Als im Januar 2006 eine Partei von Kleinbauern und Indigenen die Regierungsgeschäfte in Bolivien übernahm, reagierte das Establishment spöttisch. Dieser regierungsunerfahrene Haufen namens Movimiento al Socialismo (MAS) wollte einen radikalen Elitenwechsel einleiten? Und das, ausgerechnet, mit Evo Morales an der Spitze? Einem Kokagewerkschafter aus dem Volk der Aymara, der sich von seiner traditionellen Kleidung so wenig trennen wollte wie einst Joschka Fischer von seinen Turnschuhen?

Heute, nach acht Jahren MAS-Regierung, ist der Spott verflogen und ein Ende der "Evo-Epoche" nicht in Sicht: Bei den Wahlen am vergangenen Sonntag kam die sozialistische Partei auf fast 60 Prozent der Stimmen und triumphierte in acht von neun Bundesstaaten. Seine Kontrolle über das Land, so verkündete Morales noch vor der Wahl, werde "lange andauern" und Bolivien so prägen, wie einst Mao Zedong China geprägt habe. Der Vergleich war nicht zufällig gewählt: Morales ist ein erklärter Mao-Bewunderer.

Mit Mao teilt der Sozialist Morales freilich nicht nur einige politische Ideen, sondern auch den Hang zur autoritären Machtausübung. Parteiinterne Kritik gilt ihm als Illoyalität. Mit den Vertretern der Oppositionsparteien wechselte er im Wahlkampf kein Wort. Er wisse nicht, so tönte Morales, worüber er sich mit den "Repräsentanten des Imperialismus" unterhalten solle. An diesen polemischen Sound haben sich die Ohren der Bolivianer längst gewöhnt. Der Präsident und seine Minister schlagen verbal gerne um sich. Selbst die katholische Kirche, zu der sich mehr als drei Viertel der gut zehn Millionen Bolivianer bekennen, fühlt sich mittlerweile verfolgt, nachdem Morales sie als "Feind des Friedens" bezeichnet hat, den man "auswechseln" müsse. Ein echter Demokrat spricht sicher anders. Bemerkenswert ist allerdings: Morales ist nicht wegen seiner Streitsucht populär, sondern wegen seiner Politik.

In der Tat lässt sich die Regierungszeit des MAS als Erfolgsgeschichte lesen: Seit 2006 wuchsen die Staatseinnahmen um 460 Prozent, vor allem infolge der Verstaatlichung des Erdgassektors und durch Steuererhöhungen. Auch der Export ist stark gestiegen. Die Inflation blieb dabei ebenso stabil wie das Wirtschaftswachstum – während die großen Nachbarn Brasilien und Argentinien ökonomisch kranken und eine Rezession das Post-Chávez-Venezuela überrollt. Mit den steigenden Einnahmen finanzierte die Regierung Morales ihre Sozialpolitik: Sie legte Großprojekte zur Alphabetisierung und Gesundheitsversorgung auf, erhöhte schrittweise den Mindestlohn und führte Staatsrente und Kindergeld ein. Durch die Umverteilungsmaßnahmen wurde wiederum der Konsum angekurbelt. Selbst IWF und Weltbank, in Morales' Augen Propagandisten des Neoliberalismus und damit natürliche Feinde seiner Regierung, lobten die Entwicklung.

Doch bleibt der eingeschlagene Weg trotz aller Erfolgsmeldungen so steinig wie die Straßen im Altiplano. Die Krux liegt ausgerechnet im wichtigsten Faktor des wirtschaftlichen Aufschwungs: dem Rohstoffreichtum des Andenstaats.

Das "Modell Evo" wird vom Erdgas- und Mineralienexport gestützt. Das wird noch einige Zeit gut gehen, zumal unter dem Salar de Uyuni, einem riesigen Salzsee im Südwesten des Landes, die weltweit größten Lithiumvorkommen lagern. Und Lithium wird in iPhone-Akkus ebenso verbaut wie in den Batterien von Elektroautos.

Das langfristige Ziel ist aber die Diversifizierung der Wirtschaft. Das ist ökonomisch sinnvoll, führt allerdings in eine Zwangslage: Morales ist auf den Abbau der Rohstoffe angewiesen, um eine verarbeitende Industrie aufzubauen. Das hat zur Folge, dass, pointiert gesagt, erst stabile Weltmarktpreise die Stabilität seiner Regierung sichern. Die wiederum hat sich das indigene Leitmotiv des Vivir Bien auf die Fahnen geschrieben, des "guten Lebens" im Einklang mit der Natur. Und das passt kaum zur extensiven Ausbeutung der Rohstoffe.

Wenn Morales in seiner neuen Amtszeit diesen Konflikt bewältigt, könnte Bolivien endgültig zum linken Vorzeigeprojekt in Südamerika werden. An Selbstbewusstsein mangelt es dem Präsidenten auf keinen Fall: Seinen Wahlsieg erklärte er zum Triumph für alle Völker, "die gegen Kapitalismus und Imperialismus kämpfen".