"Was hast du dir dabei gedacht?" – Seite 1

Kinder vertreiben sich gerne die Zeit mit einem Spiel, bei dem man sich gegenseitig ernst in die Augen schaut, und wer zuerst lächelt, hat verloren. Bei diesem Spiel hätte der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger keine Chance: Er lächelt schon, bevor der Wettkampf überhaupt begonnen hat. Für ihn müsste man die Spielregel verändern: Wem es gelänge, ihn zur Wut zu reizen, ihn dazu zu bringen, die Fassung zu verlieren, der hätte über ihn triumphiert. Enzensberger ist der größte Marathon-Contenance-Akrobat, den die deutsche Nachkriegsliteratur hervorgebracht hat. Seine Kunst der tiefenentspannt-koketten Unberührbarkeit ist so groß, dass ihr mit bloßem Auge nicht einmal anzusehen ist, ob sie ihn Kraft und Anstrengung kostet, wie das sonst bei den meisten Masken und Würde-Haltungen der Fall zu sein pflegt.

Enzensberger kann auf gravitas verzichten, weil ihn ohnehin nie jemand für zu leicht befunden hat. Ansonsten sorgt er für eine angenehme Distanz, die so heiter und arglos daherkommt, dass sie niemand als persönlich kränkend empfinden muss. Er ist nie schroff-arrogant, sondern immer geschmeidig-überlegen. Vielleicht lässt es sich so ausdrücken: Man kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es im Deutschland unserer Tage noch jemanden geben könnte, von dem sich Hans Magnus Enzensberger provozieren ließe. Da reicht keiner hin. Wie tief getroffen nimmt sich ein Martin Walser eine missgünstige Kritik noch immer zu Herzen! Wie persönlich verfolgt von den Medien kann sich ein Günter Grass fühlen! Welch strenger, gerechter Zorn kann einen Jürgen Habermas erfassen über falsche Tendenzen in der Öffentlichkeit! Auf dem apollinischen Olymp, auf dem sich Enzensberger eingerichtet hat, herrscht Unverletzlichkeit gegenüber irdischen Sticheleien.

Nur einmal habe ich ihn wütend gesehen. Das war bei einem Essen in einem sehr gediegenen Gourmetrestaurant. Als erster Gang wurde ein Sashimi vom Lachs gereicht. Enzensbergers Augen wanderten über den Tisch auf der Suche nach dem Salzstreuer. Er fand ihn nicht. "Wo ist denn der Salzstreuer, Herrgott", fragte er, nun schon mit leichtem Grollen in der Stimme. Mir dämmerte in diesem Augenblick, dass er vermutlich noch zur Generation der Präventiv-Salzer gehört, die immer schon zum Salzfass greifen, noch ehe sie von der Speise probiert haben. Als nach erfolgter Beschwerde die Serviererin endlich eine Schale voll schimmernder Meersalz-Kristalle auf den Tisch stellte, griff Enzensberger mit extra rustikaler Handbewegung hinein und verpasste seinem Sashimi eine ordentliche Salzdusche, als wäre die lächerlichste Form von Vornehmtuerei die Abwesenheit von Salzstreuern in Gourmetrestaurants.

Aber diese Form der Alltagsverstimmung meint man ja nicht, wenn man von Enzensbergers unerschütterlichem Affirmationstalent, seiner quecksilbrigen Daseinsbejahung spricht. Die Energien der Neugier sind bei ihm immer größer als die Gefühle der Ermattung oder gar der Enttäuschung. Ausgerechnet er, der doch die literarische Öffentlichkeit mit seinem Gedichtband Verteidigung der Wölfe als der Prototyp des zornigen jungen Mannes betrat, er, der als Adorno-Schüler der Kulturindustrie den Prozess machte – ausgerechnet er war immer frei von dem sprichwörtlichen Miserabilismus der Frankfurter Schule. In allem immer sogleich das Verhängnis zu sehen liegt ihm nicht. So scharf er die Gegenwart durchleuchtete, er wurde nie unfroh über sie. Überhaupt alles Nachtragende, Verpanzerte, Zerknirschte und Verbitterte hat er als Seelenzustände so konsequent gemieden wie ein Yogi Nikotin oder den Verzehr von tierischem Fett. Wo, Herr Enzensberger, sind Ihre Brüche, Ihre Verletzungen, Ihre unausgelüfteten Affekte?

Natürlich ist er viel zu klug, um nicht selber zu bemerken, dass auch das Fehlen einer Schwachstelle eine Schwachstelle sein kann. Da hat er sich wohl gesagt: Wenn mich schon kein anderer herausfordern kann, dann mache ich es eben selber! Und so erscheint jetzt von ihm ein Buch, in dem er für seine Verhältnisse ausgesprochen oft "ich" sagt und sogar kokett nach den Peinlichkeiten in seiner Biografie fragt.

Hans Magnus Enzensberger wohnt in München. Jetzt wird er 85. Seine Arbeitswohnung liegt in Schwabing, nur wenige Schritte vom Englischen Garten entfernt. Es ist später Nachmittag. "Sherry oder Portwein?", fragt er. Portwein. Vergnügt und mit einem Gesichtsausdruck, als pfiffe er gerade ein fröhliches Kinderlied, schenkt er ein. Dann wird der Aschenbecher auf das Sofatischchen gestellt. Enzensberger raucht mit einer solchen Nonchalance, so frei von Gewissensbissen, dass man sogleich überzeugt ist: Ein so entspanntes Verhältnis zur Zigarette muss gesundheitsfördernd sein.

Tumult heißt sein neues Buch, und für Enzensbergersche Verhältnisse ist es ausgesprochen persönlich geraten. Für jemanden, der seine Ungreifbarkeit schätzt und dem Rousseauschen Konzept der Aufrichtigkeit und Authentizität misstraut, sagt er in ungewöhnlich direkter Weise "ich". Aber schon der Titel ist wieder eine echt Enzensbergersche Freiheitsgeste. Mit dem Ausdruck "Tumult" bezeichnet er die bewegten Jahre der Studentenrevolte um 1968. Damals galt er als einer ihrer intellektuell prononciertesten Wortführer. So engagiert und explizit und durchaus auch laut proklamatorisch war er damals präsent, wie es im Rückblick zu ihm, dem Luftwesen, gar nicht zu passen scheint. Aber indem er diese Zeit eben nicht unter dem eingeführten Epochenbegriff "Studentenrevolte" oder "68er" abhandelt, sondern von ihr als den Jahren des Tumults spricht, hat er schon wieder seinen Eigenraum geschaffen, der sich nicht so glatt unter die allgemeine Geschichtsschreibung subsumieren lässt. Sein angeborener Antikollektivismus schafft sich seine Individualbegriffe.

Ein typischer HME-Move

Im kollektiven Gedächtnis ist HME abgespeichert als der Dichter, der damals hochpolitisiert das Ende der Kunst ausgerufen hat, nach Kuba ging, um bei der Zuckerernte zu helfen, und ansonsten mit schneidendem Hohn den Stab brach über die BRD. Schon in den siebziger Jahren allerdings warf man ihm vor, ein Renegat zu sein, weil er mit dieser utopischen Überspanntheit, jederzeit damit zu rechnen, dass die Weltrevolution um die nächste Ecke kommt, nichts mehr zu tun haben wollte. Nun schaut er in Tumult mit fast vierzig Jahren Abstand auf diese Zeit zurück.

Wie ist es zu diesem Buch gekommen? "Ich habe", sagt Enzensberger, "ein sehr schwaches autobiografisches Gedächtnis, weil mich das auch nicht sonderlich interessiert." Ein typischer HME-Move. Wo alle neugierig wissen wollen, wie er seine damalige Rolle heute selbst sieht, wiegelt er ab und erklärt kokett: Für mich selbst interessiere ich mich eigentlich nicht so rasend. "Aber dann", fährt er fort, "fragten die Leute vom Marbacher Literaturarchiv, wie es denn um mein Archiv stehe. Da habe ich gesagt: Ich habe kein Archiv, ich habe einen Misthaufen. Das meiste schmeiße ich weg, es ist ja auch viel hygienischer, wenn man viel wegschmeißt. Aber es gibt Pappschachteln im Keller mit Briefen von Adorno und Ingeborg Bachmann. Wenn ihr wollt, schaut euch das an."

Die Marbacher Manuskripte-Profis stiegen hinab in den Keller, vertieften sich in die Kisten und kamen zurück mit Aufzeichnungen aus den Jahren zwischen 1963 und 1970. Es waren regelrecht ausformulierte Texte, die vor allem von Enzensbergers unendlich vielen Reisen in dieser Zeit berichten – sein Interesse war geweckt.

"Ursprünglich dachte ich, das hat alles mit gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen und Konstellationen zu tun. Ich wollte das von meinen Intimitäten, von meinem Privatleben möglichst fernhalten. Aber es zeigte sich, dass das Ganze nicht verständlich war ohne die persönlichen Motive, die über die objektiv politische Seite hinausgehen. Da kam dieser russische Roman ins Spiel."

Mit dem russischen Roman ist eine Liebesgeschichte, eine heftige Amour fou gemeint. Enzensberger wurde als Schriftsteller zu vielen Reisen in andere Länder eingeladen. 1966 lernte er in Baku auf einem Kongress des sowjetischen Schriftstellerverbands Maria Alexandrowna Makarowa, genannt Mascha, kennen. Er ist 36, sie 23. Sie verlieben sich, wollen nicht aufeinander verzichten, obwohl es nicht leicht ist, diese Liebe über den Eisernen Vorhang hinweg zu leben. Außerdem ist Enzensberger verheiratet. Mit der Norwegerin Dagrun, mit der er eine Tochter hat. Er trennt sich von Dagrun, und 1967 heiraten Mascha und er.

Mascha ist eine komplizierte, dramatische Frau mit starken Gefühlen. Alles ist intensiv: das Glück und der Kummer. Die Eifersucht hat sie fest in ihrer Gewalt, außerdem neigt sie zu Depressionen. Es ist von Anfang an nicht leicht. In Berlin, wo sich Enzensberger auch nach der Trennung von Dagrun um seine Tochter kümmert, fühlt sich Mascha deplatziert. Also ergreifen sie die Flucht, sind immer unterwegs, gehen in die USA, dann nach Kuba. Es sind Ausweichbewegungen vor der Unmöglichkeit, diese Liebe alltäglich leben zu können. "Ohne diesen russischen Roman", sagt Enzensberger (und man merkt, wie sehr es ihn erleichtert, dass er diese leichthändige Metapher für etwas so Persönliches zur Hand hat), "kann man gar nicht verstehen, was diesen jungen Mann zu diesen irren Bewegungen über den Planeten veranlasst hat. Was macht er da plötzlich in Kambodscha, in Amsterdam, in Stockholm? Dafür muss es ja Gründe geben, die eben auch mit einer Dynamik der Gefühle zu tun haben."

Tumult ist eine Montage aus Aufzeichnungen von damals und kommentierenden Erinnerungen von heute. Wir sehen Enzensberger als Teil einer Schriftsteller-Delegation, die von Chruschtschow empfangen wird. Der Kreml-Chef hält eine endlos wabernde Rede – "über Literatur und Ästhetik verlor er, zu meiner Erleichterung, kein einziges Wort". Pablo Neruda hält Hof in einem Moskauer Bonzenhotel, und Enzensberger beobachtet die sowjetische Mangelwirtschaft: "Was es seit Jahrzehnten in diesem Land nicht gibt, sind Tampons; der Planwirtschaft scheint es unbekannt zu sein, dass Frauen auf dieser Erde leben." Aber dann immer wieder Mascha: "Nun ging es uns beiden darum, Pläne zu machen, und zwar nicht bloß für die nächsten sieben Tage."

Die großen geschichtlichen Ereignisse (der Schahbesuch, das Attentat auf Rudi Dutschke, die Notstandsgesetzgebung) sind präsent, aber in der Hektik von Enzensbergers rastlosen Reiseaktivitäten verschwimmen sie zu einem delirierenden Hintergrundrauschen. Es ist, als griffe er die Ablenkungen der Zeitgeschichte dankbar auf, um nicht dem absehbaren Scheitern seiner Liebe zu Mascha ins Auge schauen zu müssen. So wird in diesen kunstvoll beiläufigen Texten immer ununterscheidbarer, ob der Tumult mehr auf den Straßen oder in seinem Herzen herrscht.

Anfang der siebziger Jahre trennen sich Mascha und er. Das Ende der Studentenrevolte ist auch das Ende dieser heftigen, starken, aber destruktiven Beziehung. In Umkehrung einer damals gängigen Überzeugung könnte man sagen: Es ist eben nicht nur das Private politisch, oft ist auch das scheinbar Politische im Innersten privat. "Als ich", sagt Enzensberger, "meine ersten Versuche zu diesem Buch Vertrauten zum Lesen gab, sagten die: ›Mehr davon! Sei nicht so keusch, diese Keuschheit ist blöd!‹ " Gemessen an unserer heutigen Zeit mit ihrem Brachial-Exhibitionismus allerdings ist auch Tumult noch ein keusches, diskretes Buch. Denn selbst das Ich, das hier spricht, ist nicht eines, sondern es sind mindestens zwei. Enzensberger glaubt an die Form. Und deswegen inszeniert er im Hauptkapitel seines Buches ein Zwiegespräch zwischen dem Enzensberger von heute und jenem von damals. Das Kapitel trägt die Überschrift: Erinnerungen an einen Tumult.

Die Koketterie!

Der alte fragt den jungen: Was hast du dir bloß dabei gedacht? Es ist ein typischer HME-Schachzug. Wenn man sich selber über sich lustig macht, kann einem kein anderer darin zuvorkommen. Er spaltet seine Person kunstvoll auf und inszeniert die Fremdheit zwischen beiden möglichst drastisch: "Keiner von uns beiden erkennt sich in dem andern wieder", lautet gleich der erste Satz. Und der junge sagt zum alten Enzensberger: "So wie du wollte ich nie werden. Zum Glück sind wir einander ziemlich unähnlich." Aber das ist Koketterie (Enzensbergers größtes Laster!) und vielleicht die einzige echte Schwachstelle dieses klugen Buches. Denn so verschieden, wie es Enzensberger um des (Selbst-)Entfremdungseffektes willen gerne möchte, sind die beiden Alter Egos keineswegs: Die delikate Balance aus Dabeisein und Außen-vor-Sein beherrschte Enzensberger damals so perfekt wie heute. Die Kommune 1 zum Beispiel beobachtet er neugierig, mit Freude am Experiment, aber in seine Wohnung in Berlin-Friedenau lässt er sie nicht, stattdessen bringt er sie in der Wohnung seines Freundes Uwe Johnson unter (der zu dieser Zeit in New York weilt).

Der alte Enzensberger tut so, als hätte er gerne noch ein paar saftigere Happen von dem russischen Roman, und vermutet hinter den politisch-zeitgeschichtlichen Miniaturen Ablenkungsmanöver: "Das hat alles gar nichts mit dir zu tun. Du erinnerst mich an das Märchen vom Rumpelstilzchen. ›Ach wie gut, dass niemand weiß ...‹ Kommen wir lieber auf Mascha und dich zurück." In Wahrheit stecken die beiden unter einer Decke, anmutige Versteckspieler, die in perfekter Kollaboration dafür sorgen, dass nie jemand Enzensberger bei seinem wahren Namen wird nennen können.

Schon das Konzept des wahren Namens wäre für Enzensberger ein erkennungsdienstlicher Brachialakt. Dafür ist er nicht zu haben. Es geht immer um Beweglichkeit. "Wenn man sich einmischt, riskiert man Irrtümer", sagt er, während er am Portwein nippt. "Fehlbar sind wir alle. Aber das können wir doch zugeben. Meine Verranntheiten sind mir nicht heilig. Ich habe mich zum Beispiel wahnsinnig getäuscht über die Fähigkeit der Amerikaner, im Irak eine stabile Ordnung herstellen zu können." Nein, er ist nicht nachtragend, auch nicht gegen sich selbst.

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