"Chemie wird’s!"

Die Universität Freiburg informiert im Internet über ihre Studiengänge – hilft das weiter? von Claudia Füssler

"Puh, die Frage hat’s aber in sich." Lukas Lätsch schaut konzentriert auf den Bildschirm, auf dem sieben chemische Verbindungen gezeigt werden. In einer Spalte daneben – sieben Namen, die gilt es nun zuzuordnen. Benzol, Methan, das geht schnell. "Aber was, bitte schön, ist Fulleren? Das habe ich noch nie gehört", grübelt der 18-Jährige und fährt sich mit einer Hand durchs kurze, dunkle Haar. Er sitzt in seinem Zimmer im Freiburger Stadtteil Wiehre am Schreibtisch, die Nachmittagssonne fällt auf das wandhohe Bücherregal zu seiner Rechten. Lukas setzt die Häkchen auf Verdacht und geht weiter zur Auflösung: Immerhin fünf der sieben Namen sind richtig zugeordnet. "Ist doch gar nicht so schlecht", sagt er und grinst.

Die Aufgaben, die sich Lukas an diesem Tag freiwillig vorgenommen hat, sind Teil eines sogenannten Online-Studienwahl-Assistenten (OSA) für das Fach Chemie, eines Angebots der Universität Freiburg. Die OSA sollen den angehenden Studierenden erleichtern, sich für oder gegen ein Studienfach zu entscheiden. Sie sind vollgepackt mit Fotostrecken und Videoclips, erklärenden Texten, Beispielaufgaben aus dem jeweiligen Fach und Selbsttests.

Lukas Lätsch, der in Freiburg gerade sein Abi gemacht hat, wollte ursprünglich mal Steuerberater werden – wie sein Opa. In der 11. Klasse absolvierte er ein Praktikum bei einer Unternehmensberatung, merkte aber, dass ihm der Bezug zu den Naturwissenschaften fehlte. Also doch lieber Wirtschaftsingenieur? In der 12. Klasse ging er zur Studienberatung, um sich zwischen Chemie, Physik und Biologie entscheiden zu können. "Chemie ist irgendwie eine Brücke zwischen Physik und Biologie", fand Lukas schließlich.

Aber ob das, was er sich unter einem Chemiestudium vorstellt, tatsächlich der Realität entspricht, kann er mithilfe des Freiburger OSA überprüfen. Die kurze Übersicht zu Beginn klickt Lukas schnell durch, er weiß schon, dass Physikalische Chemie oder Toxikologie Teil des Studiums sind und man das Chemiestudium immer nur zum Wintersemester beginnen kann. Dann kommt ein Selbsttest: "Erwartungen". Es werden 18 Behauptungen zum Studium aufgestellt, und Lukas muss ankreuzen, wie zutreffend oder eben nicht zutreffend er diese findet. "Bereits im Studium kann man sich auf Themenkomplexe mit zentraler gesellschaftlicher Bedeutung wie Umweltschutz spezialisieren", steht da zum Beispiel. Oder: "Im Chemiestudium ist handwerkliches Geschick sehr hilfreich." Das Ergebnis: Zu 65 Prozent stimmen Lukas Erwartungen mit den Einschätzungen der Lehrenden und Studierende der Chemie überein.

Es folgen Videos, in denen Studenten erzählen, dass ein gemeinsames Ausflugswochenende vor Vorlesungsbeginn gut ist, um seine Kommilitonen kennenzulernen, oder warum es so wichtig ist, ordentlich für die ersten Klausuren zu lernen. Diese Video-Podcasts hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft als "Hochschulperle" ausgezeichnet und anderen Hochschulen zur Nachahmung empfohlen. Lukas schaut sich zwei Videos an, dann lockt ihn der nächste Selbsttest: "Interessen". Etwas mehr als eine Stunde braucht er, um den OSA durchzuarbeiten. Was ihn besonders fesselt, sind die praktischen Anteile.

Wer mag, druckt sich am Ende eine Teilnahmebestätigung aus und legt die später der Bewerbung bei. Die Teilnahme an einem Studienorientierungsverfahren ist verpflichtend für alle, die sich um einen grundständigen Studiengang in Baden-Württemberg bewerben. Von allen Universitäten wird der Test www.was-studiere-ich.de akzeptiert. In Freiburg gilt selbstverständlich auch die Teilnahmebestätigung eines OSA.

Seit gut zehn Jahren entwickelt man im Breisgau schon OSA und hat auf diesem Gebiet deutschlandweit Pionierarbeit geleistet. "Regelmäßig melden sich andere Universitäten bei uns und lassen sich beraten, wie sie eigene Studienwahlassistenten aufziehen könnten", sagt Heidi Ruhnke, Projektleiterin bei den OSA an der Uni Freiburg. Inzwischen können Interessierte an vielen Unis mithilfe der OSA Einblicke in ihre Wunschfächer bekommen. Auch universitätsunabhängige Seiten für unschlüssige Studierwillige gibt es en masse. Die unterscheiden sich jedoch im Ansatz von der Freiburger OSA-Idee: Sie sind personenorientiert und fragen die Interessen des Einzelnen ab, um auf dieser Basis dann ein Fach vorzuschlagen. Solchen Tests hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in einer aktuellen Studie gerade ein schlechtes Zeugnis ausgestellt: Die Testverfahren seien in der Regel keine verlässliche Entscheidungshilfe.