Schon toll, dass es Menschen gibt, die an einem kalifornischen Wüstennachmittag bei 43 Grad im Schatten nach einem einzigen Klingelton ans Handy gehen und ihr Leben auf den Punkt bringen: "Ich bin grad beim Sport mit meinem Personal Trainer, weil ich beim Drehen in Wien immer Sachertorte gefrühstückt habe", sagt Udo Kier, "um fünf komme ich ins Hotel, dann fahren wir zu mir, dann gehen wir essen, und morgen fahren wir auf meine Ranch. Ciao!"

Wahrscheinlich braucht es diese Mischung aus Präzision und Überschwang, wenn man wie Kier seit fünf Jahrzehnten in kantiger Schönheit zwischen Trash, Pop, Filmkunst und zwei Kontinenten pendelt. Bei Rainer Werner Fassbinder lernte Udo Kier das Kino – und ging im richtigen Moment. In Christoph Schlingensiefs 100 Jahre Adolf Hitler spielte er den Führer als schwitzigen Junkie. Er war der Nasa-Psychologe in dem Blockbuster Armageddon und der emsige wedding planner in Lars von Triers Melancholia. Gemeinsam mit Madonna hat Kier für deren Erotikbuch muskulöse Männer zugeritten, in dem Video zu Deeper and Deeper ihren dämonischen Guru gespielt – das sind noch harmlose Ausschnitte aus der Bildersammlung dieses berserkerhaft drehenden Darstellers, der immer auch ein Kölscher Jung blieb und, man glaubt es kaum, siebzig Jahre alt wird.

Wir treffen uns in Palm Springs, Kalifornien. Das Hotel, ein um einen kleinen Pool gelegenes Ensemble, ist Udo Kiers Empfehlung. Angenehm abgeblätterter Siebziger-Jahre-Charme, rauer Beton, psychedelische Fliesenwände. Irgendwie fühlt man sich hier schon ein wenig umfangen von Kier, der als Halbwüchsiger seinen Nierentisch mit Gips und Kachelscherben aufhübschte. Und den es nun nach London, Paris, Rom, München, New York und Hollywood in die amerikanische Wüste verschlagen hat.

Vor 25 Jahren zog Kier von Deutschland nach Los Angeles, wo er noch ein Haus hat, seit zehn Jahren lebt er in Palm Springs. Der Ort gilt als Luxusghetto reicher Rentner, die in den Wintermonaten von ihren Pools auf schneebedeckte Bergketten blicken und ihre Hispano-Gärtner terrorisieren. Aber die Palmenoase wurde auch zum Refugium der Stars, die vom Moloch Los Angeles in die Wüstenstille flüchten. Hier lebten Frank Sinatra, Clark Gable, Ginger Rogers, Elvis Presley, Lauren Bacall, Marlene Dietrich, Elizabeth Taylor – und dass Udo Kier, aufgewachsen in Köln-Mülheim und seit Jahrzehnten der schillerndste deutsche Schauspielexport in die USA, ganz folgerichtig an diesem Ort gelandet ist, zeigt allein schon sein Auftritt in der Lobby des Hotels.

Um 16.59 Uhr ist er da. Seine Augen strahlen in diesem außerirdischen Grünblau, das auch den jungen Rezeptionisten zu verdattern scheint. Kier verströmt diskret exzentrischen Glamour und wirkt doch wie ein kleiner Junge zu Streichen aufgelegt. Er trägt Sportkleidung und hält der Besucherin die Tür seines Jeeps auf, als umhüllte ihn ein Smoking. Da ist sie, diese Mischung aus Nonchalance und Stilgefühl. Die wie aus Erz gegossenen Züge und darunter vibrierende Empfindsamkeit. Kiers Augen sind sanft, aber man weiß, wie diabolisch, stechend, grausam sie die Leinwand durchbohren können.

Fassbinder bringt den "Kier-Effekt", die Fähigkeit zu zart-brutalen Gratwanderungen, zum ersten Mal auf die Leinwand. In seinem Film Bolwieser verkörpert Kier 1977 einen Friseur, der eine Kundin, gespielt von Elisabeth Trissenaar, verführt. Verschwörerisch flüsternd, mit hypnotischer Stimme, rät er der jungen Provinzlerin zu Greta-Garbo-Locken. "Wie gesagt, Frau Vorstand, ich will Ihnen nicht zureden." Vor diesem diabolischen Auftritt hatte Kier schon in dem Horrorfilm Hexen bis aufs Blut gequält gegen die Inquisition gekämpft, in Andy Warhols Dracula literweise Blut gekotzt und in dem französischen Erotikschocker Die Geschichte der O nackte Frauen versklavt – doch auch bei Kier ist es Fassbinder, der das Besondere erkennt: einen Schauspieler, der eins mit sich ist und doch einen irritierenden Millimeter neben sich steht. Es ist dieser Millimeter, in dem sich der Kiersche Abgrund auftut.

Kier muss auf der Leinwand gar nicht versuchen ein ganz anderer zu sein, weil in seinem Abgrund alles Platz hat, die exzentrischsten Bilderuniversen, die durchgeknalltesten Leinwandfantasien. Und weil er neben sich, aber nie neben der Rolle steht, ist er ein so großer Trash-Darsteller. Man muss sich nur anschauen, wie liebevoll er das Baby spielt, das in Lars von Triers Krankenhausserie Hospital der Geister mit einem Udo-Kier-Kopf zur Welt kommt und schon verlassen ist. Oder auch den hüstelnden Anführer einer Nazikolonie auf dem Mond in dem Science-Fiction-Film Iron Sky. Solchen Figuren, die sich durch Übertreibung vernichten ließen, verleiht Kier eine seltsame Würde.

An den Wänden hängen Kunstwerke von Warhol, Lichtenstein, Polke, Hockney

Gerade übernahm er in Wien für den verstorbenen Gert Voss die Hauptrolle in der achtteiligen österreichischen Familienserie Altes Geld. Es ist eine Groteske rund um einen Patriarchen, der eine Spenderleber sucht, und um seine Familie, die sich darüber in Gier und Niedertracht zerstreitet. Und vom 16. Oktober an feiert der Dokumentarfilm Arteholic, eine Rundreise durch europäische Museen, Udo Kier als Künstlerfreund und Kunstliebhaber im Kino. Es ist also eine Menge los rund um den Mann, der einmal gesagt hat, er würde gerne als Arne-Jacobsen-Designerstuhl wiedergeboren werden, weil man dann immer so angenehm eingeölt werde.

"Ist doch schön, sich schöne Sachen anzuschauen."

Ob er wohl viele schöne Möbel hat? Auf dem Weg zu seinem Haus fahren wir über den vierspurigen Canyon Drive durch Palm Springs. Es geht vorbei an Ferienhausblocks, Boutiquen, Restaurants, Palmenalleen. Plötzlich biegt Kier ab. "Nur mal kurz gucken, ja?", sagt er und springt aus dem Wagen. Auf dem Parkplatz eines Autohändlers stehen alte Bentleys, Buicks und Chevrolets und warten auf Bewunderung. Zärtlich streicht Kier über das braune Chassis eines Ford Mustang. Liegt es an seiner beflügelnden Gegenwart oder an der die lästige europäische Vernunft wegbrennenden Wüstensonne, dass man sich vorstellen kann, diesen gelben Cadillac Eldorado, Baujahr 1979, für 6500 Dollar zu kaufen? Wieder im Auto, sagt Kier: "Ist doch schön, sich schöne Sachen anzuschauen."

Als wir sein Haus betreten, einen hellen Klinkerbau aus den sechziger Jahren, bekommt der Satz seine ganz eigene Wahrheit. Das Gebäude, eine ehemalige Stadtbibliothek, besteht letztlich aus einem einzigen großen Raum mit Glastüren und großen Fenstern. An den Wänden hängen Kunstwerke von Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Sigmar Polke, David Hockney, Rosemarie Trockel, Robert Longo. Auf dem Boden stehen Designklassiker von Charles und Ray Eames, Eero Saarinen und natürlich Arne Jacobsen. Dennoch hat der Raum nichts Museales, was auch an der lässigen Unaufgeräumtheit der einen oder anderen Ecke liegen mag. Udo Kier gibt der Besucherin ein Leckerli für Blue, seinen alten Mischlingshund, der von seinem Schlafplatz in den Wohnraum trottet. Eigentlich will Kier duschen gehen, aber da ist die Freude über den fremden Blick: "Guck mal, da hängt eine Einkaufstüte, von Andy Warhol 1964 signiert und von Lichtenstein auch noch mal!"

Kier macht keinen Hehl aus seiner Begeisterung, nach zweimonatigen Dreharbeiten in Wien wieder mit seinen Bildern zusammenleben zu können. Alles ist eng gehängt, auf vielen Werken steht: "To Udo with love". "Das sind fast alles Geschenke", sagt Udo Kier. "Und Erinnerungen. Mit Robert Longo habe ich einen Film gemacht, mit Hockney bin ich befreundet, Mapplethorpe hat mich fotografiert, mit Warhol habe ich gearbeitet." Man kann sich vorstellen, dass Warhol ein Auge für die fast unwirkliche Sexyness des Neunzehnjährigen hatte, den er in seine Clique aufnahm. Es war das New York der Partys, des Studio 54, der Ateliers, der Factory. Kier sieht diese Phase Anfang der siebziger Jahre pragmatisch: "Für mich war Warhol wichtig, weil ich vom normalen Zeitungspapier auf die Glanzseiten rutschte, zur Vogue . Da durfte ich mich mit Warhol und seinem Dackel namens Archibald fotografieren lassen. Alles wurde plötzlich mondän. Man ging ins Maxim’s, und alle schrien: ›Hi Andy!‹"

Ist es die Bodenständigkeit des Arbeiterjungen? Oder der Blick eines Mannes, der so vielen großen Namen begegnet ist, dass er sich nicht davon beeindrucken lässt, erst recht nicht im eigenen Wohnzimmer. Am stolzesten scheint Kier auf seine Fundstücke zu sein, die zwischen den Celebrity-Werken hängen: Gemälde, Stillleben, Skizzen von unbekannten Künstlern. Im Grunde hat Udo Kier seine Kunst genauso gesammelt wie seine Filme: unersättlich und neugierig, stilvoll auch im Stillosen, mit spielerischem Ernst. "Guck mal, diese Landschaft hat nur acht Dollar beim Trödler gekostet!" Überhaupt, eine gemeinsame Tour durch die Trödelläden müsse man unbedingt machen, sagt Kier und verschwindet dann doch im Bad.

Den Tisch für ein frühes Abendessen hat Udo Kier im Spencer’s, dem Restaurant des Tennisclubs von Palm Springs, reserviert. Die Wände sind holzgetäfelt, die Klientel ist grau bis grau meliert, und in der Mitte des Raumes klimpert ein schläfriger Pianist. Draußen, man glaubt es kaum, werden die Tennisplätze bei Temperaturen von um die vierzig Grad mit Klimaanlagennebel benetzt. Es fühlt sich seltsam an, in dieser Umgebung über Nachkriegsdeutschland und Fassbinder zu sprechen.

Die beiden lernten sich kennen, als Fassbinder noch gar nicht Fassbinder war. Zwei Fünfzehnjährige begegneten sich hin und wieder in einer Kölner Arbeiterkneipe, die auch vom Rotlichtmilieu frequentiert wurde. Udo, der kaufmännische Lehrling, und Rainer Werner, der in Köln zur Schule ging. Zwei kleine Voyeure, fasziniert vom Spektakel des Lebens. "Es gab da einen Transvestiten, der sich Judenfürstin nannte", sagt Kier. "Und Rita. Die hat sich in Casablanca umoperieren lassen und das Ergebnis im Keller gezeigt."

Jahre später, als sich die beiden in München wiederbegegneten, sagte Fassbinder zu Kier, dass er ihn zunächst nicht als Schauspieler beschäftigt habe, weil er sich durch ihn an diese Jahre erinnert gefühlt habe. Es seien für ihn keine guten Zeiten gewesen. "Für die meisten von uns!", sagt Kier. "Ich bin ja vaterlos aufgewachsen. Wir hatten zu Hause kein warmes Wasser und kein Geld. Es reichte nur für die Volksschule. Und ich musste diese Lehre machen, die ich hasste." Aber ausgesehen habe er wie Elvis Presley. "Meine Mutter war Näherin, dadurch hatte ich die engsten Hosen. Birkenöl im Haar, spitze Schuhe, weißes T-Shirt mit U-Boot-Ausschnitt und wie Presley ’ne schwarze Tolle."

Auf der Rückfahrt durch die provozierend sternenklare Wüstennacht sprechen wir über Heimatgefühle. Los Angeles, Hollywood, Palm Springs hin oder her – natürlich sei er Rheinländer durch und durch, sagt Udo Kier. "Ich bin da groß geworden, diese Herzlichkeit, diese Grobheit: ›Hör mir up jetzt damit. Bumm. Ende, aus!‹ Und Köln war ja erst mal der Kölner Dom. Den Prunk und Glamour fand ich super." Nach Deutschland wolle er dennoch nicht zurück, obwohl er im thüringischen Gehren eine alte Schule gekauft hat, in der seine Bücher und weitere Möbel stehen.

Vor dem Hotel umrundet Kier den Jeep, um die Beifahrertür zu öffnen. Als ich sage, dass das nicht nötig sei, macht er eine Kopfbewegung zur Rezeption: "Aber ja doch, die gucken doch!" Jetzt hört er sich wirklich kölsch an.

Am nächsten Tag brausen wir vor einer Staubwolke durch Morongo Valley. In der bergigen Westernlandschaft, etwa zwanzig Meilen von Palm Springs entfernt gelegen, hat Udo Kier vor ein paar Jahren eine Ranch gekauft. "Es ist eher irgendwas zwischen Bonanza und Tatort", sagt Kier, als wir vor einem sich elektrisch öffnenden Zauntor halten.

Auf dem weitläufigen Gelände voller Bäume und Palmen steht ein flacher Bau mit überdachter Holzveranda. Auch dieses Haus ist angefüllt mit Bildern und Möbeln, im eher rustikalen Stil. Jedes Stück hat seine Eigenart und doch ist alles stimmig. Er habe alle Palmen und Bäume selbst gepflanzt, sagt Kier, als wir über das Grundstück spazieren. Auch die Veranda habe er gemeinsam mit einem Handwerker gezimmert. Und was befindet sich in den zwei riesigen Schiffscontainern hinter dem Haus? "Noch mehr Möbel", sagt Udo Kier.

Die Ranch als Inszenierung des amerikanischen Traums

Die Ranch gehöre für ihn zu seiner Inszenierung des Amerikanischen Traums: "Für mich ist es eine Ranch, weil es die Symbolik einer Ranch erfüllt. Da sind die Schlangenleder-Cowboystiefel, da ist der Brunnen, und der Pick-up steht vor der Tür." Das Auto benutze er nie.

Von Morongo Valley fahren wir noch tiefer in die Wüste hinein. Fast an der Grenze zum Joshua Tree Park gehört Kier ein weiteres Grundstück. Darauf stehen die bizarr geformten Bäume, Joshua Trees. Und eine riesige ausgebaute Scheune. Green Velvet nennt Udo Kier das grün gestrichene Gebäude, als Hommage an David Lynch. Und weil der Einrichtungsstil wieder ein anderer ist: irgendwie magisch, mit Tierfiguren, einem grünen Samtsofa, schweren Kommoden. Am Rande des Grundstücks stehen zwei weitere Schiffscontainer. Möbel? "Klar", sagt Udo Kier.

Will er denn ewig leben? Immer neue Häuser und Grundstücke kaufen, Räume erschaffen und bespielen? Die Weite der Wüste scheint für Kier ein Selbsterfindungs- und Selbstinszenierungsraum zu sein. Die Verlängerung seiner rund 200 Filme durch grenzenloses, omnivores, obsessives Sammeln. Und genau wie all die Möbel in Containern, Häusern, Scheunen werden auch die großen, kleinen, ehrwürdigen, durchgeknallten, trashigen Rollen durch ihn selbst zu einem Ganzen. Zum Gesamtkunstwerk Udo Kier.

Der nächste Mittag, bei Udo Kier zu Hause. Sein Lebensgefährte, der Künstler Delbert McBride, kommt vom Einkaufen, Udo Kier telefoniert mit seinem Agenten und lehnt eine Rolle ab. Blue schläft. Alltag in Palm Springs.

In der Mitte des Raumes steht eine flache Plexiglasvitrine, darüber hängt eine Lederjacke. Keith Haring habe sie ihm in seinem Atelier in New York bemalt, sagt Kier. "Ich hab das Ding in Discos in die Ecke geworfen. Bis mir mal jemand gesagt hat, ich sei verrückt, das sei doch ein wertvolles Kunstwerk." Nun komme die Jacke in die Vitrine, auf einem goldenen Bügel.

Ist das nicht das Gegenteil seiner lebendigen Sammlung? Die Musealisierung der Kierschen Biografie hinter Glas?

"Aber nein doch", sagt Udo Kier, "wenn ich mit der Jacke ausgehen will, nehme ich sie aus der Vitrine. Da baue ich an der Seite natürlich ein Türchen ein!" So wie er es sagt, so liebenswert kölsch, klingt es wie Dürschen.