Als die Maschine aus Stockholm zur Landung in Umeå ansetzte und ich durchs Fenster auf die Birkenwälder blickte, sah ich nur weiße Bäume. Ich wusste noch nichts vom Schwung ihrer Stämme, sah nicht ihre vornehme Weiblichkeit, kannte nicht den Geschmack ihrer Blätter. Als ich nach der Landung durch die Ankunftshalle eilte und dem Ausgang zustrebte, glücklich, nur mit Handgepäck zu reisen, übersah ich selbst die bunten Holzbänke, auf denen die Wartenden saßen. Und hätte ich sie bemerkt, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass die Birken, aus denen sie geschnitzt sind, nicht einfach nur gefällt, sondern gejagt wurden, und dass der Künstler, der sie schnitzte, damit den Wunsch der Birken erfüllte. Aber der Reihe nach.

Umeå, eine einsame Siedlung in den Wäldern Schwedens, ist seit neun Monaten Kulturhauptstadt Europas. 118.000 Menschen leben hier, 300 Kilometer südlich des Polarkreises, ein Drittel davon Studenten. Ich hatte einiges über Umeå gelesen: Es gibt einen großen Kunstcampus mit einer international renommierten Designhochschule, ein Opernhaus, eines der ältesten Jazzfestivals des Kontinents und eine weltweit bekannte Hardcore-Punkszene. Aber all das wäre für mich noch kein Reisegrund gewesen. Aufgehorcht hatte ich erst, als ich auf die Geschichte mit den Birken stieß. In Umeå kennt sie jedes Kind.

Am Mittsommertag des Jahres 1888 brach in einer Brauerei ein Feuer aus, starker Wind blies die Flammen von Haus zu Haus. Nach sechs Stunden war der größte Teil Umeås dem Erdboden gleich. Gestorben ist damals zwar niemand, doch 2.300 der 3.000 Bewohner wurden obdachlos. Das Feuer hatte sich so schnell ausbreiten können, weil die Holzhäuser dicht an dicht standen. Erst eine Reihe Birken hatte den Brand gestoppt – jeder dieser Bäume trinkt pro Tag bis zu 400 Liter Wasser, vieles davon sammelt sich in Ästen und Blättern. Beim Wiederaufbau beschloss man daher, viel Platz zwischen den Häuserblocks zu lassen und in jeder der breiten Straßen zwei Reihen Birken zu pflanzen. Seitdem nennt sich Umeå "Stadt der Birken". Das fand ich sehr romantisch.

Vor der Abreise schossen mir jede Menge Fragen durch den Kopf: Verehren sie in Umeå die Birke, ihre Beschützerin, wie die neuseeländischen Maoris die Kauribäume? Zapfen sie in ihren Gärten Birkenwasser aus den Stämmen? Kochen sie Tee aus den Blättern und kauen auf der Rinde herum, wegen der heilenden Wirkung? Tragen sie Jacken aus Birkenfasern? Feiern sie vielleicht sogar wilde Birkenpartys?

Um Antworten zu finden, habe ich mich mit Anna Flatholm verabredet, der Chefin der städtischen Parkanlagen von Umeå. Sie ist verantwortlich für alle öffentlichen Bäume. Den Treffpunkt im Rathauspark hat sie vorgeschlagen, wahrscheinlich weil sich die Stadt hier von ihrer besten Seite zeigt. Der quadratische Park mit dem blumengeschmückten Springbrunnen in der Mitte reicht bis an den Fluss und wird an den anderen drei Seiten umringt von Backsteinklinkergebäuden aus der Zeit nach dem großen Feuer: dem Alten Rathaus, der Handelsbank und der ehemaligen Feuerwache mit einem runden Wachturm, der Zinnen hat wie eine Burg. An der Westseite steht das älteste Hotel der Stadt, das gerade saniert wurde und mit dem Kulturväven verwächst, dem neuen dreizehnstöckigen Kulturhaus. Allerdings sind wir hier umringt von Ahornen, Linden und Lärchen. "Um unsere Birken zu sehen", sagt Flatholm, "müssen wir auf die Straße gehen."

Die Alleen, durch die wir kurz darauf spazieren, sind auf beiden Seiten von weißen Stämmen gesäumt. Viele sind noch jung und schlank und stehen unscheinbar am Rande der Fahrbahn. Egal, an welcher Kreuzung man in Umeå abbiegt, man gelangt in die nächste Birkenallee. Wir laufen weiter bis zur Rathaus-Esplanade, der Einkaufsstraße, breit wie eine Landebahn. Die größten Bäume auf dem Mittelstreifen sind vielleicht 50 Jahre alt, die meisten deutlich jünger und die ganz vorne, in der Nähe des Rathauses, zwischen den gläsernen Einkaufszentren, wurden offenbar gerade erst gepflanzt. Eingezäunt stehen sie im Schutt, am Gitter hängen die Pläne für die neuen Parkanlagen: moderne, klare Linien, kühl und sauber. Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt.

Anna Flatholm referiert unterdessen Zahlen. 2.309 Birken gibt es im Stadtkern, 17.164 im gesamten Stadtgebiet.

"Mögen Sie Birken, Frau Flatholm?"

"Ich mag viele Bäume."

Zwei Stunden Zeit hat sie sich für die Stadtführung genommen. Nach eineinhalb Stunden reichen wir uns die Hand.

Ich gehe im Fischrestaurant am Bahnhof vorbei, das einen Birkencocktail auf der Karte haben soll. Doch die junge Frau hinterm Tresen entschuldigt sich: Er sei ausverkauft. Touristen, sagt sie, seien ganz wild auf den Cocktail. Beim Fremdenverkehrsbüro gibt es Kerzen und Tragetaschen mit Birkenrindenmuster, die Hefte für das Kulturprogramm, Umeå2014, sind mit Fotos von Birkenwäldern bedruckt. Birkentee haben sie hier eigentlich auch, sie können ihn aber gerade nicht finden, dafür einige Flaschen Birkensaft. Der allerdings nicht in Umeå hergestellt wird, sondern in Altersbruk, 200 Kilometer weiter nördlich.

Von Selbstzapfern, die die Stämme ihrer Bäume im Garten anbohren, wissen die Mitarbeiter genauso wenig wie von der heilenden Wirkung der Rinde oder irgendwelchen Ritualen der Baumvergötterung. Stattdessen erzählen sie mir von der polnischstämmigen Künstlerin Magdalena Dziurlikowska, die vor ein paar Jahren eine Collage aus Fotos von Birkenstämmen und Zitaten Einheimischer gebastelt hat. Sie hatte die Umeåner gefragt, was ihnen zu den Birken einfällt. Das meiste klang so: "Im Winter sind sie langweilig." – "Es sind viel zu viele. Ich wüsste nicht, wozu sie gut sein sollten." – "Alle meine vier Kinder sind gegen Birken allergisch."

Als ich zum Sonnenuntergang am Umeälven sitze und in das glühend rote Wasser starre, denke ich darüber nach, wie es sein kann, dass die Birke die Besucher dieser Stadt so bezaubert, während ihre Bewohner ihr kaum mehr Sympathie entgegenbringen als einem Feuerlöscher. Gibt es denn keinen Menschen in Umeå, der seine Beschützerinnen liebt?