Wenn es um die Millionen der Reichen geht, marschieren die Genossen geschlossen. Kein Blatt Papier passe zwischen SPÖ und Gewerkschaft, ließ Parteichef Werner Faymann verlauten. Arbeit werde zu hoch besteuert und Vermögen zu gering. Die Reichen müssten mehr beitragen: Allgemeine Vermögensteuern seien deshalb rasch wieder einzuführen.

Wenn das nur so einfach wäre wie die Rhetorik des Bundeskanzlers. Ausgerechnet ein Experte, der für die SPÖ in der Steuerreformkommission sitzt, spricht sich jetzt dagegen aus. Gegen eine Wiedereinführung der Steuer würden zahlreiche Gründe sprechen, heißt es in der September-Ausgabe eines Journals, das Georg Kofler, Vorstand des Instituts für Steuerrecht an der Universität Linz, mitherausgibt. Gemeinsam mit Kollegen führt er im Editorial vor allem Bewertungs- und Erhebungsprobleme an und erwähnt verfassungsrechtliche Bedenken.

Im politischen Tagesgeschäft klingt es hüben wie drüben simpel: Reichen- oder Millionärssteuern fordern die einen, bequemen sich aber nicht, hinzuzufügen, wie sie funktionieren sollen. Der Appell an einen latenten Sozialneid reicht in der Propagandaschlacht.

Aus dem gegnerischen Lager tönt es nicht minder rabiat: Eine Schnüffelsteuer sei das, die Leistungsträger und den Mittelstand schröpfen werde. Fakten? Fehlanzeige. Die Streithähne gehen nach der Stinktier-Igel-Taktik vor: zuerst Halbwahrheiten versprühen, dann sich in Arbeitsgruppen einbunkern und dort Kompromisse ausbrüten.

Die in der Öffentlichkeit kolportierten Zahlen sind Wunschdenken: 1,5 Milliarden Euro könne eine Vermögensteuer einbringen, tönt es aus dem Schützengraben der Sozialdemokratie. Das von der ÖVP geführte Finanzministerium kontert: Das rote Modell bringe nicht mehr als 125 Millionen Euro.

Wie es tatsächlich um das Vermögen der Österreicher bestellt ist, weiß aber keiner so genau. Alle Zahlen sind lediglich Annäherungen. Selbst Thomas Piketty, der französische Ökonom, der in dem Bestseller Kapital im 21. Jahrhundert die globale Vermögensverteilung beschrieb, musste vor Wien kapitulieren: Es gab zu wenig Daten für Österreich.

Umso wichtiger für die Debatte war eine 2012 präsentierte Studie, welche die Nationalbank (OeNB) im Auftrag der Europäischen Zentralbank durchführte. Dafür hatten 2380 Haushalte in einer Befragung den Wert ihrer Sach- und Finanzvermögen geschätzt. Millionäre machten nur wenige mit, der reichste Haushalt bezifferte sein Vermögen mit 15 Millionen Euro. Aber zum ersten Mal seit der Monarchie war der Wohlstand im Land durchleuchtet worden. Das hochgerechnete Ergebnis offenbarte eine Schieflage: Die reichsten 10 Prozent besitzen 61 Prozent des Gesamtvermögens von rund 1.000 Milliarden Euro. Mit diesem Zahlenmaterial im Gepäck ging das Hickhack nun erst richtig los.

Aus wissenschaftlichen Studien wird nur zitiert, was politisch opportun ist

Von der Debatte aufgescheucht, gab die Wirtschaftskammer (WKO) beim Institut für Höhere Studien (IHS) eine Studie in Auftrag, die alles in Stellung brachte, was es an Munition gegen eine allgemeine Vermögensteuer gibt: Sie gefährde den Wirtschaftsstandort, das Aufkommen sei gering und der Aufwand, sie einzutreiben, enorm. Dankbar übernahm die WKO die Argumente und polterte mit Verweis auf diese Expertise, dass eine Vermögensteuer "die höchsten Vollzugskosten aufweist – rund 30 Prozent der potenziellen Steuereinnahmen". Da verkam es zur Nebensache, dass die Kennziffer aus Deutschland stammt und 30 Jahre alt ist. Selbst IHS-Chef Christian Keuschnigg meint gegenüber der ZEIT, dass "solche Schätzungen angesichts der spärlichen empirischen Evidenz mit einiger Vorsicht zu interpretieren sind", obwohl sich das Problem der "Bewertung nicht gehandelter Vermögen seit damals nicht grundsätzlich geändert" habe.