An einem Samstagabend im September geht Badr Abboussi zum Speiseraum der Asylbewerber-Notunterkunft "Opti-Park" in Essen, einer ehemaligen psychiatrischen Klinik, in der jetzt 500 Flüchtlinge leben. Abboussi ist Marokkaner, ein schmaler junger Mann, 21 Jahre alt. Seit ein paar Wochen ist er in Deutschland. Er ist hierhergekommen, weil er auf ein besseres, friedlicheres Leben hofft, auf Arbeit und ein festes Einkommen. An diesem Abend aber will er nur einen Kaffee trinken.

Vor der Tür des Speiseraums steht ein Wachmann des Heims. Er ist groß und kräftig und trägt eine schwarze Uniform. Abboussi kennt ihn unter dem Namen "Sam". Sam sagt, die Kantine sei geschlossen.

Abboussi dreht sich um. Er will zurück zu seinem Zimmer im dritten Stock der ehemaligen Klinik. In diesem Moment läuft ein Mädchen an ihm vorbei. Es will in den Speiseraum, wie Abboussi. Es geht auf den Wachmann zu, auf Sam, der gleich sagen wird, dass die Kantine geschlossen sei. Aber er sagt nichts. Sam hält dem Mädchen lächelnd die Tür auf.

Abboussi wird wütend. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Wachleute wie Diktatoren benehmen. Je nach Laune entscheiden sie, welche Flüchtlinge etwas zu essen bekommen und welche nicht. Jeden Tag gelten andere Regeln. Manchmal dürfen die Flüchtlinge bis in die Nacht auf den Gängen sitzen und manchmal nicht. Manchmal dürfen sie dann miteinander Dame spielen und manchmal nicht. Heute darf Abboussi keinen Kaffee trinken.

"Rassist!", ruft er. Dann läuft er in das Büro der Sozialarbeiter, um sich zu beschweren, aber dort ist niemand.

Ein paar Minuten später geht er erneut zum Speiseraum. Die Tür ist jetzt offen, Abboussi betritt den Raum, er ist leer. Auf einmal sind zwei Wachmänner vor und hinter ihm. Sie schließen die Tür ab und ziehen Handschuhe an.

Abboussi gerät in Panik. Später wird er der ZEIT sagen, er habe noch die Frauen, die draußen auf dem Hof standen, auf sich aufmerksam machen wollen, doch da habe ihn schon ein Faustschlag ins Gesicht getroffen. Danach ein Tritt in den Leib. Die beiden Wachmänner drücken ihn mit dem Kopf gegen die Wand. Ein dritter und ein vierter kommen hinzu. Sie schlagen auf ihn ein. Wie die Männer heißen, weiß Abboussi nicht, aber einer von ihnen hat sich auf seinen Ellenbogen ein Spinnennetz tätowieren lassen.

Badr Abboussi wird verprügelt wegen einer Tasse Kaffee.

Abboussi ist von Marokko über Italien nach Deutschland geflohen, wie so viele. In den ersten acht Monaten dieses Jahres haben 99.592 Flüchtlinge hier Asyl beantragt. Sie kamen aus dem Nahen Osten, aus Afrika, aus Osteuropa. Sie flohen vor den Bomben des syrischen Tyrannen Baschar al-Assad, vor den Folterknechten Eritreas oder schlicht vor der Armut Afrikas. Verwitterte Boote brachten sie über das Mittelmeer, klapprige Lastwagen schafften sie aus Osteuropa herbei. Menschenschmuggler verdienten ein Vermögen an ihnen. Die Geschichten ihrer Flucht sind traurig, die Bilder aus ihren Heimatländern oft schwer zu ertragen, aber 13 Jahre nach Beginn des Afghanistankrieges, elf Jahre nach Beginn des Irakkrieges und drei Jahre nach Beginn des Syrienkrieges sind es auch Bilder, die man kennt. Bilder, die in weit entfernten Ländern aufgenommen wurden.

Diese Bilder aber kannte man noch nicht, nicht aus Deutschland: Ein breitschultriger Mann in schwarzer Uniform reckt den Daumen in die Höhe und stellt seinen Fuß auf den Kopf eines am Boden liegenden, gefesselten Mannes. Es wirkt wie das Foto eines stolzen Jägers, der einen Zwölfender erlegt hat.

Und dann dieses Video, aufgenommen vom Wachmann eines Flüchtlingsheims: Zwei Wachleute stehen vor einem Mann, der in seinem eigenen Erbrochenen sitzt. Die Wachmänner lachen, einer schreit: "Soll ich dir in die Fresse treten?" Der Mann antwortet unter Schluchzen: "Warum schlagst du mir?"

Die Bilder stammen aus dem Flüchtlingsheim der Stadt Burbach in Nordrhein-Westfalen. Als sie sich Anfang vergangener Woche erst in Deutschland und dann rund um die Welt verbreiten, ist da neben allem Entsetzen auch ein Stück Hoffnung: Dass es ein paar Sadisten gelingt, als Wachpersonal in einem Flüchtlingsheim engagiert zu werden, lässt sich nie ausschließen. Vielleicht illustrieren diese Bilder also nur einen Einzelfall, ein Unglück gewissermaßen, losgelöst von der breiten deutschen Wirklichkeit.

Die Hoffnung trügt. Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass die unter den Wachleuten als "Bestrafung" bezeichneten Misshandlungen in Burbach Methode hatten. Und dass die Privatfirma European Homecare, die das Heim betrieb, von dem Verhalten der Sicherheitsleute wusste.

Mittlerweile ist auch erwiesen, dass in weiteren Heimen in Deutschland ebenfalls Flüchtlinge misshandelt wurden. Im westfälischen Bad Berleburg, in Hamburg. Und im Opti-Park in Essen, 160 Kilometer von Burbach entfernt.

An jenem Samstagabend, als die Wachmänner endlich von ihm abgelassen haben, schleppt Badr Abboussi sich erneut in das Büro der Sozialarbeiter. Er will die Polizei anrufen.

"Wenn du das machst, kannst du dein Asyl vergessen."

Das sei die Antwort, die er erhalten habe, sagt er. Weil Abboussi jedoch über starke Schmerzen klagt, bestellen die Betreuer ein Taxi, das den Marokkaner ins Katholische Klinikum Essen bringt. Dort diagnostizieren die Ärzte eine Prellung des linken Brustkorbs und eine geschwollene Oberlippe.

Aus dem Krankenhaus entlassen, kehrt Abboussi ins Flüchtlingsheim zurück. Dort verlangt das Heimpersonal das Attest von ihm, das die Ärzte des Krankenhauses ausgestellt haben. Abboussi fürchtet, dass er es nicht zurückbekommen wird. Er läuft weg und verbringt die Nacht auf dem Hauptbahnhof. Erst am nächsten Morgen, als andere Wachleute, andere Betreuer ihre Schicht antreten, traut er sich in den Opti-Park zurück.