DIE ZEIT: Herr Weselsky, werden Sie von der Autoindustrie bezahlt?

Claus Weselsky: Natürlich nicht. Mein Gehalt wird aus den Beiträgen der GDL-Mitglieder finanziert. Wie kommen Sie darauf?

ZEIT: Wenn in diesen Tagen die Züge stillstehen, steigen viele Bahnfahrer aufs Auto um.

Weselsky: Die Streiks sind notwendig, weil die Deutsche Bahn sich im aktuellen Tarifkonflikt kein Stück bewegt. Wir haben keine andere Wahl, als den Druck zu erhöhen und unsere Forderungen durchzustreiken.

ZEIT: Sie streiken erstmals nachts, wo besonders viele Güterzüge unterwegs sind.

Weselsky: Arbeitskampfmaßnahmen, die nicht wehtun, sind wirkungslos. Sie treffen leider auch die Bahnkunden. Aber die können ja noch andere Verkehrsmittel nutzen.

ZEIT: Zum Beispiel die billigen Fernbusse, die der Bahn ohnehin viele Kunden ablocken. Streiken die Lokführer ihre eigenen Arbeitsplätze weg?

Weselsky: Diese Gefahr sehe ich nicht. Die Unternehmen auf dem Fernbusmarkt unterbieten sich mit Kampfpreisen, das kann nicht lange gut gehen. Außerdem dauert die Fahrt im Bus viel länger als mit dem Zug. Der Fernbus ist allenfalls kurzfristig eine Alternative. Langfristig ist die Bahn das pünktlichste Verkehrsmittel.

ZEIT: Derzeit beweisen die Lokführer mal wieder das Gegenteil. Worauf müssen sich Bahnfahrer einstellen?

Weselsky: Solange die Bahn ihre Blockadehaltung nicht aufgibt, sind flächendeckende Streiks möglich. Wir werden allerdings nicht unbefristet streiken und die Maßnahmen rechtzeitig ankündigen, damit sich Bahnkunden darauf einstellen können.

ZEIT: Kommt es so schlimm wie in den Jahren 2007 und 2008, als die Lokführer das Land immer wieder lahmlegten?

Weselsky: Die GDL hat seit 2007 an insgesamt 21 Tagen gestreikt, mal für wenige Stunden, mal den ganzen Tag. In sieben Jahre ist das nicht besonders viel. Das kann man aushalten. Ich kann weder sagen, wie heftig die Streiks diesmal sein werden, noch, wie lange sie dauern werden. Das liegt in der Hand der Deutschen Bahn.

ZEIT: Das Bahn-Management hat der GDL schon das vierte Angebot unterbreitet, ohne dass Sie auch nur auf eines eingegangen wären. Stattdessen lassen Sie jede Verhandlungsrunde platzen und schalten auf stur.

Weselsky: Das sind Behauptungen der Deutschen Bahn! Sie schiebt uns ständig den schwarzen Peter zu. Die angeblichen Angebote beinhalteten immer nur minimale Verbesserungen, die wir auf keinen Fall akzeptieren konnten.

ZEIT: Die Bahn hat den Lokführern zuletzt immerhin zwei Prozent mehr Gehalt angeboten.

Weselsky: Das ist eine völlige Ignoranz unserer Forderungen! Die Bahn treibt uns in den Streik, damit wir die sich selbst erfüllende Prophezeiung dafür liefern, dass ein Gesetz zur Tarifeinheit hermuss.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Weselsky: Die Streiks der Lokführer und übrigens auch der Piloten sollen zeigen: Die Berufsgewerkschaften sind böse, sie legen das Land lahm, ihr Einfluss muss begrenzt werden. Das soll den Druck für ein Gesetz erhöhen, das kleine Gewerkschaften zwingen würde, sich dem Tarifvertrag großer Gewerkschaften zu unterwerfen.

ZEIT: Für die vage Aussicht auf ein Gesetz, das vielleicht niemals kommt, nimmt die Bahn einen Millionenschaden in Kauf. Das glauben Sie nicht im Ernst!

Weselsky: Die Bahn hat die Streiks provoziert, indem sie unsere Forderung völlig ignoriert: Wir wollen nicht nur für die Lokomotivführer verhandeln, sondern auch für Zugbegleiter, Bordgastronomen, Lokrangierführer, Disponenten, Ausbilder.

ZEIT: Die Bahn will verhindern, dass für eine Berufsgruppe zwei verschiedene Tarifverträge gelten und sich konkurrierende Gewerkschaften gegenseitig zu immer höheren Forderungen anstacheln. Das würden Sie als Arbeitgeber doch auch nicht wollen.

Weselsky: Der Konzern kann uns aber nicht verbieten, dass wir für unsere eigenen Mitglieder verhandeln. Wir vertreten bereits 51 Prozent des gesamten Zugpersonals der Deutschen Bahn, die Hausgewerkschaft EVG hingegen nur 21 Prozent. Trotzdem will die Bahn, dass wir uns in Tarifverhandlungen der EVG unterwerfen. Aber da machen wir nicht mit!

ZEIT: Warum verhandeln Sie nicht gemeinsam mit der EVG über einen Tarifvertrag für das Zugpersonal?

Weselsky: In der Vergangenheit haben wir das gemacht. Das Resultat war, dass die Tarifabschlüsse von Großgewerkschaften lange Zeit zulasten von Lokführern und Zugbegleitern gingen. Deswegen haben sich die Lokführer 2007 emanzipiert und eigenständige Tarifverträge ausgehandelt.

ZEIT: Die Bahn akzeptiert Sie als Vertreter der Lokführer. Warum geben Sie sich damit nicht zufrieden, immerhin sind Sie die "Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer".

Weselsky: Wir haben um die Zugbegleiter nicht geworben. Sie sind von allein zu uns gekommen. Die Bahn und die Vorgängergewerkschaften der EVG haben sie regelrecht zu uns getrieben, indem sie dafür gesorgt haben, dass die Arbeitsbelastung immer weiter zugenommen hat, das Einkommen aber kaum gestiegen ist. Das war die Gerechtigkeit der Großgewerkschaften.

ZEIT: Im öffentlichen Dienst gibt es längst konkurrierende Gewerkschaften. Dort bilden sie Verhandlungsgemeinschaften, statt sich zu bekämpfen. Warum führen Sie einen Gewerkschaftskrieg?

Weselsky: Ich führe überhaupt keinen Krieg. Das ist bloß die Inszenierung des Bahnkonzerns. Dahinter steckt, dass die Bahn lieber mit der schwachen und ihr genehmen Hausgewerkschaft EVG verhandeln möchte als mit uns. Deshalb stellt sie die GDL als eine Organisation aus Spaltern und Sektierern dar.

ZEIT: Wenn man Sie reden hört, hat man den Eindruck, dass es in diesem Konflikt längst nicht mehr um die Sache geht, sondern nur noch um Macht. Es ist ein Wichtigtuerstreik.

Weselsky: Es geht uns auch um die Durchsetzung konkreter inhaltlicher Forderungen: fünf Prozent mehr Lohn, eine um zwei Stunden verkürzte Wochenarbeitszeit, bessere Schichtpläne. Aber eben auch darum, dass wir für Zugbegleiter und Bordgastronomen einen Tarifvertrag abschließen wollen. Wir müssen unsere Mitglieder doch vertreten dürfen! Ich kann den Zugbegleitern doch nicht sagen: "Ich nehme zwar jeden Monat 18 Euro Mitgliedsbeitrag von euch, vertrete euch aber nicht."