Bei der Lesung in der Berliner Schaubühne gab es einen lustigen Moment, der viel sagt über das amerikanische Verständnis von Literatur, von Unterhaltung, Ironie und Pathos und über die Lust am Witzeerzählen, die anscheinend noch immer ganz anders sind als in Deutschland und Europa. Der sehr klein, schmal und jung aussehende amerikanische Autor B. J. Novak saß vorne am Pult und wurde von seinem deutschen Verleger gefragt, wer sein Lieblingsautor sei. Novak antwortete: "Mark Twain", die Leute lachten, und Novak setzte mit "Und Dickens natürlich" nach, worauf das ganze Berliner Publikum in Gelächter ausbrach und applaudierte. Der Autor aus Los Angeles guckte nur interessiert und freundlich. Er hatte keinen Witz machen, er hatte bloß die zwei Schriftsteller nennen wollen, die ihm am meisten bedeuten – das deutsche Publikum aber war automatisch davon ausgegangen, dass, wer zwei Literaturgiganten als Vorbilder nennt, sich gleichzeitig ironisch von ihnen distanzieren muss.

Muss er aber gar nicht. Man muss sich nur das Leben des Autors B. J. Novak angucken, geboren vor 35 Jahren in Massachusetts als Sohn einer jüdischen, kulturell interessierten Mittelklassefamilie (der Vater schrieb ein Buch über jüdischen Humor): Hier hat einer, mit einigen sehr interessanten Umwegen, einfach immer nur ein sehr guter Autor sein wollen, der von möglichst vielen jungen, frischen Leuten, die sonst wenig lesen, gelesen wird. Novak, der klassische Überflieger, studierte in Harvard englische und spanische Literatur, tingelte als Stand-up-Comedian durch Clubs in New York und Los Angeles, schrieb für Fernseh-Sitcoms. Bis vor einem Jahr war Novak Autor der NBC-Sitcom The Office und übernahm auch gleich die Nebenrolle des Ryan, er tauchte als Schauspieler in Hollywood-Filmen wie Spider Man II, Tarantinos Inglourious Basterds und in Saving Mr. Banks neben Tom Hanks auf. Vor einem Jahr dann erschienen B. J. Novaks Kurzgeschichten, die amerikanische Kritik begrüßte ihn sehr freundlich als neuen Woody Allen, der Band liegt nun als Cornflakes mit Johnny Depp in deutscher Übersetzung vor. Novak, so erzählt er in Interviews, träumt davon, als Schriftsteller eine öffentliche Person zu sein, eben wie Mark Twain. Ein Hollywood-Schauspieler, der an die Wirkung von Kurzgeschichten glaubt: interessant.

Es gibt in Novaks Geschichten eine hohe Gegenwartsdichte, Charaktere und Plots entspringen dem unmittelbaren Jetzt, es gibt einen starken Bezug zur Pop- und Populärkultur (Elvis, Justin Bieber, John Grisham, Johnny Depp, Kate Moss), zeitgeistige Phänomene wie Twitter, Instagram und die TED-Konferenz kommen ganz selbstverständlich vor, viele Charakter sind sehr frisch, originell und heutig gezeichnet (es gibt einen "ungeduldigen Milliardär", einen "Mann, der Fotos von den Sachen postete, die er aß", und eine Frau, die "Bücher liebte, die man in Geschäften kaufen konnte, die auch andere Dinge verkauften"). Woran liegt es, dass der Leser doch eine Distanz zu Novaks Geschichten hält? Richtig, es liegt an der oft moralischen Botschaft, die von den sich so wunderbar überdreht und lustig lesenden Geschichten mitgeliefert wird. Novaks Storys haben immer einen Sinn und, wenn es ganz dicke kommt, noch einen Hintersinn, eben eine Moral, eine Moral wie aus dem Hollywood-Genre der romantic comedy. Hinter seinen Pointen, Finten und Gags möchte Novak etwas Ernstes, Wahres, Bleibendes über die Liebe, die Einsamkeit und die große Selbsttäuschung sagen, der wir alle in unseren Beziehungen unterliegen. Das ist prinzipiell in Ordnung, wenn ein Autor ein Anliegen hat. Er muss es nur, bitte, sehr kunsthaft verpacken. Oft geht es dem Leser dieser Kurzgeschichten so wie dem Kinogänger, wenn der Film in den letzten Minuten noch seine Moral entdeckt: Hätte eine wunderbar überdrehte und sinnfreie Geschichte sein können. So aber ist es einfach nur Hollywood. Schauen wir noch mal genauer.

Die stolze Anzahl von 63 Kurzgeschichten versammelt Novak in seinem Band. Es sind sehr kurze Kurzgeschichten, Miniaturen, Sketche, Parabeln, die kürzeste ist zwei Zeilen lang ("KIND: ›Warum haben Möhrenkuchen die beste Glasur?‹ MUTTER: ›Weil sie beste Glasur nötig haben.‹"), die längste Geschichte (Kellogg’s) bringt es auf dreißig Seiten. Es empfiehlt sich, Begriffe aus der Welt des amerikanischen Filmemachens wie Setting, Plot, Timing, Turning Point, Drive und Suspense zu verwenden, um die Machart zu erfassen. Was ist das Setting von Novaks Geschichten? Vielleicht hat er sich vorgestellt, wie er jede seiner Storys einem Filmproduzenten in einem Café am Sunset Plaza in Los Angeles in einem Satz verkauft, ohne dass der Produzent auf sein Mobiltelefon guckt, jedenfalls klappt diese Übung sehr gut: Eine Frau sitzt bei einem Blind Date einem sympathischen Mann gegenüber, als sich herausstellt, dass er sein Geld als Warlord verdient. Ein Junge findet in einer Kellogg’s-Cornflakes-Packung einen 100.000-Dollar-Gewinnschein und muss begreifen, dass er ihn nicht einlösen kann, ohne seine Familie zu zerstören. Ein weiblicher Sexroboter entwickelt als erste künstliche Intelligenz ein Gefühl für Liebe und überfordert damit seinen Besitzer. Eine Frau macht mit ihrem Mann Schluss, indem sie ihn in einen Betonquader gießen und in einen Fluss kippen lässt. Ein Paar macht Flitterwochen auf Hawaii, und es regnet.

Es sind brillante Ansätze, und man kann das offenbar unerschöpfliche Reservoir dieses Autors für originelle Settings, also Ausgangslagen von Geschichten, nur bewundern. Dieser Autor hat das schöne Problem, dass ihm als Geschichtenkonstrukteur fast zu viel einfällt. Literatur ist aber kein Originalitätswettbewerb, der geniale Plot, die geniale Wendung kann auch etwas Ermüdendes haben. Oft lesen sich die Storys wie in die Länge gezogene Witze oder wie die Skripts von Filmsketchen. Manchmal haben die Geschichten einen esoterischen Schlag (nicht so angenehm), der Autor erzählt dann einfach aus der Lebenswirklichkeit des von Esoterik, veganer Ernährung und ödem Fitnesswahn bestimmten Los Angeles. Novak erfindet ganz sicher die amerikanische Sprache nicht neu, aber als Sitcom-Autor weiß er sehr genau, was Worte tun. Es sind smarte, sorgfältig konstruierte und genau getimte Geschichten – es kann ein enorm kurzweiliges Vergnügen sein, B. J. Novak zu lesen, vor allem die Anfänge der Geschichten. Novak ist ein Meister des ersten Satzes, er weiß, wie man eine Story hinstellt und zum Laufen bringt. Schade nur, dass seinen Geschichten immer so schnell die Luft ausgeht. Manche von ihnen sind einfach nicht zu Ende erzählt (Der Krankenwagenfahrer). Es wirkt ein wenig so, als verliere der Autor das Interesse an seinen Figuren, sobald er sie in seinen abgefahrenen Konstellationen abgestellt hat: Die Figuren müssen ihre Geschichte ohne die Worte des Autors zu Ende erleben, aber können sie das? Und: Will der Leser wirklich die Geschichten in seinem Kopf zu Ende erzählen, für die der Autor keine Worte hat? B. J. Novak ist, das muss auch gesagt werden, ein genialischer Geschichtenabbrecher.

Seine Short Storys hat der Comedian B. J. Novak, während er sie schrieb, vor einem Live-Publikum ausprobiert und so lange an ihnen gefeilt, bis sie für ihn funktionierten. Als Comedian, der vor einem Live-Publikum bestehen muss, habe er gelernt: "Du weißt nicht, was deine Texte taugen, bis du die Reaktion des Publikums bekommst." B. J. Novak wird mit dem für einen Schriftsteller immer schönen, unwidersprechbaren Satz zitiert: "Ich versuche, populäre Unterhaltung herzustellen." Nachsatz: "Ich wäre gerne Künstler, wenn der Zufall es ergibt. So lange bin ich Unterhalter."

Es schwingt in Novaks Short Storys, noch in der kürzesten von zwei Zeilen, das richtige, Sympathie und Anerkennung verdienende Bedürfnis mit, etwas Wichtiges und Wertvolles zu sagen. Hollywood produziert Schrott, Hollywood ist Reality-TV, billiger Internetklatsch und Kim Kardashian auf dem Cover von Vogue. Dieser Autor möchte bedeutungsvoller sein als Hollywood – letztlich ist das ein gut größenwahnsinniges und machbares Vorhaben. Ja, es hat auch etwas Anrührendes, wie der Hollywood-Schauspieler und in ganz Amerika bekannte Comedian den Beruf des Schriftstellers romantisiert. Und da ist schon wieder jener verklärende, sehnsuchtsvolle Blick von Amerika auf das alte Europa: Die wirklich coolen, die glamourösesten Typen auf Erden, das sind natürlich nicht die Hollywoods-Stars – das sind die, die Kurzgeschichten schreiben, und da möchte der helle, kluge, hochbegabte B. J. Novak gerne dabei sein.

Was er als Nächstes zu schreiben gedenke, fragt eine Frau im Publikum der Schaubühne. Lächelnder Autor: Das nächste Buch sei längst fertig. Es sei ein Kinderbuch.