Alles Nachsitzen, alles Winden und Wenden hat nichts geholfen: Die Abgeordneten des Europäischen Parlaments haben den designierten EU-Kulturkommissar Tibor Navracsics bei der Anhörung spektakulär durchfallen lassen. Der ungarische Außenminister sollte in Brüssel künftig für Kultur, Bildung, Jugend und Bürgerrechte zuständig sein – und das empfanden die Abgeordneten mehrheitlich als das, was es ist: als skandalösen Verstoß gegen den liberalen Geist der europäischen Verfassung. Navracsics ist nämlich kein harmloser Staatsdiener; er ist ein führender Kopf beim Umbau der ungarischen Gesellschaft in ein autoritäres Regime.

Der zweite Mann im ungarischen Staat hat nicht nur dafür gesorgt, dass der Entscheidungsspielraum des Verfassungsgerichts empfindlich beschnitten wird; auch das berüchtigte Medien-"Maulkorbgesetz" trägt seine Handschrift. Mit diesem Gesetz steht Ungarn in Europa einzigartig da: Ein mit Anhängern der regierenden Fidesz-Partei besetzter "unabhängiger" Medienrat wacht über die Presse und sorgt für "neutrale" Berichterstattung und geziemenden Respekt vor den Werten der ungarischen Nation. Damit hat Navracsics per Gesetz vollendet, was die liberalen Milieus in Ungarn seit Jahren bitter zu spüren bekommen. Widerspruch wird mundtot gemacht, kritische Stimmen werden eingeschüchtert oder, wie im Fall von Péter Esterházy, heimlich zensiert.

Man mag das alles als traurigen ungarischen Sonderweg abtun, als letzte Zuckung einer rückwärtsgewandten Klasse, deren Tage gezählt sind. Tatsächlich unternimmt Navracsics ein gefährliches und leider zukunftsweisendes Experiment: Er versucht, auf die Krise einer durcheinandergewirbelten, tief verunsicherten Gesellschaft eine kulturell autoritäre Antwort zu geben. Das Argument geht ungefähr so: Weil der globale Kapitalismus unser Schicksal ist, muss die nationale Kultur heilen, was der Markt zerstört. Ungarns Werte, seine Mythen und seine Geschichte sind das haltende Band im Chaos der geldgetriebenen Moderne.

Damit ist die Hatz auf liberale Geister eröffnet, auf lasterhafte Regisseure, unbotmäßige Schriftsteller und missliebige Medienleute. Im demagogischen Licht der rechten Propaganda erscheinen sie als Volksfeinde, als Agenten nationaler Zwietracht und kultureller Zersetzung. Anstatt die identitätsstiftenden Mythen in demütiger Devotion weiterzuerzählen, fingern sie an ihnen herum und zertrümmern die geistigen Säulen des Staates. Rätselhaft nur, was Jean-Claude Juncker auf die Idee gebracht hat, einen Frontmann der konservativen Revolution zum Kommissar für Bildung und Bürgerrechte zu krönen.