Er will dieses Leben kosten, das voller Aufregung und Auftritte ist und nach Applaus klingt. Deshalb steht Johannes Prautzsch, 19 Jahre alt, um acht Uhr früh in der Aula der Popakademie in Mannheim und tritt verschlafen von einem Turnschuh auf den anderen. Das rote Karohemd hat der Leipziger zuvor im Hotel aus dem Koffer geholt und über sein T-Shirt gestreift. Es soll ihn "cool, aber nicht rausgeputzt" wirken lassen, wie er in leicht sächsischem Dialekt erzählt. Johannes ist nervös, das kann er nicht verbergen, fühlt sich aber gut vorbereitet für die Aufnahmeprüfung der Popakademie: Ein Jahr lang habe er nach dem Abi Musiktheorie gebüffelt. Jahrelange Bühnenerfahrung habe er sowieso – als Sänger und Gitarrist der Indie-Band Superheld. Aber wird das reichen für einen der begehrten Studienplätze, für ein Ticket ins Musikbusiness?

Die Aufnahmeprüfung ist hart – 450 junge Musiker haben sich dieses Jahr für den Bachelorstudiengang Popmusikdesign in Mannheim beworben, nur dreißig kommen durch. Vor elf Jahren wurde die Popakademie Baden-Württemberg gegründet und ließ sich mitten im Arbeiterstadtteil Jungbusch nieder. Das moderne, kastige Gebäude fällt auf zwischen den abbröckelnden Fassaden und rostenden Kränen.

In den Fluren der Hochschule dringen aus allen Ecken Geräusche: Ein junger Typ trommelt mit den Fingern einen Rhythmus auf den Tisch, ein anderer klimpert auf seiner mitgebrachten Gitarre, ein Mädel summt eine Melodie. Die meisten hier haben gerade das Abi hinter sich, kaum jemand ist älter als 25.

In der Aula wirft Johannes Prautzsch noch einen schnellen, letzten Blick in die mitgebrachten Unterlagen, dann geht es auch schon ab in den Prüfungsraum. Köpfe unter Caps und Dutts beugen sich über Prüfungsbögen, Converse-Schuhe scharren auf dem Boden. "Bewerten Sie die Rolle der Beatles für die heutige Popularmusik", lautet eine der Aufgaben. Kugelschreiber kratzen über Papier. Dann setzt sich ein Dozent ans Klavier und spielt vierstimmige Akkorde vor, die die jungen Musiker notieren sollen. Mit Stars, Glamour und Rampenlicht hat das nichts zu tun. Und schon jetzt wird klar: Hier werden junge Leute gesucht, für die Musik mehr ist als die Begleitgitarre am Lagerfeuer oder ein Poster der Lieblingsband an der Zimmerwand. Die zukünftigen Popakademiker müssen bereits einiges an Wissen und Erfahrung mitbringen, um überhaupt zum ersten Semester zugelassen zu werden.

Pop versteht man an der Popakademie als ein Geschäft, das man erlernen kann, mit viel Mühe und Ausdauer. Aus musikbegeisterten jungen Leuten sollen hier in sechs Semestern solide Berufsmusiker gemacht werden, so lautet das hehre Versprechen der staatlichen Hochschule. Bewerber können sich zwischen den Fächern Singer-Songwriter, E-Gitarre, Schlagzeug, Bass, Keyboard und Producer entscheiden, werden aber auch in den Bereichen Selbst-PR, Kostenplanung und Finanzen fit gemacht. Von Popmusik als Wirtschaftsfaktor ist die Rede auf der Homepage der Akademie, vom wirtschaftlichen Output der Musik und von Synergien. Keine weltfremden Künstler sollen die Hochschule verlassen, sondern Berufsmusiker mit Businessplan.

Die Prüfungsbögen werden eingesammelt und sogleich korrigiert. Wer nicht besteht, kann sofort nach Hause fahren und braucht erst gar nicht zur Liveprüfung am Nachmittag anzutreten. Umso nervöser sind die Prüflinge in der Korrekturpause. Man tauscht sich über die Fragen aus, die Stimmung ist kollegial, schließlich zittern alle aus dem gleichen Grund. Doch schon bald gibt es die ersten enttäuschten Gesichter. In einer Ecke wird Sara-Cristin von ihren beiden Freundinnen getröstet, die sie extra aus Göttingen zur Unterstützung mitgenommen hat. In ihrem Essay über die Beatles habe die Abiturientin das Thema verfehlt, teilt ihr ein Dozent mit. "Ich hatte eh ein schlechtes Gefühl", gibt die junge Frau zu. "Ich wusste einfach nicht, was ich schreiben soll."

Wenig später dringen aus einem Raum schrammelige Gitarrenriffs und Fetzen von Sprechgesang. Hier finden die sogenannten Liveprüfungen statt – die zweite Runde für alle, die die Klausur bestanden haben. Auf der Bühne steht: Johannes Prautzsch, in Rockstarpose, seine E-Gitarre fest im Griff. Auf der Bühne wirkt der 19-Jährige gar nicht so jungenhaft wie im Zwiegespräch, seine Selbstsicherheit und Bühnenpräsenz lassen ihn älter wirken. Die Jungs seiner Band Superheld seien in Leipzig geblieben, erklärt er der Jury, die aus fünf Leuten besteht, "schließlich geht es heute nur um mich". Dass die Instrumente deshalb vom Tonband kommen, stört wenig: E-Gitarren, stampfende Bässe und Elektrosounds schallen durch den Juryraum. "Wir sind noch waaaach!", schmettert Johannes ins Mikrofon. Der Text seines selbst geschriebenen Songs ist mehrdeutig und reich an Wortspielen; das Lied handelt von durchwachten Nächten, vom Gefühl, anders zu sein, von der Freiheit der Jugendjahre. Johannes energischer Auftritt kommt gut an: Sängerin und Vocalcoach Michelle Leonard aus der Jury headbangt im Rhythmus der deutschen Verse, während sie Notizen in ihren Laptop tippt.

Nach seinem Auftritt stolpert Johannes von der Bühne und kann selbst kaum glauben, dass es jetzt schon vorbei sein soll. Wie er sich einschätzt? "Ich bin zufrieden. Aber ich glaube, niemand kommt hier raus und sagt: Es war übelst geil!" Er lässt sich in der Aula auf einen Hocker plumpsen. Zeit, um über die Zukunft zu sprechen.