Die Medienkrise! Das Zeitungssterben! Ja, ist schlimm, sagen viele. Aber anderen Branchen geht es auch schlecht. Außerdem sind die News doch jetzt im Internet. Und das war heute Morgen schon wieder voller als gestern.

Wenn wir über Medien in Hamburg sprechen, wird aus einem allgemeinen ein sehr viel konkreteres Thema: fünf Einsichten aus Hamburg für Macher und Nutzer.

Erstens: In Hamburg sind Medienhäuser immer auch – Häuser

Man muss nur zur Elbe gehen, schon sieht man, was Medien für die Stadt bedeuten. Da liegt das Verlagshaus von Gruner + Jahr wie ein riesiges am Baumwall vor Anker gegangenes Schiff. Die Fenster wie Bullaugen, die Fassade in der Farbe der Stahlkonstruktionen des Hafens.

Zumindest bislang liegt es noch da. Diese Hamburger Institution, stolz präsentiert bei jeder Hafenrundfahrt: Links sehen Sie das Feuerschiff, dahinter das Gebäude von Gruner + Jahr, wo unter anderem der stern produziert wird.

Oder heißt es bald: wurde?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Es gibt keine Gewissheiten mehr in der Branche, nicht einmal die, dass Gruner + Jahr am Wasser residiert. Diese Woche teilte der Mutterkonzern Bertelsmann aus Gütersloh mit, er werde den Hamburger Verlag von der Familie Jahr komplett übernehmen. Thomas Rabe, der Vorstandschef, sprach in einer Telefonkonferenz auch über das Haus am Hafen: Man werde prüfen, ob das Gebäude im Zuge der selbst verordneten Effizienz noch zu den Anforderungen passe.

Man muss kein investigativer Journalist sein, um herauszuhören, dass er den teuren Standort am liebsten sofort aufgeben möchte. Die Immobilienentwickler reiben sich sicher schon die Hände. Doch was für sie ein gutes Geschäft bedeutet, bedeutet es für Hamburg noch lange nicht.

Jeder in der Stadt weiß, wo das Spiegel-Gebäude steht, ein weiteres Wahrzeichen. Jeder weiß, dass der Baumwall die U-Bahn-Station der Geo- und stern-Redakteure ist. Und jeder Zeitungsleser weiß, dass diese Adressen längst zur Kulisse einer drastischen Auseinandersetzung geworden sind.

Zweitens: Wo früher Patriarchen herrschten, werkeln heute Manager

Rudolf Augstein konzipierte den Spiegel als "Sturmgeschütz der Demokratie", was hieß, sowohl interne Turbulenzen als auch die Anfeindungen des Marktes und der Konkurrenz zu überstehen. Gerd Bucerius war Verleger der ZEIT und zeitweilig Miteigentümer des sterns, mit dessen Gewinnen er streckenweise seine Wochenzeitung unterstützte, anstatt sie einem kurzfristigen Kalkül zu opfern. Axel Springer verdiente mit der Bild- Zeitung viel Geld, leistete sich aber auch die oft defizitäre Welt. Lange Zeit prägten diese Persönlichkeiten das Bild, das sich Leser von ihrem Medium machten. Sie waren Garanten für Qualität, Kontinuität, eine politische Linie.

Jetzt gehen bei vielen Zeitungen und Magazinen die Auflagen zurück. Es werden weniger Anzeigen gebucht, die Leser wandern ab ins Internet, wo sie journalistisch mehr oder weniger seriös aufbereitete Inhalte meist kostenlos bekommen.

Beim Spiegel mussten 2013 die Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron gehen, weil sie sich nicht einigen konnten, welche Inhalte im Heft gedruckt und welche im Netz verschenkt werden sollten. Der anschließend von der Nachrichtenagentur dpa geholte Wolfgang Büchner sitzt mittlerweile selbst auf einem Schleudersitz. Er müsse seinen Posten räumen, sobald ein passender Nachfolger gefunden sei, heißt es. Man kann das befremdend bis unanständig finden, wenn jemand einen Job machen muss im Wissen, dass man ihn so schnell wie möglich loswerden will. Noch schlimmer traf es Dominik Wichmann. Der ehemalige stern-Chef erfuhr von seiner Entlassung durch einen Journalisten, der ihn anrief und nach seinem bevorstehenden Rausschmiss fragte. Er war nur 15 Monate lang im Amt.

Dass Chefredakteure überstürzt ihr Büro räumen müssen, passiert auch anderswo. In Hamburg aber wird die Fahrlässigkeit dieser Personalpolitik auf schärfste Weise deutlich, gerade weil die Stadt auf eine große Tradition von Zeitungs- und Magazinmachern zurückblickt, die nicht nach kurzer Zeit geschasst wurden oder andere entließen, weil die Auflage nicht dem erträumten Soll entsprach.