Plötzlich hat er viele Freunde

Ausgerechnet hier, wo er starb, ist Oz, der ewige Einzelgänger, nicht mehr allein. Auf Betonpfeilern, an Containern, auf zerkratzten Plexiglasscheiben haben sich Poster, Namen und Sticker zu seinen Tags gesellt, "Ruhe in Frieden, Oz", wünschen sie, "RIP". Hier am Hauptbahnhof, direkt hinter der Altmannbrücke, wo Oz ein letztes Mal mit dem Daumen den Sprühkopf einer Dose drückte, bevor ihn eine S-Bahn in den Tod riss.

"Was ist Hamburg ohne Oz?", fragen seine Fans auf Plakaten und im Internet. Der Mann, der sein Leben lang unter seiner Einsamkeit litt, scheint plötzlich viele Freunde zu haben.

Sie nennen ihn Oz, Walter Josef F., Jo, Johnnie Walker. "Ein eigenwilliger Einzelgänger, ein persönlicher Freund", sagen seine Anwälte über Oz. "Ein liebenswerter, besonderer Mensch", sagt sein Galerist über Walter. "Ein psychisch schwer kranker Mann", sagt sein Sozialarbeiter über Herrn F. Ein schlechtes Vorbild, sagen Polizei und Hochbahn, die seit seinem Tod mit vermehrter Sachbeschädigung zu kämpfen haben.

Bartelsstraße 65, Schanzenviertel. Er habe eine Mail geschrieben, er wolle ein Bild kaufen. Der Kunde im Ausstellungsraum wippt unruhig auf den Fußballen. "Eins von Oz." An den Wänden leuchten Leinwände mit bunten Punkten, lächelnden Gesichtern. "Dauerausstellung Oz" steht auf einer Plakette, darunter brennt ein Grablicht. "Ich kann dir keinen Preis nennen", sagt Alex Heimkind zu dem Kunden. "Wir warten bis zur Beerdigung. Ich kann dir nur sagen, es ist furchtbar teuer."

Heimkind, den schwarzen Kapuzenpulli ins hagere Gesicht gezogen, ist Galerist, er führt die OZM Art Space Gallery im Schanzenviertel. "30 Minuten nach der Nachricht von seinem Tod hatte ich die Medien am Telefon", sagt er, "die Käufer der Bilder haben nur 20 Minuten gebraucht." Einen ganzen Raum hat Oz in der Galerie bemalt, vom Fußboden bis über die Decke bunte Kringel, Schlangen, Farbexplosionen. Auch Leinwände hat er hier gestaltet. Formal ist Heimkind jetzt der Besitzer dieser Werke. Die Angebote ploppen in sein E-Mail-Postfach, täglich fragen Menschen nach dem Preis für einen Oz.

Ein Oz hat inzwischen einen Wert. Das ist zum Teil auch Heimkinds Werk. Vier Jahre lang hat er Oz’ Arbeit ausgestellt. Doch als er erfuhr, dass F. tot ist, nahm er als Erstes die Bilder aus dem Onlineshop seiner Galerie. Zu dem Kunden, der einen Oz kaufen möchte, sagt er jetzt: "Kennst du die Geschichte hinter dem Bild?"

Kondolenzbuch in der OZM Gallery. © Sarah Levy

Eine Ausstellung in der OZM Gallery konnte Oz sich lange nicht vorstellen, er stelle doch aus, draußen, permanent. "Was er malte, war für ihn ein Akt der Auflehnung. Keine Kunst", sagt Heimkind. Erst 2010 willigte Oz ein. Widerwillig. Um Geld sei es nicht gegangen, sagt der Galerist. "Es ging nur darum, Walter in Freiheit zu halten." Acht Jahre hatte Oz da schon im Gefängnis verbracht wegen wiederholter Sachbeschädigung. Genug, das fand er selbst. Er wollte nicht zurück. Die erste Ausstellung sollte ein anderes Bild des Sprayers transportieren, zeigen, dass sein Werk da draußen über Tags hinausging. Die Einnahmen sollten die Prozesskosten decken. Drei Tage vor der Ausstellung begann Oz zu malen, drei Monate später hörte er wieder auf. "Er konnte zehn Stunden nur Punkte tupfen", sagt Heimkind. Keiner nahm den kleinen, unauffälligen Mann wahr, der noch während der Vernissage die Wände mit Kringeln, Punkten und Spiralen besprühte. Nach drei Monaten hatte er sich durch die gesamte Galerie gemalt. Da war Oz 60.

Jetzt erzählt Heimkind dem Kunden die Geschichte hinter dem Bild, das Oz Der Mond schien hell genannt hat. Oz habe damit auf die Gefahr für Sprayer angespielt, im Mondlicht entdeckt zu werden. Oz, der so oft erwischt und verknackt wurde, habe sich nicht bremsen lassen, immer weitergesprüht, bis zuletzt.

Oz ist auch zum Symbol geworden, ein Kämpfer für ein alternatives Kunstverständnis – ob er wollte oder nicht. Dass derzeit linke Anwälte die Gründung einer Stiftung diskutieren, in die seine Werke übergehen sollen, sieht Heimkind mit gemischten Gefühlen. "Die Bilder sollten an Menschen gehen, die sich mit Oz und seinem Werk beschäftigen", sagt er. "Oz ist Maler geworden, weil er stigmatisiert wurde. Sein Herz schlug für illegale Graffiti. Der Rest war ihm scheißegal." Ist Oz’ Beharrlichkeit nicht auch ein bisschen verrückt? Heimkind sieht das so: "Jeder Mensch geht ein, wenn er allein ist. Er hat es für Hamburg gemacht."

"Er litt unheimlich unter Einsamkeit"

Eine Straße in Billstedt, am anderen Ende der Stadt. Stromkästen und Hauswände mit lachenden Strichpunkten säumen den Weg von der U-Bahn zu dem Ort, an dem Walter Josef F. zuletzt gewohnt hat. Die Fenster der Ladenwohnung sind von innen abgeklebt, "F." steht in blauer Handschrift auf dem Briefkasten, der Prospekt eines Pizzalieferdiensts klemmt im Schlitz. Einen Herrn F. will hier keiner gekannt haben. Nie wahrgenommen, sagt die Frau hinter dem Tresen eines Ladens für Zigaretten und Briefmarken, zu unsichtbar, sie korrigiert sich: unscheinbar.

Hier finden sich keine Graffiti. "Wir hatten Herrn F. gebeten, das hier zu unterlassen", sagt der Sozialarbeiter. Der Mann möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, in dieser Geschichte heißt er Herr Meißner. Herr Meißner sagt, er möchte, dass das Bild, das gerade von Oz gezeichnet werde, vollständig sei. "Herr F. war ein psychisch kranker Mensch, der in Therapie gehört hätte."

Gedenken an OZ. © Sarah Levy

Nach einem Gefängnisaufenthalt wurde Walter Josef F. als "seelisch behindert" eingestuft, die vergangenen sechs Jahre betreuten ihn Sozialarbeiter wie Herr Meißner, besuchten ihn mehrmals die Woche. Meißner lernte F. als einen Menschen kennen, der viel Hilfe im Alltag benötigte: beim Verwalten seines Geldes, beim Beantworten von Briefen, bei Streitigkeiten mit Nachbarn und Vermietern, beim Putzen. Der Sozialarbeiter beschreibt F. als einen Mann, der keinen Tages- und Wochenrhythmus kannte, der spätabends anrief und sich aufregte. Über die Polizei, die Hochbahn, vor allem aber über die Stadt, über hässliche Architektur, die Tristesse grauer Betonlandschaften. Der gerne zu Plätzen fuhr, an denen Müll abgelagert wurde. "Darüber hat er sich maßlos aufgeregt, wie die Stadt so etwas zulassen kann." F. habe dann sogar begonnen, diese Plätze zu säubern. "Wenn dann aber eine graue Mauer zum Vorschein kam, war das Anlass für ihn, die farbig zu machen", sagt Meißner. "Wir wussten, dass er jede Nacht unterwegs ist."

Meißner lernte F. auch als einen Mann kennen, der tief traumatisiert war. Der sagte: Unter Hitler wäre ich vergast worden, aufgrund meiner Behinderung. Wenn F. nachts von der Polizei verfolgt worden war, sagte er: So sind die Kommunisten im "Dritten Reich" verfolgt worden. "Die frühe Erfahrung der Ausgrenzung und seine Artikulationsschwierigkeit haben bei ihm dazu geführt, dass er sich mit den Opfern des ›Dritten Reichs‹ identifiziert hat", so erklärt der Sozialarbeiter das. F. sei kaum in der Lage gewesen, unabhängig vom Sprayen soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten. "Er litt unheimlich unter Einsamkeit."

Sein seelischer Zustand verschlimmerte sich in den letzten Monaten. Ständig rief er aufgewühlt bei seinen Betreuern an, sagte, er fühle sich verfolgt. Doch zu den Terminen mit einem Psychiater erschien er nie. "Vor einigen Monaten standen wir an einem Punkt, wo wir überlegten, eine gesetzliche Betreuung einzurichten", sagt Meißner, "weil wir zunehmend den Verdacht hatten, dass er psychotisch war." Die Angst, von den Mitarbeitern der Hochbahn gejagt zu werden, erfasste F. plötzlich auch, wenn er zu Hause war. "Man könnte auch sagen, er ist in so eine Situation hineingetrieben worden", sagt Meißner. Ein gesetzlicher Betreuer kann veranlassen, dass eine Person zu ihrem eigenen Schutz in die Psychiatrie eingewiesen wird. Doch dazu kam es nicht.

Die Wohnung in Billstedt ist jetzt bis auf ein paar Möbel leer. F. besaß nicht viel. Andreas Beuth, sein Anwalt, hat ein paar Leinwände gesichert. "Die Bilder sollen nicht auf den Markt geworfen werden oder in privaten Sammlungen verschwinden", lässt er ausrichten.

Und was passiert mit Oz’ Werken draußen auf der Straße? Mit den großen, bunten Gebilden auf S-Bahn-Brücken, Bunkern, Zäunen? Die Stadt Zürich ließ Graffiti des Sprayers Harald Naegeli schützen, in New York hüten Plexiglasscheiben die Werke des Straßenkünstlers Banksy. In der Hamburger Kulturbehörde will man sich noch nicht festlegen: Man sei zunächst nur der Meinung, dass Oz’ Werke einen "bemerkenswerten Beitrag zur Graffitilandschaft Hamburgs geleistet haben", warte jedoch den weiteren Verlauf der öffentlichen und fachlichen Diskussion ab, ob seine Werke museal erhalten werden sollten oder aber gerade von ihrer Vergänglichkeit leben.

Am 17. Oktober wurde Walter Josef Fischer auf dem Friedhof in Ohlsdorf beerdigt, in einem bunt bemalten Sarg. Es war keine anonyme Bestattung, 350 Menschen kamen, um ihn zu verabschieden. Jetzt, nach seinem Tod, ist Oz sichtbarer denn je.