DIE ZEIT: Darf ich mit einem Bono-Witz beginnen?

Bono: Legen Sie los!

ZEIT: Sagt Bono zum Konzertpublikum: "Jedes Mal, wenn ich in die Hände klatsche, stirbt in Afrika ein Kind." Da ruft einer aus der Menge: "Dann hör doch endlich auf zu klatschen." Lustig, oder?

Bono: Es gibt bessere Witze über mich. Vor allem ist das eigentlich ein Bob-Geldof-Witz. Es ist ganz einfach: Viele lieben U2 und genauso viele hassen U2. Schon als wir jung waren, schlug uns bereits faszinierend viel Ablehnung entgegen. Vielleicht ziehe ich Provokationen an, denn ich mag Konflikte, sie beleben mich!

ZEIT: All die Häme lässt Sie kalt?

Bono: Ich lebe damit nicht nur sehr entspannt, ich genieße den Hass sogar. Denn Rockmusiker zu sein, das heißt für mich auch, Unruhe zu stiften. Im Verlauf unserer Karriere gab es vielleicht zehn Minuten, in denen wir beliebt waren, ansonsten lebten wir immer im eisigen Gegenwind.

ZEIT: Sie, Bono, ziehen besonders viel Ablehnung auf sich.

Bono: Ja, ich treibe die Kritiker zu erstaunlichen Attacken gegen die ganze Band. In einer Rezension zu unserem Album Rattle and Hum stand mal: "Hoffentlich stirbt die ganze Band bei einem Flugzeugabsturz. Das wäre das angemessene Finale für diese Idioten." Verletzt mich das? Nein! In jeder Bar, in der Sie am Tresen stehen, gibt es garantiert einen Idioten in Ihrer Nähe. Und wenn man so viel Zeit in Bars verbracht hat wie ich, lernt man zwangsläufig mit diesen Typen umzugehen.

ZEIT: Im Booklet Ihrer neuen CD Songs of Innocence beschreiben Sie das Dublin Ihrer Jugend als eine "Kriegszone" voller Gewalt. Härtet so eine Erfahrung zwangsläufig ab?

Bono: Die siebziger Jahre in Dublin waren eine harte Zeit. Um daran nicht zu zerbrechen, musste man so tun, als wenn es die Gewalt nicht gäbe. Ich war gut im Verdrängen, vieles davon ist tief in mir verschüttet. Neulich erinnerte mich mein Schulfreund Guggi an den Tag, als deren Wohnhaus, das in derselben Straße wie das meiner Familie lag, von einer Gang attackiert wurde und sein kleiner Bruder in seiner Verzweiflung mit einer scharfen Armbrust durch die zertrümmerten Fenster auf die Angreifer schoss. Er traf nicht – zum Glück –, sonst wäre er womöglich zum Mörder geworden. Wenn ich daran denke, läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Wir waren alle noch Kinder, Teenager. Ich und Larry Mullen kommen aus der Arbeiterklasse. Der einzige Luxus war, dass unsere Väter ein Auto besaßen.

ZEIT: Innerhalb der Band gibt es aber Klassenunterschiede, was ihre Herkunft angeht, oder?

Bono: Stimmt, Edge und Adam haben nie Gewalt erlebt. Als Adam eines Nachts nach einem der ersten U2-Auftritte von einer besonders üblen Skinhead-Gang Prügel angedroht wurden, fragte er den Anführer, ganz höflich, ob er ihm stattdessen 50 Pence geben dürfe. Kein Witz. Adam war jede Aggression fremd, er ist eben ein Schnösel.

ZEIT: Offenbar gibt es manchmal auch Auseinandersetzungen innerhalb der Band. Ihr jüngstes Album haben Sie kürzlich von Apple an rund 500 Millionen iTunes-Nutzer verschenken lassen, was Ihrem Gitarristen The Edge nicht zu gefallen schien. Im Observer heißt es, dass er Zweifel an Ihrem Deal mit Apple hatte.

Bono: Stopp. Das habe ich auch gelesen und ihn sofort darauf angesprochen. Wie sich herausstellte, sind die Zitate im Observer nicht korrekt wiedergegeben. Denn The Edge war in Wahrheit sehr begeistert von unserer Apple-Vereinbarung. Fragen Sie ihn, er sitzt nebenan.

ZEIT: Ihr alter Kumpan Herbert Grönemeyer kritisierte die Aktion als "respektlos gegenüber hart arbeitenden Kollegen". Können Sie das nachvollziehen?

Bono: Das hat Herbert gesagt, ohne sich vorher schlauzumachen. Wir haben nämlich gar nichts verschenkt! Wir als Band wurden erstklassig bezahlt. Und Apple hat dann unsere Musik den Kunden geschenkt, also die Menschen belohnt, die sonst Songs über iTunes kaufen und überhaupt noch Geld für Musik ausgeben. Die Botschaft ist doch: Wir beschenken Menschen, denen Musik noch etwas bedeutet.

ZEIT: Grönemeyer war ja nicht der einzige Kollege, den die Apple-Kooperation irritierte. Zuletzt schimpfte sogar Ozzy Osbourne, dass Millionäre wie Sie die Zukunft für Nachwuchsmusiker zerstören.

"Meine Kinder haben unseren Plan sofort kapiert"

Bono: Die haben eben alle nicht kapiert, was wir getan haben. Das sind Typen, die eine Schlagzeile lesen und sich dann unqualifiziert äußern. Keiner Band ist Musik so heilig wie uns, ihr Wert ist unermesslich. Und noch mal zum Mitschreiben: Wir haben nichts verschenkt.

ZEIT: Sie bereuen nichts an der Apple-Aktion?

Bono: Der Ablauf war wohl unglücklich, ich glaube aber, mittlerweile haben die meisten Menschen das verstanden. Vielleicht sind viele Kritiker auch einfach zu alt. Meine Kinder haben unseren Plan sofort kapiert. Und das würde ich allen Zwanzigjährigen zutrauen.

ZEIT: Aber die älteren Generationen sind eher Ihr Kernpublikum. Haben Sie die unterschätzt?

Bono: Ja, da haben wir wohl einen Fehler gemacht. Wir hätten am Tag der Apple-Präsentation mit vielen Medienvertretern sprechen müssen, um unser Vorgehen zu erläutern. Aber wir ziehen auch einfach viel Kritik an, weil wir ansonsten nicht die üblichen Angriffsflächen bieten. Wir prügeln uns nicht und haben keine Probleme mit Heroin. Sorry, da können wir leider nicht mithalten, dieses Rock-’n’-Roll-Leben haben wir einfach nicht zu bieten. Wir sind eine Band, die wie eine freundliche und friedliche Kommune funktioniert. Dabei ist Kommune wohl ein Wort, das mir wieder umgehend um die Ohren gehauen wird. Egal, wir leben nach einem Wertesystem, das man verachten oder respektieren kann, aber wir haben immerhin noch Werte.

ZEIT: Wie definieren Sie diese Werte?

Bono: Das sind die Werte, die wir dem Punkrock zu verdanken haben. Eine Band wie The Clash zu sehen und zu verstehen, wofür die standen, das prägt uns bis in die Gegenwart. The Clashs Ideen von sozialer Gerechtigkeit machten wir zu unseren. Und, ja, manchmal kann es hart sein, zu wissen, dass da viele Menschen lauern, die nur darauf hoffen, dass wir einen großen Fehler machen. Dieses Gefühl begleitet mich beständig. Manchmal denke ich: Sorry, dass wir Erfolg haben! Sorry, dass wir eine großartige Zeit haben! Sorry, dass manche Menschen unsere Platten für gar nicht so schlecht halten! Aber was soll ich nun tun? Mich erschießen?

ZEIT: Wenn ein Milliardär wie Sie ein Album in Umlauf bringt, für das Kunden eines großen Konzerns nichts zahlen müssen, bringt einem das nicht nur Freunde. Das ist eben so.

Bono: Das Argument zählt nicht! Ich habe mich noch nie arm gefühlt, auch als ich noch kein Geld hatte. Dabei war ich bettelarm. Meine Freundin, die nun meine Ehefrau ist, und alle Freunde, die ich hatte, haben mich nie spüren lassen, wie arm ich war. Meine Freundin kam jahrelang für mein Leben auf. Auch einige meiner Freunde zahlten für mich. Wir teilten immer alles. Vielleicht deshalb hat mich Geld nie beeindruckt. Wir fuhren 1982 in einem alten Van im Winter nach Berlin für eine U2-Show, hinten lagen die feuchten Schlafsäcke, in denen wir im Auto die Nacht verbrachten. Ich erinnere mich bis heute an die angeekelten Blicke der Grenzsoldaten. Es war toll. Ich weiß natürlich, dass Geld eine sehr ernste Angelegenheit sein kann, wenn man es nicht hat. Aber ich behaupte, dass wir als Band heute noch so entscheiden, wie wir es zum Beginn unserer Karriere getan hätten. Ich glaube nicht, dass irgendeine andere Band auf der Welt länger und skeptischer über den Apple-Deal nachgedacht hätte, als wir es getan haben.

ZEIT: Alle Kritiker irren, Sie aber haben recht?

Bono: Was wir ausgehandelt haben, hilft auch jungen Bands in der Zukunft. Weil wir Maßstäbe darin setzen, dass Musiker immer noch angemessen bezahlt werden. Und glauben Sie mir, die Art und Weise, wie Musiker heute von Streaming-Diensten bezahlt werden, gefällt auch mir überhaupt nicht. Das muss sich ändern! Ich habe genug Musikerfreunde, denen es schlecht geht. Wenn wir nur zehn Prozent der 500 Millionen iTunes-Kunden dazu bekehren, anständig für Streaming zu zahlen, wird alles gut.

ZEIT: Wie wollen Sie das anstellen?

Bono: Wir verhandeln da hart hinter den Kulissen, denn Streaming ist die Zukunft der Musik. Die Technik dafür gibt es. Sie ist nur noch nicht marktreif. Es dauert vielleicht noch zwei Jahre.

ZEIT: Wenn ich Ihnen nun sage, dass ich gerade all Ihre Alben aus dem Netz geladen habe, ohne zu zahlen, wären Sie entsetzt?

Bono: Nein, ich würde nur sagen: Gratulation, Sie machen, was alle machen. Ich gehöre zwar zu der Generation, die als Teenager noch Tonbänder hörten, aber ich akzeptiere die Realität. Ich habe damals auch Platten von Freunden auf Kassetten aufgenommen. Wer bin ich, mich über illegale Kopien zu beschweren? Ich glaube allerdings daran, dass es immer Menschen geben wird, die auch ein Original besitzen möchten – mit Hülle, Texten und so weiter. Also muss man die Produkte wieder aufwerten.

ZEIT: Klingt gut, aber ist das nicht eine schöne Illusion? Sie haben eine ganze Generation verloren, die nicht mehr daran gewöhnt ist, für Musik zu zahlen. Wie wollen Sie die überzeugen?

Bono: Kommt Wasser bei Ihnen aus dem Wasserhahn?

ZEIT: Meistens schon.

Bono: Warum gibt es dann eine gewaltige Industrie, die gut davon lebt, in Flaschen abgefülltes Wasser zu verkaufen? Also etwas, das aus jedem Wasserhahn umsonst kommt? Wenn es jemand geschafft hat, Menschen dazu zu bringen, für abgefülltes Wasser zu zahlen, wird uns das auch mit Musik gelingen. Letztlich geht es allein um die Qualität des Produktes und wie es verkauft und präsentiert wird. Hätte man in den siebziger Jahren Menschen erzählt, dass in der Zukunft viel Geld mit Wasser in Flaschen zu machen sei, hätten die einen doch ausgelacht. Da fällt mir noch ein Bono-Witz mit einer guten Pointe ein. Der endet jedenfalls im Himmel. Da steht einer und fragt: Ist das Bono? – Nein, das ist Gott, er denkt allerdings, er sei Bono. Der ist wirklich lustig, oder?