Wenn Humoristen ernst werden, führt das leicht zu Missverständnissen. Dann kann es passieren, dass das spaßbereite Publikum sich bereits grölend auf die Schenkel klopft, bevor das erste Wort gefallen ist. Wenn es dann auch noch um die großen Fragen des Lebens geht, ist die Verwirrung komplett. Dann wird kurz innegehalten, um beim nichtigsten Anlass doch loszuprusten.

So ähnlich könnte es Rocko Schamoni mit seinem neuen Roman Fünf Löcher im Himmel ergehen. Als Mitbegründer des legendären Pudel Clubs, Mitglied des Humortrios Studio Braun und Verfasser des Bestsellers Dorfpunks ist der Entertainer, Musiker und Autor so etwas wie der Säulenheilige des Hamburger Undergrounds. Vielfach begabt und nie um einen subversiven Scherz verlegen, ist der 1966 in Schleswig-Holstein geborene Allroundkünstler seit Jahrzehnten eine Lichtgestalt der Szene. Da ist es nicht verwunderlich, wenn der Verlag Schamonis neues Buch als "pointenreichen" Roman ankündigt. Wahrscheinlich wurden die Vorschauen getextet, bevor das Manuskript eingetroffen war.

Pointenreich zu schreiben, diesen Gefallen tut Schamoni seinen Lesern diesmal nicht. Fünf Löcher im Himmel ist nicht lustig. Hier schreibt nicht einmal ein trauriger Clown, der sich abmüht, die Tragik des Lebens mit kathartischem Humor ein wenig erträglicher zu machen. Stattdessen herrschen Depression und Ausweglosigkeit: "Einmal vom Gleis runter, und du bleibst daneben. Für immer daneben. Ungünstige Startbedingungen. Pech gehabt."

Damit kein Missverständnis entsteht: Einen Sog entwickelt das Buch dennoch, nur eben einen tragischen. Die Fragen, um die es kreist, sind schicksalhaft: Inwiefern bestimmen die Erlebnisse aus der Jugend das spätere Erwachsenenleben? Hat man trotz mieser Voraussetzungen eine Chance auf ein glückliches Leben? Oder, mit den Worten, die der Protagonist Paul, Sohn eines lebensmüden Alkoholikers, als Schüler in sein Tagebuch schreibt: "Ich muss anders werden als der Alte. Ich will auf keinen Fall das werden, was andere sich für mich ausdenken oder erhoffen."

Ob sich dieser Traum erfüllt? Schamoni gibt die lapidare Antwort bereits auf Seite eins: Paul, inzwischen über fünfzig, schaut Arbeitern dabei zu, wie sie seine Wohnung ausräumen und damit die kärglichen Überreste seiner bürgerlichen Existenz beseitigen. Er hat sein Leben gründlich gegen die Wand gefahren, außer Alkohol und Zigaretten ist ihm nur mehr sein altes Tagebuch geblieben, in dem er nun anfängt zu lesen. Das fördert Empfindungen zutage, die er tief in seinem Inneren vergraben hatte, vor allem die Erinnerung an seine Jugendliebe Katharina Himmelfahrt lässt in ihm ein Fünkchen Hoffnung aufglimmen.

Was dann folgt, ist eine Kombination aus Roadnovel und Variation von Goethes Klassiker Die Leiden des jungen Werther. Von einem Kneipenfreund bekommt Paul einen Sportwagen geliehen, mit dem er sich auf eine Reise in die Vergangenheit macht. Damals, so erfährt der Leser aus den Tagebuchaufzeichnungen, spielte Paul im Schultheater die Rolle des unglücklichen Albert, der seine Verlobte Lotte, gespielt von ebenjener Katharina Himmelfahrt, an Werther verliert, dargestellt von einem schnöseligen Mitschüler namens Keil. In der Realität ist diese Dreieckskonstellation nicht minder brisant, es kommt zu Eifersüchteleien, Drohungen und einem brutalen Finale. Paul bleibt traumatisiert und gezeichnet zurück.

Schamoni gelingen wundervolle Szenen, wie jener kurze Moment flirrenden Glücks, der Raum und Zeit aufzulösen scheint, in dem Paul und Katharina sich im seichten Flusswasser lieben. Schön, weil treffend, sind auch Pauls Beobachtungen über die Theaterkunst, über jenen magischen Vorgang, wenn der Schauspieler so sehr mit seiner Rolle verschmilzt, dass Spiel und Realität ununterscheidbar werden.

Warum das Buch einen dennoch merkwürdig unerlöst zurücklässt, ist ein Problem der Fallhöhe. Schamoni will den Superlativ – das tiefste Gefühl, das herbste Schicksal, die schlimmstmögliche Verkettung –, doch bleiben die für die Geschichte wichtigen Figuren der Katharina und des Keil zu blass, um der Drastik ihres Handelns Plausibilität zu verleihen. Was Schamoni gut kann, ist, das Innenleben eines Teenagers in verkorksten Umständen zu zeichnen. Eine Tragödie ist das nicht.

Rocko Schamoni: "Fünf Löcher im Himmel." Piper Verlag, München 2014; 190 Seiten, 16,99 Euro.

Am 5. und 6. November liest Rocko Schamoni in der Fabrik Hamburg aus seinem neuen Roman. Weitere Informationen zu seiner Lesereise finden Sie hier.