Sind Emotionen politisch? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: natürlich nicht.

Auch wenn wir seit Langem wissen, dass Emotionen ein unverzichtbarer Bestandteil charismatischer Führung oder der Kunst der Rhetorik sind, stehen sich Gefühl und Politik fremd gegenüber. Die Politik lebt von der Öffentlichkeit, Gefühle sind privat. In der Politik geht es um kollektiven Nutzen und rationale Konsensfindung, während Gefühle irrational und oft selbstdestruktiv sind. Politik ist die Kunst des umsichtig verfolgten Eigeninteresses, des Lügens und Gewinnens. Emotionen sind der expressive, wahre, authentische Teil des Selbst, nicht der strategische. Die Politik zeigt sich in öffentlichen Räumen und Gütern, während Emotionen oft unsichtbar darauf reagieren, wie wir die Welt stillschweigend miteinander teilen, ohne dass wir uns dessen immer voll bewusst wären. Wo die Politik die planende Ausgestaltung einer Gesellschaft mit Blick auf das Wohlergehen eines Kollektivkörpers betrifft, sind Emotionen nichtreflexiv, ungeplant, spontan, privat – sie werden von Individuen erlebt und sind nur diesen bekannt. Kurzum: Es fällt schwer, sich ernsthafte Berührungspunkte zwischen den beiden Sphären vorzustellen.

In ihrem ambitionierten neuen Buch Politische Emotionen aber zeigt die Philosophin Martha Nussbaum, in welchem Ausmaß politische Ordnungen in Wirklichkeit mit Gefühlen durchsetzt sind. Ihre Studie fordert uns dazu auf, die Rolle der Emotionen in der Struktur der liberalen Gesellschaft selbst zu untersuchen und der Frage nachzugehen, welche Rolle sie in einer Theorie der Gerechtigkeit spielen sollten.

Nehmen wir Phänomene wie Diskriminierung oder Nationalismus. Nussbaum regt an, diese politisch aufgeladenen Erscheinungen aus emotionaler Perspektive neu zu durchdenken: Diskriminierung oder Rassismus seien Formen sozial organisierter Abscheu, die den Körper des Juden, des Schwarzen oder des Unberührbaren als gefährlich darstellten, weil er mit symbolisch und physisch schädlichen Substanzen infiziert sei – was für Nussbaum der Grund ist, warum diese Körper als bedrohlich sexuell oder aggressiv wahrgenommen werden.

Patriotismus ist ein weiteres Beispiel für einen kollektiven Zusammenhang, in dem politische Arrangements auf emotionale Weise ausgehandelt werden – hier anhand der Leitfrage, wie wir unsere Liebe zu einem Kollektiv und unsere Verpflichtung gegenüber jenen, die diesem nicht angehören, ins rechte Gleichgewicht bringen sollen. Nachdem sie die emotionale Dimension solcher kollektiven Phänomene herausgearbeitet hat, kann sich Nussbaum im nächsten Schritt dem genuinen Geschäft der Philosophie widmen und nach einer normativen Grundlage suchen, die die Frage zu beantworten erlaubt, welche Emotionen und emotionalen Normen liberale Gemeinwesen prägen sollten.

Zu diesem Zweck sichtet die Philosophin, wie man es von ihr gewohnt ist, eine atemberaubende Bandbreite an Material: Mozarts Opern, einen beachtlichen Fundus an politischer Philosophie von Rousseau bis Dewey, griechische Tragödien, Lyrik, indische Politik (insbesondere Rabindranath Tagore), die Reden und Biografien von George Washington, Abraham Lincoln, Winston Churchill oder Martin Luther King. Ihre Methode besteht zumal darin, intellektuelle Genres und Denker miteinander ins Gespräch zu bringen, die einander so fern sind wie etwa Auguste Comte und Tagore oder Washington und Gandhi.

In der Breite ihres Wissens, der Luzidität ihrer Prosa und ihrem Einsatz für die Werte des Liberalismus kommt Martha Nussbaum einem weiblichen Pendant zu John Stuart Mill so nahe wie niemand sonst. Trotzdem hinterlässt die Lektüre ihres Buches bei mir ein merkwürdiges Unbehagen. Allzu oft nämlich mobilisiert Nussbaum ihr imposantes Wissen, um abgedroschene Argumente und philosophisch uninteressante Grundannahmen vorzutragen. Ich möchte dafür drei Beispiele anführen.

Nach einer ungemein subtilen Lektüre von Tagores Werk lautet das Fazit ihrer Analyse wie folgt: "Die Gesellschaft muss sich in ihrem Innersten eine stets neue Freude an der Welt und den Menschen bewahren und permanent darauf zugreifen können. Sie sollte Liebe und Freude dem Erwerb materieller Güter vorziehen, dem sich so viele Menschen verschrieben haben, und sie sollte ständigem Fragen und Suchen den Vorrang vor tröstlichen fertigen Antworten geben."

Gewiss hat Nussbaum Originelleres zu bieten als die Erkenntnis, dass sie "Liebe und Freude" der "Leblosigkeit" materiellen Besitzes vorzieht. Die Banalität vieler ihrer Beobachtungen und Schlüsse ist indes die Folge einer bedenklicheren Unterscheidung, die die gedankliche Konstruktion des Werkes durchzieht. Es handelt sich um die Unterscheidung zwischen positiven und negativen Emotionen.

Auf die Frage, ob manche Emotionen anderen gegenüber bevorzugt werden sollten, antwortet Nussbaum mit Klischees: Liebe und Mitgefühl sollen privilegiert, Angst, Scham und Neid aus unseren politischen Ordnungen verbannt werden. Ich kann mir mindestens einen ernsthaften Einwand vorstellen: Negative Emotionen sind negativ nur aus der Perspektive eines Subjekts, das sie als unangenehm oder bedrohlich erlebt. Strukturell gesehen aber erweisen sich diese negativen Emotionen als durchaus zentral für den Fortbestand von Gruppen und sozialen Ordnungen.