Die Draußenseiter

Das junge Pärchen will nach Südafrika und fragt einen Berater nach Malaria-Tabletten. Ein paar Schritte weiter spielen zwei kleine Mädchen Verstecken zwischen den Zelten. Und dann ist da noch der Mann im grauen Anzug, der aussieht wie ein Sparkassenberater und der eine Axt kaufen möchte.

So sieht ein normaler Tag bei Globetrotter aus. Die Filiale am Hamburger Wiesendamm ist eine von neun des Outdoor-Ausrüsters in Deutschland. Erst im September hat er eine in Stuttgart eröffnet. Von Krise ist also auf den ersten Blick nichts zu spüren, doch der Eindruck täuscht: Zwar lieferte die Outdoor-Branche nach der Jahrtausendwende noch zuverlässige Wachstumsraten, und Globetrotter machte da keine Ausnahme. Doch das hat sich geändert, und auch Globetrotter rutschte in die roten Zahlen. Die letzten drei Geschäftsjahre schloss das Unternehmen mit einem Umsatzminus ab, der Personalbestand von rund 1.500 Mitarbeitern sank um zehn Prozent.

Dabei hat das Hamburger Unternehmen vieles richtig gemacht. Wie niemand sonst hat Globetrotter vom Outdoor-Boom der Vergangenheit profitiert. Vor allem aber waren die Filialen von Globetrotter immer etwas Besonderes. Intern hießen sie "Erlebnisfilialen", und sie boten den Besuchern genau das, was Experten seit Jahren als Erfolgsrezept für den Einzelhandel predigen: Einkaufserlebnisse. Schon zur Eröffnung der ersten Filiale im September 1979 ließen die Gründer den bekannten Abenteurer Rüdiger Nehberg ein Menü aus Käfern und Würmern auf einem Benzinkocher zubereiten. Und noch heute gibt es bei Globetrotter fast alles zu kaufen, was man fürs Angeln, Bergsteigen, Klettern, Radfahren und Zelten so brauchen kann. Außerdem bietet der Einzelhändler in seinen Räumen eine tropenmedizinische Beratung an, bei der es die Impfung auf Wunsch gleich dazu gibt. Man findet Geschäftsstellen des Alpenvereins, Kletterwände, Kanu-Pools und Kältekammern, in denen sich die Reiseausrüstung testen lässt.

Und trotzdem bekommt, wer heute in der Filiale am Wiesendamm genauer hinhört, einen Eindruck von den Problemen. Da fällt etwa der Mann mit dem Smartphone auf: Er steht vor den Regalen mit den GPS-Geräten und hat sich gerade mit einem Verkäufer über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Modelle unterhalten. Jetzt vergleicht er offensichtlich online die Preise bei der Konkurrenz. Und so mag es bei Globetrotter ja beeindruckend sein. Doch was nützen Erlebnisfilialen, wenn die Kunden zwar zum Erleben kommen – aber nicht zum Kaufen?

Handelsexperten und Geschäftspartner von Globetrotter sind bis heute voll des Lobes über die Hamburger und ihre Ideen. Der Internetauftritt samt Webshop sei "vorbildlich" gewesen, sagt Hans Conrad, Betreiber eines großen Skiausrüsterversandes, "und zwar schon zu einer Zeit, als von Amazon und Zalando noch gar keine Rede war". Und die Filialen? "Wenn du bei Globetrotter ein Zelt kaufst, hörst du praktisch schon die Grillen zirpen", sagt Rainer Gerstner vom Südtiroler Bergsport-Ausrüster Salewa. Sogar der Umgang mit den Mitarbeitern inklusive Haustarifvertrag und Überschussbeteiligung galt vielen als Vorbild: "Globetrotter ist kein Schweinearbeitgeber, die haben da eigentlich ein gutes Verhältnis zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat", sagt Arno Peukes von der Gewerkschaft ver.di.

In Stuttgart gibt es für die Firma weniger Konkurrenz als in München

Wieso dann die schlechten Nachrichten? "Im Grunde war Outdoor lange Zeit eine heile Welt", sagt Globetrotter-Geschäftsführer Thomas Lipke. Bei Händlern und Marken habe es stets zweistellige Wachstumsraten gegeben, aus Geschäftspartnern wurden Freunde, und für Außenstehende sei es schon erstaunlich gewesen, "wie die Branche so in Sandalen und Shorts Millionengeschäfte machte. Heute ist Outdoor eine Industrie", sagt Lipke und verzieht dabei den Mund, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

"Mit jeder neuen Filiale lernen wir dazu. Und mit jeder machen wir neue Fehler"

Lipke hat sein Büro in einem Achtziger-Jahre-Zweckbau im Nordosten Hamburgs, er hat als Mitarbeiter mit der Personalnummer 005 angefangen und sich hochgedient. Heute merkt er, wie vieles von dem infrage gestellt wird, was lange als Erfolgsrezept von Globetrotter galt. Etwa das legendäre Handbuch, das zweimal pro Jahr erschien und das ganze Sortiment samt Preisen enthielt. Landesweit lag es bei kleineren Konkurrenten unter der Theke – Globetrotter war die Referenz. Heute gilt das Handbuch als Fehler, weil es Sortiment und Preise auf ein halbes Jahr im Voraus festlegte.

Oder der Internetauftritt. Der war zwar mal modern, aber dann wurde das Unternehmen von anderen, schnelleren und billigeren Anbietern überholt. Oder die Erlebnisfilialen. Lipke erinnert sich noch, wie die Geschäftsleitung sie einst durchgesetzt habe gegen die "Excel-Terroristen". Gemeint sind Betriebswirte mit ihren Kosten-Nutzen-Rechnungen. Lipke zitiert Bill Gates: "Size works against excellence" – wer zu schnell wächst, der kann irgendwann sein Niveau nicht mehr halten. Man habe irgendwann das nötige Innovationstempo verloren. "Erfolg macht bequem", sagt Lipke. Das müsse sich ändern.

Da klingt es widersprüchlich, dass Globetrotter gerade erst eine weitere Filiale in Stuttgart eröffnet hat. Mit 4.500 Quadratmetern ist sie etwas kleiner als die Tempel in Köln oder München. Es gibt ein Wackelfloß für Kinder, eine Sturmkammer für Erwachsene, alles ist mit stromsparenden LED-Lampen ausgeleuchtet. Vor allem aber gibt es in Stuttgart weniger Konkurrenz als etwa in München, wo gleich nebenan Filialen von Schuster, Karstadt Sports, SportScheck und Bittl sowie die Läden von North Face, Mammut und Salewa liegen.

Zeitgleich mit der Stuttgarter Filiale hat Globetrotter auch einen neuen Onlineshop eröffnet, der dem Händler verloren gegangene Marktanteile zurückbringen soll. Im Umfeld der Filialen Stuttgart und Hamburg plant das Unternehmen, über das Internet eingegangene Bestellungen noch am selben Tag an Kunden auszuliefern. Nach der in Stuttgart werde es erst mal keine neue Filialeröffnung geben, sagt Geschäftsführer Lipke: "Mit jeder neuen Filiale lernen wir dazu. Und mit jeder machen wir neue Fehler."