Mottenburger Straße, Altona, ein Spielplatz. Auf einer Bank sitzen ein paar Jugendliche, die einem bärtigen Mann zuhören. "Und was tut ihr, um den Glaubensbrüdern in Syrien zu helfen?", sagt der Mann leise. Es ist die wichtigste Einstiegsfrage der salafistischen Missionare.

Die Anwerber kommen lässig daher, arbeiten fast wie Streetworker. Sie sprechen die Jugendlichen am Bolzplatz an, im Einkaufszentrum, beim Burgerbrater. Sie nehmen sich Zeit, präsentieren einfache Wahrheiten und bieten eine Perspektive.

Mit Erfolg. Mindestens zwei Jungen aus dem Umfeld des Spielplatzes reisten bereits in den Dschihad. Ihre Radikalisierung ging schnell. Wenige Monate nachdem sie auf dem Spielplatz angesprochen wurden, posierten sie gemeinsam für ein Foto auf dem Häuserdach gegenüber. Kurz darauf entdeckte eine Mutter ihren Sohn mit Waffe in der Hand im Internet. Die Jungen wollten, so erzählten sie ihr, endlich etwas Sinnvolles tun, geachtet werden.

Salafismus als Sinnsuche, Hilfsprogramme und Frontbesichtigung in Syrien inklusive. "Natürlich war das krass attraktiv für uns", sagt ein Freund der beiden Dschihadisten.

Zu Mahmud Erdem, Rechtsanwalt in St. Pauli, kommen seit einigen Monaten immer mehr Eltern, deren Kinder in den Krieg abdriften. Es beginnt damit, dass Minderjährige am Küchentisch mit ihren Eltern über Paradies und Kalifat streiten. Und es kann damit enden, dass sie verschwinden.

"Er ist schon in Syrien, kämpft dort, können Sie nicht irgendwas machen?", solche Anfragen gebe es jetzt oft, sagt Erdem. Manchmal kann er ein paar letzte Gespräche zwischen Eltern und Kindern vermitteln. Dann sitzt eine Mutter daheim am Telefon, erst schimpfend, dann weinend und flehend. Bisweilen hält so ein Kontakt ein paar Wochen.

Erdem hat eine Selbsthilfegruppe für Eltern gegründet. Immer mittwochs um 19 Uhr treffen sie sich in St. Pauli. Im Umgang mit Medien sind sie zurückhaltend, aber einige Eltern erklären sich bereit, anonym zu reden. Eine Mutter aus Altona erzählt, ihr 20-jähriger Sohn verlasse kaum noch sein Zimmer. "Meist ist er im Internet. Guckt Filme vom Leid in Syrien und will dann dort Glaubensbrüdern helfen", sagt sie. "Er redet schon so, als seien die seine neue Familie." Vom Krieg in Syrien habe er ein Bild, wie ein Karl May es hätte zeichnen können.

Sich im heimischen Kinderzimmer von Deutschland zu entfernen und gleichzeitig im Netz zu erfahren, wie ein neues Leben in Syrien aussehen könnte: Das ist die Gefahr in einschlägigen Gruppen in den Sozialen Netzwerken. "Schlafzimmer-Extremismus" nennen Insider das Phänomen. Der Kontakt zur Familie reißt schleichend ab, die Jugendlichen kommen nur noch zum Essen aus ihrem Zimmer, wirken abwesend, sind immer wieder weg.