In den vergangenen Wochen ging es Schlag auf Schlag. Zuerst kam die Nachricht von der Verhaftung des ehemaligen Erzbischofs Józef Wesołowski wegen sexuellen Missbrauchs von Jungen in seiner Zeit als Botschafter des Vatikans. Dann wurde bekannt, dass Wesołowski Unmengen kinderpornografischen Materials auf seinen Computern gespeichert hatte. Zwischendurch war ein Bischof in Paraguay abgesetzt worden, der einen in den USA verurteilten Missbrauchstäter in ein wichtiges Amt seiner Diözese befördert hatte. Mal wieder bad news für die katholische Kirche und good news für Presse?

Die bad news waren good news für die Kirche, denn beide Verhaftungen sind Schritte zu einer einheitlichen Rechtskultur. Der Vatikan agiert mit nie da gewesener Konsequenz, ohne bad news zu fürchten. Zwar kommen die Anklagen um Jahrzehnte zu spät. Und in der Weltkirche mit ihren 1,2 Milliarden Mitgliedern gibt es noch keinen Konsens zu Missbrauchsaufklärung und Prävention. Aber in Ländern wie den USA, Australien, Irland oder Deutschland gibt es nun flächendeckende Leitlinien zum Umgang mit Opfern und Tätern. Leider gilt in Teilen Osteuropas und Westafrikas der Missbrauch Minderjähriger noch als "Problem des Westens". Doch die wichtigsten Entscheider im Vatikan haben begriffen, was nottut. Franziskus schuf eine Päpstliche Kommission zum Schutz von Minderjährigen, die nicht nur den Papst berät, sondern auch die römischen Ämter, die Ortskirchen und Ordensgemeinschaften. Zwar hat die Kommission keine direkten rechtlichen Befugnisse, denn entsprechende Organe gibt es schon. Doch nun wird überprüft, ob sie funktionieren. Die Kommission soll Gerechtigkeit für die Opfer erwirken, Prävention, Ausbildung von Personal und eine theologisch-spirituelle Auseinandersetzung mit dem Missbrauch.

Schon wurden die Rechtsnormen deutlich verschärft: die Verjährungsfrist verdoppelt; der Besitz von Kinderpornografie zum Straftatbestand erhoben. Unmissverständlich heißt es, das Straf- und Zivilrecht des jeweiligen Staates sei einzuhalten. Die Glaubenskongregation fordert von den 112 Bischofskonferenzen und auch von den Orden, Präventionsstrategien zu formulieren. Nur einige Bischofskonferenzen in Westafrika haben das noch nicht getan.

Franziskus macht klar: Es geht nicht um den Schutz von Kirchenmacht, sondern von Menschen. Erzbischof Wesołowski wurde in erster Instanz mit der kirchenrechtlichen Höchststrafe, der Laisierung, belegt. Nun wird ihm auch der strafrechtliche Prozess nach den verschärften Gesetzen des Vatikanstaates gemacht. Das ist das Ende einer (Un-)Rechtskultur, die Missbrauchstaten früher als hochnotpeinliche Vorfälle unter der Decke hielt. Wenn heute der Vatikansprecher Federico Lombardi öffentlich über Details der Anklage und das mögliche Strafmaß (drei bis sieben Jahre Gefängnis) spricht – dann sind das good news im Sinne von Franziskus. Nicht nur Barmherzigkeit, auch Gerechtigkeit liegt ihm am Herzen.

Anfang Juli lud Franziskus Betroffene sexueller Gewalt nach Rom ein und traf sie in der Casa Santa Marta, wo er wohnt, gegenüber dem Petersdom, im Herzen seiner Kirche. Er gab ein Beispiel für alle Bischöfe und Priester: sich der Trauer, Wut, Enttäuschung und Einsamkeit der Opfer zu stellen. Nur so kann sich eine Tür öffnen: Weicht das unheimliche und unmenschliche Dunkel ein wenig, sind seelische und körperliche Schmerzen leichter zu tragen, wächst Hoffnung auf Heilung. Diese good news wurden zum Erstaunen der Opfer von deutschen Medien kaum beachtet. Good news scheinen uninteressant, was bei Betroffenen den Eindruck erweckt, dass sie von den Medienmachern ausgenutzt werden.

Auch deshalb gilt es den neuen Kurs der Kirche zu stärken. Er orientiert sich an den amerikanischen Bischöfen und ihrer Null-Toleranz-Strategie. Kann das gelingen? Die katholische Kirche als größte Religionsgemeinschaft der Welt ist wie ein Tanker: Jede Wende braucht Zeit. Das riesige Schiff fährt aus Trägheit oft noch auf altem Kurs weiter, ehe es ganz in eine andere Richtung dreht. Doch die good news sind: Der neue Kurs bringt alle näher zum Heimathafen.