Die Hose stammt aus einem Müllcontainer. Sie wird von großen Flicken zusammengehalten. Kaspanaze Simma hasst Verschwendung. "Jemand warf drei Hosen weg, die völlig in Ordnung waren", sagt er und schiebt sein altes Waffenrad durch die Dorfstraße von Andelsbuch im Bregenzerwald. Zwischen Sattel und Gabel hat er ein Holzbrett geklemmt, auf dem er Milchkannen transportiert. Einst war der 60-jährige Bauer ein Politiker der Grünen, ein ziemlich erfolgreicher sogar. Doch das wirkt gerade sehr weit weg. Es riecht nach Stall, an den Gummistiefeln klebt Erde. Simma hat seine sechs Kühe vom Vorsäß geholt, einer niedrig gelegenen Alm, wo das Vieh den Sommer verbringt. Die Beinkleider hat der belesene Autodidakt vor drei Jahren einfach mitgenommen, "und sie halten bis heute".

Kaspanaze Simma hat nie woanders gelebt als in Andelsbuch. Nie hat er ein Auto besessen, keine Fernreise unternommen und kein Flugzeug bestiegen – aus Überzeugung.

Der Bregenzerwald ist seine Welt. Hier wohnt er mit der Familie, seiner Frau Lucia und fünf Kindern, auf einem Bauernhof und betreibt Subsistenzwirtschaft. Maschinen setzt er nur spärlich ein. Der hundert Jahre alte Bauernhof wirkt, als sei die Zeit stehen geblieben. "Hier bei uns ist eine andere Welt", sagt Lucia Simma lachend. Im Geräteschuppen steht ein fünfzig Jahre alter 18 PS schwacher Steyr-Traktor neben einem Jauchekarren, der an die zwei Pferde Lea und Leila gespannt wird, die nebenan im Stall stehen.

Vergangene Woche besiegelten die Vorarlberger Grünen eine Koalition mit der ÖVP. Ihr einstiges Aushängeschild Simma findet zwar, die Partei sei mittlerweile zu sehr Teil des Establishments geworden. Trotzdem habe er sich über die Regierungsbeteiligung gefreut. Und vielleicht "geht ja ein bisschen was in die richtige Richtung weiter".

Vor dreißig Jahren war es der Bauer aus Andelsbuch selbst, der für Schlagzeilen sorgte: Das Wahlbündnis aus den Vereinten Grünen und der Alternativen Liste Österreich (ALÖ), mit Kaspanaze Simma an der Spitze, errang bei den Vorarlberger Landtagswahlen 13 Prozent. Nie zuvor waren Grüne in einen Landtag gewählt worden. Simma, der zur Feier selbst gemachten Käse im Bregenzer Landhaus verteilte, sorgte bei der ersten Sitzung für einen Eklat: Er trug keine Krawatte – und besaß auch keine.

Der rauschebärtige Bauer wurde zu einer Symbolfigur der Grünen. Von überallher kamen Journalisten ins Ländle, um ihn kennenzulernen. An eine "Gestalt aus den Erzählungen der Brüder Grimm" fühlte sich die deutsche Tageszeitung Die Welt erinnert.

Die Mutter war mäßig begeistert. "Der Bub hat am Hof genug zu tun", sagte sie Reportern. Ihretwegen war der junge Kaspanaze einst Bauer geworden. Als Jugendlicher hatte er seine Zukunft nicht in der Landwirtschaft gesehen. Der Vater starb bei einem Autounfall, als er elf Jahre alt war. Die Mutter wünschte sich, dass ihr Sohn den Hof weiterführe. Er entsprach der Bitte und übernahm 1970 nach der Pflichtschule etwas widerwillig den Betrieb.

Um seine neue Rolle zu finden, begann er, sich mit Wirtschaft und Philosophie zu beschäftigen. Er belegte Kurse an der Fernschule für Landwirtschaft und der Katholischen Sozialakademie in Wien. Dort imponierte ihm einer der Dozenten besonders – der junge Wirtschaftswissenschaftler Alexander Van der Bellen, später Bundessprecher der Grünen.