Es gibt nicht nur ein autobiografisches Schreiben, es gibt auch ein autobiografisches Lesen. Autobiografisch las ich: Markus Metz und Georg Seeßlen, Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld. Ein Pamphlet. Das Buch sperrt mir gleich zu Anfang (der mit Vorneweg überschrieben ist) die Wege ab, die ich zu gehen pflege. Auch für mich, einen Kunstfreund, ist klar, dass mit der Kunst einiges nicht stimmt und dass man diese Unstimmigkeit mit dem Wort "Kunstmarkt" ausdrücken kann. "Man könnte sagen", sagen die Autoren in ihrem Vorneweg, "die Super-Kunstmarktkunst sei das eine, mein Besuch in einer kleinen, selbstausbeuterisch geführten Galerie, mein Genuss im Museum, sei doch etwas ganz anderes." So denke ich, die Autoren jedoch ganz und gar nicht. Seeßlen hat in einem Interview meine Haltung vernichtet: "Diese Illusion von der Doppelstrategie, dass man ein bisschen subversiv und ein bisschen angepasst sein kann, die auch viele Galeristen, Kuratoren und Journalisten haben, lässt sich à la longue nicht aufrechterhalten." Aber was macht das Buch zu meiner autobiografischen Lektüre?

Nie hätte ich gedacht, wieder einen Satz lesen zu dürfen, der da lautet: "Im Kunstwerk eignet sich der Kapitalist die Transzendenz seiner Gesellschaft an." Das ist die Sprache von 1968, die mir seinerzeit als Fremdsprache entgegenkam. Als 1947 geborener Österreicher bin ich bei allen welthistorischen Veränderungen nur Zaungast, und ich stelle mir das Berliner Lokal Zwiebelfisch vor, wo 1968 genialische Studenten einander die Wahrheit über die zerstörerischen Aspekte des Kapitalismus auch anhand der Kunst anvertrauten: "Die Auktion ist indes selber zum Metakunstwerk geworden, zur Selbstfeier des Neoliberalismus, wo man sich sowohl an den schwindelerregenden Summen als auch am Agon berauscht."

Na gut, "Neoliberalismus" kam später, aber im Zwiebelfisch hätte auch ein Vordenker sitzen können. "Agon" heißt "Versammlung" und mit der Klugheit der Sprache eben auch Wettstreit und Kampf: Wo die Leute sich versammeln, gibt’s Kampf! Zutreffend auch der Satz, der die Konkurrenz thematisiert: "Das Haben von Kunst will selber zur Megakunst werden."

Der linkshegelianische Akzent soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Argumentation der Autoren schlüssig ist: "Kunst ist ein übler Trick, den Menschen die Trivialitäten ihres Begehrens teuer zu verkaufen."

Die Ökonomisierung, so argumentieren die Autoren weiter, schneide die Kunst von dem ab, was sie einmal bedeutete, und ebenso von denen, denen sie heute etwas bedeuten könnte. Die Kunst in der Moderne sei, so Seeßlen im Interview, "Motor gesellschaftlicher Entwicklung ... im Sinne des Subjektbildens, als Vorgriff von Freiheit. Heute haben viele das Gefühl, das könne nicht mehr ›ihre‹ Kunst sein, von der sie sich mehr Freiheit, mehr Wahrnehmung, mehr Sensibilität erhofft haben, wenn diese eigentlich nur mehr ein Ausdruck für Geld ist."