Nie nach Prognosen entscheiden

Ralf Beckmann, Arbeitsmarktexperte bei der Bundesagentur für Arbeit, über praktisch veranlagte Abiturienten und Perspektiven nach einer Ausbildung Interview: Friederike Lübke

DIE ZEIT: Warum sollte ein Abiturient eine Ausbildung machen?

Ralf Beckmann: Eine Ausbildung kann Vorteile haben: zwei von drei Azubis werden nach der Ausbildung von ihrem Betrieb übernommen, die Übrigen finden in der Regel schnell eine andere Stelle. Einen Praxisschock, wie häufig nach dem Studium, gibt es nicht.

ZEIT: Würden Sie allen Abiturienten zu einer Ausbildung raten?

Beckmann: Nein, aber wenn jemand gern praktisch arbeitet und möglichst schnell berufstätig sein will, kann eine Ausbildung für ihn geeigneter sein als ein Studium.

ZEIT: Werden Abiturienten in allen Branchen gern genommen?

Beckmann: Insgesamt haben Abiturienten bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz als Schüler mit anderen Abschlüssen. Sie bringen mehr fachliche und soziale Kompetenzen mit. Viele haben sogar schon den Führerschein. Das sind Pluspunkte.

ZEIT: Sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz überall gleich gut?

Beckmann: Nein, es gibt große Unterschiede je nach Bundesland: In Nordrhein-Westfalen kommen auf jeden Ausbildungsplatz zwei Bewerber. Auch in Berlin und Niedersachsen gibt es deutlich mehr Bewerber als Ausbildungsstellen. Andersherum ist es in Süddeutschland: in Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen. Um seinen Traumberuf zu erlernen, kann es sinnvoll sein umzuziehen.

ZEIT: Wie sehr sollte man sich auf Prognosen verlassen?

Beckmann: Ich würde nie nach einer Prognose entscheiden. Wenn ich mache, was ich kann und worin ich gut bin, werde ich auch bereit sein, mich weiterzuentwickeln, wenn sich der Arbeitsmarkt verändert.

ZEIT: Kann man zuerst eine Ausbildung machen und dann studieren?

Beckmann: Natürlich. Nach einer Ausbildung stehen alle Türen offen: für einen regulären Bachelor, ein berufsbegleitendes Studium oder eine Meisterschule. Oft studieren Leute Medizin, die eine Pflegeausbildung absolviert haben. Nach einer Ausbildung kennt man sich einfach besser als direkt nach dem Abitur.