Der Tag von Herrn Meyer beginnt mit einem großen Glas Wasser. Es entschlackt seinen Körper und ist die Grundlage für die drei Liter, die im Laufe des Tages noch zusammenkommen müssen. Dazu isst er Karotten und Paprika – roh, "weil das am gesündesten ist". Das Brötchen, das er dazu nimmt (aus gesundem Vollkorn natürlich), bestreicht er nicht mit Butter (Herzinfarktgefahr!), sondern mit cholesterinfreier Margarine. Und im Bad wäscht sich Herr Meyer auch nicht einfach die Hände, nein, er desinfiziert sie gründlich, damit er auch sicher alle Keime erwischt, die auf seiner Haut siedeln.

Am Nachmittag geht er joggen, "als Ausgleich zum Stress im Büro". Er dehnt sich vorher ausgiebig, um besser laufen zu können; nach dem Joggen duscht er und benutzt als Deo eines ohne Aluminiumsalze, um die Krebsgefahr zu bannen. Ins Bett geht er noch vor Mitternacht, obwohl er noch nicht so richtig müde ist – aber der Schlaf ist dann eben am gesündesten. Und Herr Meyer kommt dann, schöner Nebeneffekt, gar nicht erst in Versuchung, spätabends an den Kühlschrank zu gehen, denn: "Nächtliche Mahlzeiten setzen schnell an!" Vor dem Schlafen möchte er noch ein wenig lesen. Schon den ganzen Tag hat er sich auf Tschick gefreut ("ein tolles Buch"), nun macht er sich besonders helles Licht an, um beim Lesen seinen Augen nicht zu schaden. Dass er dabei dem Rücken den Gefallen tut, kerzengerade zu sitzen, versteht sich von selbst.

Lieber Leser, Herrn Meyer gibt es nicht. Oder besser: Es gibt ihn millionenfach, er heißt aber auch Bauer, Müller, Schmidt und Schulze. Er ist ein deutscher Prototyp. In seinem prototypischen Tagesablauf haben wir ein paar seiner Gesundheit angeblich zuträgliche Rezepte versteckt, die nicht ganz richtig sind. Sind Ihnen die Fehler aufgefallen? Nicht? Macht nichts. Tatsächlich sind alle Behauptungen falsch, nur eine einzige stimmt: Tschick ist ein tolles Buch.

Sie dachten, Herrn Meyers Lebensweise sei vorbildlich? Sie richten sich sogar selbst nach einigen dieser "Gesundheitstipps"? Sie können nichts dafür. Woher sollen Sie es auch wissen? Viele vermeintlich kluge Ratschläge und Handlungsanweisungen kommen in Gestalt medizinischer Weisheit und Einsicht daher. Wir Laien stellen sie nicht infrage – wir glauben sie. Warum sollten wir auch an ihnen zweifeln?

So haben sie sich im Alltag breitgemacht, und ihre wissenschaftlich begründete Autorität drangsaliert uns dauerhaft. Sie sagen uns, was wir tun und was wir lassen sollen. Sie engen uns ein. Manche richten sogar Schaden an. Jeder kennt sie, viele verhalten sich danach, sie haben Macht über uns, und doch: Es sind nur Mythen!

Wieso also kann man nicht ein für allemal mit ihnen aufräumen?

Es sind viele Faktoren, die Mythen am Leben erhalten. Besonders hartnäckig verankern sich vermeintliche Tatsachen in unserem Gedächtnis, wenn wir sie aus besonders vertrauenswürdiger Quelle erfahren haben: von Eltern oder Großeltern. Die verbieten dem Kind, bei schwachem Licht zu lesen – das mache kurzsichtig. Sie warnen vor zu viel Schokolade, die verursache Pickel. Stück für Stück bilden solche Empfehlungen eine Art Familientradition, einen familiären Kanon, der mit der Zeit immer wertvoller zu werden scheint: Ja, das hat schon zu Großmutters Zeiten geholfen ...

Auch die weiter zurückliegende Vergangenheit spielt eine Rolle bei der Mythenbildung, sagt der Psychologe Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. "Es ist evolutionär in uns Menschen angelegt, mit der eigenen Gesundheit besser nicht zu experimentieren, sondern sich auf das zu verlassen, was andere tun." Und da helfen Mythen: "Sie zeigen, dass schon viele andere Menschen Erfahrungen mit etwas gemacht haben, und schützen so vor tödlichen Fehlern." Heute sei die Situation aber eine andere: "Es gibt die Wissenschaft mit ihren Erkenntnissen, die man ebenfalls benutzen kann."