In Momenten der Gefahr soll man nicht kompliziert denken, sondern das Nächstliegende tun: Hilfe leisten und Hilfe suchen. Beistand unter Gleichgesinnten ist das Gebot der Stunde, wenn, wie es aussieht, die Welt aus den Fugen geraten ist.

Unser Land ist Mitglied der Europäischen Union und der Nato. Beide stehen für Freiheit und Demokratie: Begriffe, die eine Verheißung für Milliarden Menschen überall auf der Welt beschreiben. Und beide Bündnisse haben die Welt sicherer gemacht.

Ein solches Lob auf die westlichen Bündnisse kollektiver Sicherheit scheint altmodisch zu sein. Es klingt nach den Zeiten des Kalten Krieges, in denen der Nordatlantikpakt Dreh- und Angelpunkt unserer Außenpolitik war. An kritischen Stimmen, die diesen Bezug für gestrig erklären, hat es bis in die jüngste Zeit nicht gefehlt. Doch überholt ist er nicht.

Zwar müssen wir in allen Teilen der Welt offene Partnerschaften suchen – für wirtschaftliche Entwicklung und Modernisierung ebenso wie zur Bewältigung der riesigen globalen Herausforderungen: von Armut und Ungleichheit über Furcht einflößende Epidemien wie Ebola, über Klimawandel und Umweltzerstörung bis hin zu Staatenzerfall, grausam-fanatischen Bürgerkriegen und zur Proliferation von Massenvernichtungs- und Kleinwaffen. Aber die Offenheit der Partnerschaften darf uns weder zur Beliebigkeit, zur Äquidistanz, zum orientierungslosen Driften zwischen den Mächten noch zu nationalen Alleingängen verleiten. Es sind in erster Linie unsere erprobten Bündnisse, die Europäische Union und die Nato, in denen wir mehr Sicherheit erreichen können. Wem das intellektuell zu langweilig ist, der sollte sich den Alltag unseres Kontinents ohne diese Ordnung vorstellen.

Die Gewaltausbrüche und Völkerrechtsverletzungen dieser Tage erinnern uns an frühere, böse Zeiten. An eine europäische Vergangenheit, in der auf Minderheiten Jagd gemacht und Hass auf andere Kulturen gepredigt wurde. Der Nationalismus ist wieder virulent. Und das nicht nur in den Krisenregionen an den Rändern und unter den südlichen und östlichen Nachbarn der Europäischen Union, sondern, seien wir ehrlich: auch innerhalb Europas.

Der Hochmut etwa, mit dem Teile der akademischen und administrativen Elite in Deutschland über die sogenannten Schuldenstaaten Frankreich und Italien sprechen, verlässt den Rahmen der finanzpolitischen Rationalität. Nicht zuletzt an den Wahlerfolgen der AfD lässt sich das Fieber des nationalen Ressentiments ablesen. Auch in den teils hitzigen Diskussionen, die in diesem Herbst über die Einhaltung der Defizitkriterien im Euro-Raum geführt werden, sollten wir uns immer erinnern: Wir sind aufeinander angewiesen, sind Bündnispartner, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Nicht nur als verflochtene Märkte, sondern auch als Union europäischer Staaten, die für Stabilität und Sicherheit sorgt.

Das ist eine westliche Union. Nur steht eben "der Westen" für mehr als ein geopolitisches Interesse oder eine bestimmte Kultur: Er repräsentiert das universelle Versprechen der Freiheit und Gleichheit, der Achtung der Menschenrechte und der demokratischen Teilhabe, geschützt durch das Recht.