Westliche Banken ziehen sich aus dem Russland-Geschäft zurück. Neue Investoren sind kaum zu finden. "Die Sanktionen wirken viel stärker, als es auf dem Papier steht und nach außen zu erkennen ist", sagt der Chefvolkswirt.

Statt nach Russland werden die Investitionen der Osteuropabank nun auf die Ukraine umgeleitet. So soll die EBWE in diesem Jahr etwa eine Milliarde Euro in Projekte in der Ukraine investieren. Trotz der kriegerischen Auseinandersetzungen wurden im Juli sogar westliche, ukrainische und russische Bankenvertreter zusammengetrommelt, um die Stabilität des Bankensystems in der Ukraine zu sichern.

Mit Russland geschieht genau das Gegenteil. Russische Banken und Unternehmen haben mittlerweile sogar Schwierigkeiten, sich Dollar für ihr internationales Geschäft von westlichen Instituten zu beschaffen. Seit Mitte September muss die russische Notenbank im kurzfristigen Verleih mit Dollar aushelfen.

Russische Banken und Unternehmen kommen im Westen kaum noch an Geld. Das Kapital, das Russen in diesem Jahr am internationalen Anleihe- und Kreditmarkt aufgenommen haben, ist von mehr als 100 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr auf bislang 18 Milliarden Dollar gesunken. Tendenz fallend. Dies zeigen die Daten der Analysefirma Dealogic. Im dritten Quartal nahmen nur noch zwei russische Unternehmen insgesamt 700 Millionen Dollar am Markt auf – die niedrigste Summe seit der Finanzkrise im Jahr 2008.

Wie groß die Angst ist, bloß nicht gegen Sanktionen zu verstoßen, zeigt sich sogar an der Londoner Börse. Dort werden die Aktien der russischen Institute Sberbank und VTB Bank gehandelt. Noch im Jahr 2012 hatte die Sberbank an der Londoner Börse 5,2 Milliarden Dollar neues Geld aufgenommen, bejubelt von der Londoner City. Heute wäre die Transaktion illegal. Streng genommen müsste der Aktienhandel sogar eingestellt werden, denn wenn die russischen Banken irgendwo neue Aktien ausgeben und diese Aktien in London gehandelt werden, hätte die Londoner Börse gegen die Sanktionen verstoßen. Das wollen beide Seiten nicht: Insofern half die Ankündigung der Sberbank und der VTB Bank, keine neue Aktien ausgeben zu wollen. So kann der Aktienhandel ohne Probleme fortgesetzt werden.

Umgekehrt werben westliche Firmen weiter ganz unbefangen um russisches Kapital, wenn der Schuh drückt – wie bei dem italienischen Modehaus Roberto Cavalli. Seit Wochen verhandelt VTB Capital mit dem Designer, um ihm einen Teil seiner Luxusmarke abzukaufen – für Hunderte von Millionen Euro. Von Sanktionen redet in diesem Zusammenhang niemand.