Schade, dass die G-9-Initiative für ihre Volksabstimmung über das neunjährige Gymnasium nicht etwas mehr Unterschriften bekommen hat. Dass es zur Abstimmung nicht kommt, ist gut so; eine Mehrheit für das G 9 hätte die Stadtteilschulen und damit das Hamburger Schulsystem ruiniert. Aber etwas mehr Unterschriften wären schön gewesen, am besten: gerade genug, um die Verfechter des achtjährigen Gymnasiums, so wie es heute ist, nachdenklich zu stimmen.

Was das heißen soll? Ein paar Gegenfragen: Kennen Sie den Unterschied zwischen einer harmonischen und einer melodischen Molltonleiter? Wissen Sie, was beide von einer natürlichen Molltonleiter unterscheidet? Wären Sie imstande, ein kleines Voicing zu einer nicht zu schwierigen Melodie zu notieren, aber bitte unter Vermeidung von Quintparallelen?

All das ist Unterrichtsstoff einer achten Gymnasialklasse, mitzuschreiben in zwei von mehr als 30 Wochenunterrichtsstunden, einzuüben im Verlauf kurzer Nachmittage und langer Abende, zu reproduzieren in Klassenarbeiten und danach sofort zu vergessen. Falls sich also im Lager der G-8-Enthusiasten jemand die Frage stellen sollte, wie man diese großartigen Hamburger Gymnasien vielleicht noch ein klein wenig besser machen könnte, dann wäre hier ein Vorschlag: diese Art von Unterricht abzuschaffen.

Dass sie Schüler lehrt, die Beschäftigung mit Musik zu hassen: geschenkt. Dass sie nebenbei in Kauf nimmt, Kinder zu demütigen, die nicht in der Welt des Klavier- und Geigenunterrichts groß werden: schon schlimmer.

Vor allem aber ist ein solcher Unterricht Zeit- und Energieverschwendung. Solange Gymnasien Räume und Lehrkräfte übrig haben, um derlei Angeberwissen zu vermitteln, gibt es keinen Grund, über zusätzliche Schuljahre nachzudenken.

Wie bitte? Hier wird das klassische Bildungsideal gefährdet? Verflachung und Verblödung drohen? Eine kleine Umfrage unter Musiklehrern im Bekanntenkreis ergibt, dass einer von ihnen den Unterrichtsstoff heutiger Vierzehnjähriger im Leistungskurs der Oberstufe kennengelernt hat, die beiden anderen im Studium. Allen dreien erscheinen solche Lernziele für Kinder ohne gute musikalische Vorbildung so sinnvoll zu sein wie das Auswendiglernen von Telefonbüchern. Aber, auch darin besteht Einigkeit: Sie entsprechen den Lehrplänen, vielleicht in einer etwas extremistischen Auslegung.

Nun ist, zugegeben, Kritik an einem Nebenfach kein Nachweis systematisch aufgeblähter Lehrpläne. Was das Beispiel allerdings zeigt, sind falsche Prioritäten. Es gibt ja durchaus eine Zielgruppe für diesen Unterricht, jene Schüler, deren privater Instrumentalunterricht hier auf Kosten ihrer Mitschüler ergänzt wird. Aber wie kommen solche Harmoniestudien in die Lehrpläne? Bloß ein Verdacht: um eine Teilgruppe der Eltern bei Laune zu halten, die als Mitglieder der Fördervereine den Schulen einen zweiten Etat verschaffen.

Die übrigen Schüler lernen dabei wohl vor allem eines: zwischen Zumutungen zu unterscheiden, gegen die man sich wehren kann, und anderen, die erduldet werden müssen. Auch das ist heute das G 8.