Die knisternde Spannung zwischen Taktik und Überzeugung gehörte immer dazu: Zwischen 1945 und 1990 waren die Menschenrechte immer auch ein Werkzeug, um den politischen Gegner im jeweils anderen Lager zu diffamieren. Sie definierten lange das zwiespältige Verhältnis, das die souveränen Staaten zu den Idealen von Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit unterhielten. Aus der Sprache der internationalen Politik sind die Menschenrechte seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr wegzudenken, und sie erwiesen sich seither als ein offenes Konzept, in dessen Namen vielerlei Unrecht angeklagt wurde: im Namen eines individuellen Rechtsanspruchs. In diesem Sinne hat nun Jan Eckel, Historiker in Freiburg, mit seiner Habilitationsschrift der Menschenrechtsgeschichte ein beachtliches Werk gewidmet: Die Ambivalenz des Guten.

Jan Eckel hat Archive der UN, von Amnesty International und Human Rights Watch neu erschlossen. Der thematische Bogen seiner fast 1000-seitigen Arbeit spannt sich von den alliierten Zukunftsvisionen der Nachkriegszeit über UN, Europarat, NGOs und Menschenrechtsaktivismus bis zu den Menschenrechten in Osteuropa und in der postkolonialen Welt. Ein Schwerpunkt liegt in einer Untersuchung der Diktatur in Chile. Die Politiken der westlichen Regierungen stehen im Fokus von Eckels Aufmerksamkeit.

Die Studie setzt ein mit der mühsamen Suche der Nachkriegsmächte nach gemeinsamen Werten und Normen. Eines war von Anfang an klar: dass Menschenrechte dem politischen Vorteil in den außenpolitischen Beziehungen dienen sollten. So prägten die Staaten ein internationales Menschenrechtsregime, das sich später in soziale und politische Rechte aufteilte: Diese Auffächerung war keineswegs geplant, sondern ein Spiegelbild der politischen Nachkriegsordnung und der ideologischen Interessen der Mächte. Sowohl in der UN-Charta als auch in der 1948 verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und den darauf folgenden Menschenrechtspakten waren die Normen von Recht und Gerechtigkeit allenfalls Katalysatoren für politische Interessen.

Was jedoch die politischen Protagonisten in den staatlichen Konflikten des Kalten Krieges unterschätzten, war die Tatsache, dass sich schon früh die sozialen Bewegungen, etwa Arbeiter-, Frauen- oder Bürgerbewegungen, die Menschenrechte für ihre eigenen politischen Ziele zunutze machten. Zwar fand dieser Prozess mit einer Langsamkeit statt, die einem heute absurd erscheint, aber er war von Anfang an unaufhaltsam. Gerade einmal 13 von etwa 40.000 eingereichten Petitionen sind bei der UN-Menschenrechtskommission bis 1953 beantwortet worden: trotz Korea- oder Indochinakrieg, trotz Apartheid und der massiven Menschenrechtsverletzungen in den neuen diktatorischen Regimen, die sich seit den vierziger weltweit ausbreiteten.

Gleichwohl will Eckels historiografisches Mammutwerk der Auffassung entgegenwirken, dass die Menschenrechtsgeschichte ein "stetig vor sich hinfließender Strom der Entwicklung" sei. Ihre Geschichte, so der Autor, sei widersprüchlich, stockend, sogar radikal. Die eigentliche Bedeutung der Menschenrechte werde immer noch negiert oder ignoriert. Ihre moralische Überzeugungskraft entfalteten sie erst mit dem Aufstreben der Bürgerbewegung in Ost und West seit den sechziger Jahren. Bis zum Ende des Kalten Krieges waren sie jedoch zum Leitbild der Politik in Ost und West geworden. So könnte man diese bis ins Detail ungemein akribisch gearbeitete Studie von Jan Eckel zusammenfassen.

Wer für andere Völker Bürgerrechte fordert, sollte sie auch selbst gewähren

Besonders interessant ist seine Feststellung, dass nicht – wie irrtümlich angenommen – die Schreckensbilder aus Nazi-Deutschland als Hauptmotivation für das Erstarken der Menschenrechtspolitiken dienten, sondern vielmehr die Präventionspolitik. Westliche Regierungen waren nach 1945 weniger an Erinnerungspolitik als am Wiederaufbau, an der Sicherheit und am Verhindern eines neuen Weltkrieges interessiert. Jedes Mittel war ihnen recht. Menschenrechte wurden schnell zum taktischen Spielball in den internationalen Beziehungen. Die USA oder Großbritannien benutzten sie in den politischen Wendejahren um 1970, um menschenrechtsverletzende Regierungen weltweit anzuklagen. Dieser Doktrin folgte bald auch Westdeutschland.

Der gewaltsame Regimewechsel in Chile 1973 stellte nach Eckels Auffassung einen Wendepunkt in der neuen menschenrechtsorientierten Außenpolitik dar. Es war der erste Fall, in dem sich konservative und linke Gruppierungen, die Kirche, NGOs und die UN gleichermaßen gegen eine Junta engagierten. Druck kam vor allem von den wachsenden Bürger- und Menschenrechtsbewegungen, die sich trotz und wegen der autoritären Regime weltweit ausbreiteten. Unter dem Radar der neuen Außenpolitik der Mächte forderten sie ein, was ihre Regierungen zuvor in Moskau, Washington, Ost-Berlin oder Warschau unterzeichnet hatten: universale Menschenrechte.