich sagen, genau das: das Aberwitzige, allenfalls heimlich auf einen moralischen Lerneffekt hinzielende Wilde, mit dem sich die deutsche Kinderliteratur, glaube ich, ein bisschen schwerer tut.

Aber ich schweife ab. Ich wollte mit dem Autor der Ella-B ücher reden und treffe ihn im Café Strindberg auf den Esplanaden, der Prachtstraße Helsinkis. Wie also steht es ums Lesen in Finnland und insbesondere bei den Kindern?, will ich von ihm wissen. Er antwortet mit einem Zitat: "Die Finnen sind ein Volk von Lesern – noch." Das ist auch die erste von zehn Thesen, die man auf der Website von Lukukeskus, dem finnischen Lesezentrum, nachlesen kann, einer Organisation zur Leseförderung, in der Timo sich schon länger engagiert. Die Thesen basieren auf Studien zum Leseverhalten finnischer Kinder. "Wieso noch?", frage ich. "Weil unsere Kinder und Jugendlichen gut lesen können, es aber immer weniger gern tun", erklärt mir Timo.

Ich wundere mich, wie gut gelaunt der erfolgreiche Kinderbuchautor von etwas spricht, das er doch eigentlich als Bedrohung empfinden müsste. Oder muss er sich persönlich keine Sorgen machen, weil in Zeiten abnehmender Leselust seine komischen Bücher besonders gefragt sind? Wird, wenn überhaupt, nur noch leichte Kost gelesen? Habe ich es hier etwa mit einem Profiteur der drohenden finnischen Lesekrise zu tun?

Während ich noch überlege, kommt Timo auf seine neuen Schreibpläne zu sprechen. Er möchte etwas gegen die abnehmende Leselust tun, statt nur darüber zu lamentieren, und wird darum den Klassendödel aus den Ella- Geschichten zum Helden einer eigenen kleinen Buchreihe machen – mit weniger Text, dafür mit deutlich mehr Bildern: das leicht zu lesende Computertagebuch eines kleinen Jungen, der leider immer wieder vergisst, dass alles, was er einen aus seiner Clique mitlesen lässt, auch von allen anderen in der Clique mitgelesen werden kann.

Timo möchte, klar, die Jungs ansprechen, die auch in Finnland die Sorgenkinder der Leseförderer sind. Knapp 18 Prozent der Jungen in neunten Klassen tun sich laut der aktuellsten Pisa-Studie inzwischen mit dem Lesen schwer. Noch vor zwölf Jahren waren es nur elf Prozent. Timos neue Bücher mit dem männlichen Helden werden auch altersmäßig niedriger ansetzen, um vielleicht sogar schon die Schulanfänger abzuholen.

Noch etwas weiß Timo von den Leseforschern wie aus seiner Erfahrung als Lehrer und Autor: Leserin oder Leser wird man zu Hause, und je früher man es wird, desto wahrscheinlicher bleibt man es fürs Leben. Wer kleine finnische Jungs zum Lesen bringen will, muss die großen finnischen Jungs mit ins Boot holen. Ich stelle mir sofort eine Werbekampagne vor, die finnischen Vätern klarmacht, dass sie mit ihren Sprösslingen nicht nur Fische fangen, Eishockey spielen und an der Playstation Formel-1-Rennen nachfahren sollten, sondern vielleicht auch Bücher lesen.

Doch da scheint Timo seine Zweifel zu haben, jedenfalls klingt sein sonst so ansteckendes Lachen merkwürdig verhalten. Während wir uns einem vorzüglichen süßen Schwarzbrot mit gebeiztem Lachs zuwenden, fällt mir ein, dass er passionierter Angler und Vater unter anderem eines Sohnes ist. Ich frage aber nicht nach, ob er selber ein vorlesender Vater ist oder war, sondern überlege mir (aber wirklich nur für einen kurzen Augenblick!), ob ich einmal ein ernstes Wort mit meinem finnischen Schwiegersohn reden sollte, der als großartiger Vater von vier Kindern zwar brav jeden zweiten Abend die Gutenachtgeschichte übernimmt, sonst aber eher zur Playstation und zum Eishockey tendiert.