Schon sehr lange und von Anfang an hadere ich damit, dass sich für die Zeit der Friedlichen Revolution der Begriff Wende als die Bezeichnung eingebürgert hat, die alle schnell zur Hand haben und verwenden. Es ist ein eher technischer Begriff. Er wird beim Segeln gebraucht, markiert den Richtungswechsel beim Schwimmen und den Fahrtrichtungswechsel im Auto. Am schlimmsten kommt es in der Wendeschleife, die es Fahrzeugen im öffentlichen Verkehr wie vor allem Straßenbahnen erlaubt, umzukehren, ohne rangieren zu müssen. Die Bahnen können unbeirrt vorwärtsfahren und nach dem Verlassen der Wendeschleife die Rückfahrt antreten.

Wenn ich an die Tage und Monate des Jahres 1989 zurückdenke, wollten wir im Neuen Forum keine Richtung ändern, sondern einen ganzen Staat verändern und umwälzen. Wir wollten nicht in einem gekonnten Schwung der DDR eine andere Richtung geben, damit sie dann doch in den alten Gleisen weiterfährt. Das wollte wohl eher Egon Krenz, der den Begriff als Erster in die Welt gesetzt und ebenfalls restaurativ gemeint hat. Er wandte sich am 18. Oktober 1989 nach der Ablösung von Erich Honecker mit einer Fernsehansprache an die Bevölkerung der DDR: "Mit der heutigen Tagung (des ZK der SED) werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen." Bloß nicht, konnte man da nur sagen.

In meine Erinnerung hat sich eine Szene aus dem September 1989 eingebrannt. In unserer Wohnung lagen die Unterschriftslisten zum Eintritt in das noch illegale Neue Forum aus. Jeden Abend wurden sie innerhalb der Wohnung versteckt. Dass man sie bei uns unterzeichnen konnte, sprach sich mündlich herum. Ich werde den Augenblick nicht vergessen, als es gegen Mittag bei uns klingelte und eine komplette Brigade von Bauarbeitern vor der Tür stand, in Arbeitskluft und wild entschlossen, in das Neue Forum einzutreten. Wenn ich diese Erinnerung erzähle, sage ich immer: Ich habe in meinem Leben wirklich eine revolutionäre Situation erlebt.

Und trotzdem sprechen alle von Wende. Ich möchte einige Hypothesen dazu aufstellen, wie es dazu kommen konnte: Da es meines Erachtens erst nach den ersten freien Wahlen zum zunehmenden Gebrauch des Wortes Wende kam, genauso wie dann auch die DDR als ehemalige DDR bezeichnet wurde, muss diese Verschiebung etwas mit der Veränderung der politischen Haltungen und der psychischen Dispositionen zu tun haben. Diese Veränderungen hängen wahrscheinlich damit zusammen, dass es 1989 eben noch zwei Deutschlands gab. Die Revolution betraf zunächst nur die DDR, und nach dem Mauerfall änderten sich nur in der DDR die Lebensverhältnisse grundlegend. Also haben vielleicht nur die DDR-Bürger eine Revolution erlebt, während die Bürger der alten Bundesrepublik nach und nach zumindest eine Wende erlebten. Außerdem ist der Revolutionsbegriff meist auch mit der Fantasie von revolutionärer Gewalt verbunden, und die Gewaltfreiheit der Herbstrevolution von 1989 ist eventuell bis heute noch nicht wirklich historisch und soziologisch verstanden worden. Es ist aber auch historisch ungerecht, den Ereignissen von 1989 wegen ihrer Gewaltfreiheit die Ehre des Revolutionsbegriffes zu entziehen.

Die ersten freien Wahlen der DDR im Jahr 1990 waren für die Bürgerbewegungen des Jahres 1989 eine Enttäuschung, weil sich die DDR-Bevölkerung den etablierten bundesrepublikanischen Parteien zuwandte. Sie waren auch für die Linken in der Bundesrepublik eine Enttäuschung, da sie sich eine Schwächung der seit 1982 regierenden Kohl-Regierung von den revolutionären DDR-Bürgern versprochen hatte. Nun sah es so aus, als ob die DDR-Bürger, die sich mit diesen Wahlen eben auch für die Einheit Deutschlands entschieden, nur eine Wende zurück zu einem Einheitsdeutschland und zum Kapitalismus vollzogen hätten. Als ob nicht die freie Wahl an sich und auch die Vereinigung Deutschlands noch im Frühjahr 1989 für völlig undenkbar gehalten worden wären und auch eine Art Abschluss der von den Flüchtlingen und Bürgerbewegungen angeschobenen Revolution darstellten. Dass die revolutionären Subjekte, die einige DDR-Bürger für einige Zeit waren, dabei selbst schnell wieder Macht einbüßten bzw. nicht dazu kamen, wirklich politische Macht auszuüben, war selbstverständlich enttäuschend und ungerecht. Ich selbst hatte lange an dieser Enttäuschung zu würgen.

Der revolutionäre Aufbruch wurde nach der vollzogenen Vereinigung schnell überlagert von der Überführung des politischen und wirtschaftlichen Systems der Bundesrepublik auf die DDR. Dabei wurden, wie der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk schreibt, auch die kulturellen Praktiken überführt, "die einen Anpassungsdruck in Ostdeutschland erzeugten, der bald Widerwillen und Ablehnung produzierte". Wie ihnen die Kultur des Westens begegnete und wie fremd, faszinierend, merkwürdig und teilweise arrogant sie ihnen erschien – davon können viele DDR-Bürger ein Lied singen.

Und immer wieder begegneten wir besonders auch bei Westlinken einem seltsam gespaltenen Neid, auf das, was wir angestoßen und erlebt hatten; und was wir anscheinend nicht richtig zu Ende gebracht hätten. Die beidseitige Enttäuschungswut und die ebenso beidseitigen überhöhten Ansprüche an eine gelungene Revolution in Deutschland haben offenbar dazu geführt, dass die Herbstrevolution abgewertet und wie nebenbei als Wende umetikettiert wurde. Das ist schade, weil es die große Leistung abwertet, die die Ostdeutschen in den letzten 25 Jahren bei diesem Strukturwandel vollbracht haben. Sie haben eben gerade nicht nur mal ihren Trabbi auf der Straße oder sich selbst im Bett gewendet. Sie haben einen rasanten Wandel aller äußeren Lebensverhältnisse und Strukturen erlebt und diesen mitgestaltet.

Wenn es zum Tag des Mauerfalls eine Demonstration geben sollte, würde ich ein Plakat mit dieser Losung hochhalten wollen: "Endlich ein Ende mit dem Begriff der Wende!"

Annette Simon ist Psychoanalytikerin und lebt in Berlin. Ihr (hier gekürzter) Aufsatz ist jüngst erschienen im Buch Kein Ende mit der Wende? Perspektiven aus Ost und West (Psychosozial- Verlag, 311 Seiten, 29,90 €)