Es ist mir nicht ganz klar, wie weit ich der These meines Freundes Siegfried Lenz zustimmen kann, dass die Hamburger Leute sind, die sich selbst für Hamburger halten. Für mich zählen Geburt und Überzeugung nicht so viel wie die hamburgische Gesinnung der Menschen. Siggi Lenz versucht die Eigenart der Menschen und ihr manchmal durchaus sehr hamburgisch anmutendes Gehabe mithilfe eines Blicks durch den Schliff eines Rumglases zu entdecken. Dieses Rumglas erweist sich als wunderbares Instrument, um hinter der Fassade der Menschen ihre Persönlichkeit und ihre Eigenheiten zu beobachten – und zu verstehen.

Als einem Ökonomen, einem politischen Publizisten und ehemaligen Politiker sind mir leider die wunderbaren Möglichkeiten des großen Geschichtenerzählers Lenz verschlossen geblieben. Vier oder fünf Jahrzehnte unserer ziemlich engen Verbundenheit haben nicht dazu geführt, dass ich zum Literaten geworden wäre. Vielleicht könnte ich ja von meinem Großvater erzählen, der ein Schauermann gewesen ist und sein Leben lang eine Schiffermütze getragen hat; oder ich könnte von meinem Vater berichten, der auch eine Schiffermütze trug. Aber ich will nur von einer einzigen typischen Hamburgensie berichten.

Wir Hamburger treffen uns zwar zu Konzerten, in Theatern, in Restaurants, an mancherlei Orten, an denen man mit Freunden zusammen ist. Aber lieber sehen die Hamburger sich in privater Atmosphäre. Es geht ihnen nicht darum, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, sondern in einem persönlichen Umfeld sich mit vertrauten Personen auszutauschen. Die Zusammentreffenden sind einander meist freundschaftlich verbunden, sie müssen aber nicht beste Freunde sein.

Zu einem solchen Ort des privaten Austausches ist mein Haus in Hamburg geworden. Hier treffen sich die Mitglieder der Hamburger Freitagsgesellschaft, die wir vor drei Jahrzehnten ins Leben gerufen haben. Im Winter eines jeden Jahres finden sie sich an sechs Freitagen abends ein. Der Ablauf des Abends ist immer gleich. Zunächst ein Drink in der klitzekleinen Kneipe, dort begrüßt man sich, es werden Nachrichten über das Befinden ausgetauscht – wenn man denn sein eigenes Wort verstehen kann. Nach einer halben Stunde finden sich alle am Esstisch ein, beim gemeinsamen Abendessen geht die Unterhaltung dann etwas mehr in die Tiefe. Der sich nun anschließende Hauptteil des Abends wird von einem Mitglied der Gesellschaft oder von einem Gast bestritten.

Es geht immer um einen Vortrag zu einem im Voraus festgelegten Thema. Anschließend aber haben alle Gelegenheit, den Vortragenden zum Thema zu befragen, zu kritisieren und gemeinsam zu diskutieren.

Die Freitagsgesellschaft ist ein Beispiel für die hamburgische Gepflogenheit, Freundschaften zu pflegen, Kontakte zu knüpfen und aufrechtzuerhalten. Man spricht mit Freunden, man trifft neue Verabredungen, man isst und trinkt gemeinsam, man lernt etwas außerhalb der eigenen beruflichen Sphäre. So ist also die Freitagsgesellschaft ein Kontrapunkt zu all den skurrilen Eigenschaften, die Siegfried Lenz den Hamburgern zuschreibt – bis hin zu der "Kunst, die Welt am Lieferanteneingang zu empfangen und ihr das Gefühl zu geben, dies sei die größte Auszeichnung".

Vor wenigen Tagen, am 29. September, habe ich Siggi Lenz einen letzten Brief geschrieben. Er schloss mit den Worten: "Wir kennen uns heute seit mehr als einem halben Jahrhundert – und die Freundschaft hat gehalten, und sie hält immer noch. Dafür bin ich dankbar."

Dieser Text basiert auf dem Vorwort, das Helmut Schmidt zu dem Siegfried-Lenz-Buch "Leute von Hamburg" geschrieben hat (erschienen 2012 bei Felix Jud und aktuell bei Hoffmann und Campe)