Ein privates Krankenhaus im Leipziger Stadtzentrum, die Thonbergklinik. Jörg Hammer, 54, sitzt spätabends in seinem Chefarztzimmer, es ist ein kleiner gemütlicher Raum, seit Reiters Tod sind erst zwei Tage vergangen. Jörg Hammer ist komplett in Schwarz gekleidet, er sieht erschöpft aus, nicht nur von der langen Schicht. Auch Hammer gehörte zu Reiters engsten Freunden. Vier Tage vor dessen Tod waren die beiden noch zusammen beim Zweitligaspiel Leipzig gegen Heidenheim.

Er sagt: "Wenn ich Udo nicht gekannt hätte und er wäre, wie er eben war, in mein Sprechzimmer gefahren, mit seiner ganzen vitalen Art, diesem Witz, diesem Charme, dieser Lebensfreude – und hätte ich dann von seiner Haltung zum selbstbestimmten Tod erfahren: Ich hätte ihn vor einigen Jahren noch gefragt, ob er ganz bei Trost ist." Aber als Freund billige er ihm diese Meinung inzwischen zu. "Diesen Respekt muss ich aufbringen", sagt Hammer. "Ich habe mich ihm da angenähert, über Jahre." Und Udo, der konsequente Mensch, der Entscheider, sei eben Entscheider auch in eigener Sache gewesen, bis zum Schluss.

So sah auch er selbst sich gerne. Denn die Autonomie bis zum Ende war stets der Kern von Reiters Position zur Sterbehilfe. Tatsächlich aber kannte auch der Cowboy eine verzagte Seite. "Ich habe es nie wahrhaben wollen, aber man hat irgendwann nicht mehr die Kraft, man wird unsicher", sagte Reiter in einem Interview zum Ende seiner Amtszeit. "Wenn ich heute aus dem Rollstuhl falle, breche ich mir die Knochen, weil die entkalkt sind."

Udo Reiter war ein Mensch, der auch Traurigkeit kannte, selbst wenn er sie überspielte. Die Kränkungen am Ende seiner Zeit beim MDR, als Affären die Anstalt erschütterten und seine Nachfolger viel von der Verantwortung auf ihn abschoben – die dürften ihm zugesetzt haben.

Wie unentwirrbar im Leben des Udo Reiter aber die Euphorie und die Verzweiflung beieinanderlagen, das legt sogar ein Roman nahe. Reiters zweite Ehefrau, die Schriftstellerin Else Buschheuer, veröffentlichte 2013 das Werk Zungenküsse mit Hyänen, und das ist natürlich Fiktion. Im Buch wird ausgiebig das Sexualleben des Rollstuhl fahrenden Herrn Müller beschrieben, seine Tröstungen im Alltag und seine Beziehung zu seiner jüngeren Frau. Es liest sich wie eine Persiflage auf Reiters pralles Leben. Am Ende schluckt der Romanheld Müller, aus Angst vor dem Tod, eine tödliche Kapsel und spült sie mit Weißwein hinunter. Im wahren Leben teilt Else Buschheuers Anwalt Christian Schertz vergangenen Freitag mit: "Meine Mandantin wird aus nachvollziehbaren Gründen keine weiteren Erklärungen zum Tod ihres Mannes abgeben oder diesbezügliche Anfragen beantworten."

So empfindsam Udo Reiter sein konnte, so hart war die Form seines Todes, die er gewählt hat. Der Selbstmord mit der Pistole, das ist etwas anderes als ein Cocktail, der "gut schmeckt". Das ist ein brutaler Weg, zu sterben. Ein Männertod.

Oliver Tolmein hat viel über Menschen und ihre Motive nachgedacht, sich zu töten. Der Jurist und Autor aus Hamburg, der breit zu Sterbehilfe und Medizinethik publiziert hat, trat vor Kurzem mit Udo Reiter im Deutschen Bundestag auf. Die beiden haben als Experten an einer Anhörung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion teilgenommen. Tolmein beschäftigt heute die Frage: Wie wird Reiters Tod die Debatte ums Sterben verändern?

Ihm fielen, sagt Tolmein, eigentlich nur drei Menschen ein, die über Selbstmord erst in Büchern schrieben und ihn dann wirklich praktizierten. Jean Améry, der 1976 sein Buch Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod veröffentlichte und sich 1978 umbrachte. Wolfgang Herrndorf, der sich im vergangenen Jahr in Berlin erschoss, weil er nicht länger an seinem Hirntumor leiden wollte. Und jetzt Udo Reiter, der 2012 mit seinen Thesen an die Öffentlichkeit ging.

Was schockiert Sie am meisten am Fall Reiter, Herr Tolmein? "Der Seitenwechsel", sagt er. "Udo Reiter ist von jemandem, der eine Position vertritt, zu jemandem geworden, der eine Option wahrnimmt. Der das, worüber wir sonst nur reden und reden, unwiderruflich in die Tat umgesetzt hat." Das will der Jurist nicht als Kompliment verstanden wissen, eher als Erklärung für den Schock.

Tolmein hat auch über die RAF geforscht, er sagt: "Damals war es eigentlich auch so, dass alle redeten: Man müsste eigentlich Widerstand leisten. Und dann gab es auf einmal die RAF, dann gab es auf einmal Leute, die das wirklich in die Tat umsetzten, und das erschütterte so viele."

Wird Udo Reiters Tod die Debatte um das Sterben verändern? Kann sein, sagt Tolmein, aber er hofft es nicht. "Ich finde, dass man aus so einem Suizid nichts lernen kann und nichts lernen soll. Es ist die Entscheidung eines Menschen, deren Ursache am Ende schwer zu ergründen ist. Wir brauchen zum Beispiel deutlich mehr Suizidprävention, auch wenn man einen Udo Reiter damit nie erreicht hätte." Tolmein ist gegen eine Enttabuisierung von Selbstmorden, "ich möchte, dass jeder selbst gewählte Tod ein Skandal bleibt", sagt er. Trotzdem zollt er Reiter auf seine Weise Respekt: "Ich kenne ihn nicht gut, aber ich habe ihn erlebt als unsentimentalen, ironischen, etwas sarkastischen Typ. Insofern könnte man zu dem Schluss kommen: Dieses Ende passt besser zu ihm als die etwas romantisierende Suizidkitschvariante, im Kreis der Familie eine Tablette zu schlucken, und alle streicheln einem noch mal übers Haupt."

So kritisch wie Tolmein sehen es auch andere, der SPD-Politiker Franz Müntefering zum Beispiel, der vor Jahren von seinem Ministeramt zurückgetreten war, um seine todkranke Frau Ankepetra bis zum bitteren Ende zu pflegen. Schon zu Reiters Lebzeiten hatte Müntefering mit Verve die Gegenposition vertreten: "Hier soll aus Angst vor dem unsicheren Leben ein sicheres Ende gesucht und der präventive Tod zur Mode der angeblich Lebensklügsten gemacht werden", warnte er. Als die Nachricht von Reiters Tod verbreitet wurde, legte Müntefering nach. Aus seiner Sicht ist das die größte Gefahr und fatale Konsequenz aus Reiters Tat: dass hier "Helden der Selbsttötung" propagiert würden.

Hätte es für Udo Reiter einen anderen Ausweg gegeben?

Vor zwei Wochen hat Reiter noch einen Mann getroffen, der spezialisiert ist auf die Bewältigung von Lebenskrisen. Peter Escher, 60, wusste immer, wie man Menschen in Notlagen helfen kann, fast zwei Jahrzehnte lang hat er die MDR-Ratgebersendung Ein Fall für Escher moderiert, er bewältigte schwierige Fälle und schwere Schicksale Tausender. Seine Karriere verdankte er auch Udo Reiter.

Nun trafen sie sich vor zwei Wochen zufällig noch einmal, ausgerechnet auf einem Forum für "Best Ager" in Leipzig, für Menschen also, die mehr vom süßen Lebensabend, von Cocktails auf der Aida träumen und weniger vom Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Udo Reiter las auf der Veranstaltung aus seiner Autobiografie Gestatten, dass ich sitzen bleibe. Womöglich las er den Best Agern auch die bemerkenswerten Sätze von Seite 73 vor.

"Ich erinnere mich noch gut an den Abend, an dem ich mich umbringen wollte", schreibt er dort. "Ich saß in meiner Studentenbude am Schreibtisch, hatte mir ein letztes Bier eingeschenkt und alles zurechtgelegt. Der Brief an die Eltern war auch fertig. Ich dankte ihnen darin für alles, was sie mir im Leben Gutes getan hatten, und bat sie um Verständnis, dass ich so nicht weitermachen wollte. Jetzt nahm ich den Revolver in die Hand – und merkte plötzlich, dass ich gar nicht tot sein wollte."