An seine Typoskripte erinnere ich mich gut. Manfred Sack tippte sie auf einer betagten Maschine, deren Anschlag körperliche Kraft erforderte und deren Typen zuweilen aus der Reihe hüpften. Der Redaktionsflur vibrierte, wenn er schrieb, und mir kam es vor, als stamme Manfred (es war in der ZEIT Brauch, dass man einander siezte, aber mit Vornamen anredete) aus der guten alten Zeit der Manufaktur. In der Tat war alles, was mit Werkstoffen und mit Handwerk zu tun hatte, für Manfred von höchstem Interesse. Vielleicht ist er deshalb ein so bedeutender Architekturkritiker gewesen, weil er die Idee nie ohne das Material denken konnte und das Material nicht ohne die Idee. Urbanistische Theorien, soziologische Überfliegereien interessierten ihn nur mäßig, die Lebenswirklichkeit der Stadtbewohner hingegen viel mehr. Auf das Praktische, das Freundliche, das Schöne kam es ihm an. Und er hatte keine Scheu, sich schreibend und handelnd einzumischen, wenn er sich erst einmal entzündet hatte.

Zu seinen größten Projekten zählte der Kampf um die Mottenburg, wie das seinerzeit heruntergekommene Hamburger Stadtviertel Ottensen verächtlich genannt wurde. Manfred schaffte es mit Hilfe der ZEIT, die Bewohner und die Eigentümer, die Behörden und die Stadtplaner an einen Tisch zu bringen. Das war Mitte der siebziger Jahre, und in den sich aneinanderdrängenden Bauten der Gründerzeit entstand neues Leben. Manfred war am Ende, nach zehn Jahren, mit dem Ergebnis nicht recht zufrieden. Es hatte, so schrieb er, zu viele faule Kompromisse gegeben. Wer jedoch heute durch Ottensen wandert und sich daran erinnert, dass das Viertel einst abgerissen werden sollte, freut sich über die bunte, lebendige Szenerie. Sie ist, trotz mancher Mängel, wahrhaft urban.

Manfred Sack war einer der liebenswürdigsten und beliebtesten Kollegen im Haus. Liebedienerisch war er nie. Höflich und freundlich korrigierte er die Schwächen meiner Manuskripte, immer bedacht auf die korrekte Grammatik, auf den angemessenen, möglichst eleganten Ausdruck. Er war einer der besten Gegenleser. Und ein sehr guter Journalist außerdem, immerzu aufgeschlossen, reaktionsschnell, neugierig und kritisch. Seit 1959 war er bei der ZEIT, und begonnen hatte er als Musikkritiker, der schon früh darauf bedacht war, die Populärkultur in ihr Recht zu setzen. Das Buch Auftritte. Valente, Belafonte & Co (1991) versammelt seine sorgfältigen Betrachtungen dessen, was damals, jedenfalls im ZEIT- Feuilleton, als U-Musik missachtet war. In Coswig an der Elbe geboren, in Sichtweite des Wörlitzer Gartenreichs, war Manfred Sack einer der ersten Studenten der Freien Universität Berlin und promovierte über den Barockkomponisten Heinrich Pfendner. Seit 1976 war er Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg, er bekam den Theodor-Wolff-Preis, den Preis für Architekturkritik des Bundes Deutscher Architekten sowie den Deutschen Preis für Denkmalschutz, und 1998 erhielt er den Ehrendoktor der Technischen Universität Darmstadt.

Sein Elan war unüberwindlich, und wenn man die imponierende Liste seiner Bücher betrachtet, erkennt man die Breite seiner Interessen. Er schrieb über Bornholm und über Bäume, über Holzhäuser und übers deutsche Wohnzimmer, über den Lebensraum Straße sowie über den Konflikt zwischen Bauherr und Architekt. Es gelang ihm, zu einem der einflussreichsten Architekturkritiker zu werden. Richard Neutra, Gustav Peichl, Hans Scharoun, Karljosef Schattner und Peter Zumthor zählten zu seinen Favoriten. Wichtig war ihm eine zurückgenommene, eine brauchbare Architektur. Alles Protzige, Selbstgefällige widerstrebte ihm. Als die Pläne für den Potsdamer Platz auf dem Tisch lagen, schrieb er 1990 in der ZEIT einen flammenden Protest und setzte darüber: Der Jahrhundertfehler. Damit widersprach er dem damaligen Berliner Bürgermeister Walter Momper, der den Beschluss zugunsten des Daimler-Benz-Konzerns eine "Jahrhundertentscheidung" genannt hatte.

Dass Manfred Sack mit seiner Warnung recht behielt, hat ihn nicht gefreut. Er war ein bescheidener Mann, der zu erröten pflegte, wenn man ihn allzu sehr lobte. Wer ihn nicht näher kannte, kannte ihn als den Herrn mit der Fliege. Das war das Äußerste an modischer Extravaganz, was er sich leistete. Ich weiß gar nicht, ob er Krawatten besaß. Zuweilen haben wir uns gestritten. Im Gegensatz zu mir fand er die Rekonstruktion des Frankfurter Römerbergs ebenso falsch wie den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Er war der Verteidiger einer den Menschen zuträglichen Moderne, und vermutlich hätte er Rimbauds Postulat "Il faut être absolument moderne" akzeptiert, wenngleich unter Weglassung des "absolument". Das Absolute war diesem Mann, der dem deutschen Größenwahn entkommen war, zutiefst verdächtig. Mit ihm zu diskutieren war ein Vergnügen. Ich vermisse ihn, und alle, die mit ihm vertraut waren, werden ihn ebenfalls vermissen.