Es ist ein Leitmotiv im Leben eines jeden lesenden Menschen: zu viele Bücher. Als Kind habe ich immer zu viele Bücher in der Schulbücherei ausgeliehen und zu viele Bücher zu spät zurückgegeben – weil ich sie noch mal lesen wollte oder weil sie so langweilig waren, dass ich sie vergessen habe. Als Studentin bin ich dann darauf gekommen, dass man Bücher ja auch kaufen und besitzen kann. Ab sofort war mein Konto ständig überzogen. Um mehr Geld zu haben, um mehr Bücher zu haben, suchte ich mir neben dem Studium einen Job. In einer Buchhandlung. Mein Konto blieb überzogen.

Heute kaufe ich immer noch zu viele Bücher, auch wenn ich keine Zeit habe, sie zu lesen, weil ich Manuskripte lesen muss – Texte, aus denen vielleicht einmal Bücher werden. Ich besitze zu viele Bücher, es gibt zu viele Bücher, und sogar ich als Frau, die selbst Bücher verlegt, habe den Überblick verloren.

Dass es zu viele Bücher gibt, weiß jede Lektorin, jede Buchhändlerin und jede Leserin. Warum es zu viele Bücher gibt, weiß jeder Kapitalist, jeder Controller und jeder, der immer mehr will. Höher, schneller, weiter! Mehr, mehr, mehr!

Um die 8000 neue Titel für junge Leser werfen wir inzwischen auf den Markt. Jedes Jahr! Wir übertreffen uns selbst und füllen Regalmeter um Regalmeter mit immer neuen Büchern. Die Arbeit hat in den Verlagen zum Teil absurde Züge angenommen:

Der Autor hat in den letzten zwei Jahren nur ein Buch geschrieben? Das geht nicht. Wir brauchen zwei Bücher im Jahr! Mindestens.

Die Autorin hat eine Bestseller-Trilogie geschrieben, die Geschichte abgeschlossen und will nun eine Schaffenspause machen? Nix da! Mit einem abartig hohen Vorschuss werden wir sie schon davon überzeugen, doch noch einen vierten Band zu schreiben. Ah, und wie wäre es mit einem Extraband, in dem alle Informationen rund um die Charaktere, Orte, Kleider, Haustiere und Sonnenbrillen, die in der Trilogie vorkamen, zusammengestellt sind? Man muss die Gunst der Stunde doch nutzen!

Ein Buch ist ein Longseller, verkauft sich seit Jahren gut, nur ist der Autor leider schon tot? Egal: Wir engagieren einen Ghostwriter für einen zweiten Band. Der kann ja nur erfolgreich werden.

Zum angesagten Trendthema gibt es fünfzehn Trilogien auf dem Markt? Verlegen wir die sechzehnte – was fünfzehnmal funktioniert hat, funktioniert auch noch einmal mehr. Wir müssen nur schnell sein!

Wir kennen von einem Buch nur drei Kapitel und sollen trotzdem bis morgen um zwölf Uhr ein hohes Angebot abgeben, um es verlegen zu dürfen? Klar, machen wir. Sonst bietet der Agent der Autorin das Manuskript einem anderen Haus an. Irgendeiner wird schon schnell viel Geld auf den Tisch legen. Man könnte ja sonst den nächsten Bestseller verpassen.

Wir wollen ein schönes Cover für ein schönes Buch, aber bitte, es soll genauso aussehen wie das Cover von Bestseller X. Schon irgendwie anders, aber doch ähnlich. Sonst versteht ja keiner, dass man das Buch einfach kaufen muss.

Komisch, dass ein Buch aussieht wie das andere. Komisch, dass ein Buch ist wie das andere, nicht wahr?

Höher, schneller, weiter, mehr. Die Buchbranche dreht sich um sich selbst. Wir drehen uns um uns selbst.

Auch ich will mehr: Ich will, dass Autoren mehr Zeit haben, ihre Bücher zu schreiben, zu denken, zu verwerfen, den Text liegen zu lassen. Ich will, dass Lektorinnen mehr Zeit für ihre Arbeit haben. Mehr Zeit, sorgfältig zu sein, zu formulieren, neu ranzugehen. Ich will, dass Programmleiterinnen mehr Zeit und mehr Text haben, um sich für ein Buch zu entscheiden. Oder dagegen.

Und ich will, dass die Bücher selbst mehr Zeit bekommen: mehr Zeit, gesehen und angefasst zu werden, sich rumzusprechen, dass sie nicht aus den Läden geschmissen werden, weil sie nach drei Wochen noch nicht auf der Bestsellerliste stehen. Ich will mehr Zeit, und ich will mehr Leidenschaft, mehr Liebe zum Detail, mehr Sorgfalt, mehr Respekt, mehr Interesse, mehr Begeisterung, mehr Anspruch und mehr Freude. Mehr, mehr, mehr!

Es gibt viel zu viele Bücher, aber ich mache trotzdem welche.

Ich mache Bücher, um Geld zu verdienen, damit wir weiter gute und schöne Bücher verlegen, die Büromiete und den Strom und unsere Gehälter zahlen können.

Ich mache Bücher, weil ich Bücher liebe. Weil ich Geschichten liebe, Worte, Sprache, das Singen eines Satzes, einer Übersetzung. Farbe, den Duft von Druckerschwärze, Papier, Typografie, Ideen, Herausforderungen. Ich mache Bücher für die Ewigkeit, auch wenn das hehr, größenwahnsinnig und altmodisch ist.

Ich mache Bücher für Kinder, die einmal Erwachsene sein werden, und für Erwachsene, die ihre Kindheit nicht vergessen haben. Ich mache Bücher für Menschen, nicht für Zielgruppen. Für Menschen, die Geschichtenglück und Worttrost lieben. Mehr, mehr, mehr!