Die Rührung war groß, als die American Academy am Wannsee ihren zwanzigsten Geburtstag feierte. Hier galt es einmal nicht, prekären Strukturen durch optimistische Reden Mut zuzusprechen, hier sprachen die Fakten für sich. Die vom früheren amerikanischen Botschafter Richard Holbrooke ins Leben gerufene Forschungs- und Kulturinstitution wird privat finanziert und verdankt ihre Unterbringung der Großzügigkeit der Familie des jüdischen Bankiers Hans Arnhold, die ihre von den Nazis konfiszierte Villa der Akademie zur Verfügung stellte.

Ihren Stellenwert im Berliner Kulturleben bezeugten die anwesenden Politiker. Der amerikanische Botschafter John Emerson verriet, dass man ihm die Academy daheim als die am besten funktionierende Institution ans Herz gelegt hatte. Man durfte es wohl so verstehen, dass sie sogar die Amerikanische Botschaft aussticht. "Ob Sie Ihr Buch bei uns schreiben, interessiert uns nicht", sagte der abtretende Direktor Gary Smith, "wir wollen, dass Sie Beziehungen makeln." Amerikanische Künstler, Forscher und Intellektuelle haben den Berlin-Aufenthalt nicht nur für ihre Projekte genutzt, sondern schlummernde Affinitäten wiederentdeckt, die ihr Metier und oft ihre persönliche Geschichte mit Deutschland verbinden. "Sie müssen wissen", so Gary Smith, "dass ich in Texas aufgewachsen bin, wo Jiddisch und Deutsch die Geheimsprachen waren." Myles Jackson, New Yorker Professor für Wissenschaftsgeschichte, schwärmte mit überzeugenden thüringischen Dialekteinlagen von seinem Erfurter Studium in den Achtzigern und den verblüfften Gesichtern der Grenzbeamten, die bei seinem mutmaßlichen Schmuggelgut nur auf Marx und Brecht stießen. Holbrookes Witwe Kati Marton erzählte, dass ihr Mann die Akademie "aus Nostalgie" gegründet habe: "Bei ihm hing ein Bild seines Großvaters in kaiserlicher Uniform an der Wand."

Max Raabe sang Lieder jüdischer Komponisten aus den Berliner zwanziger Jahren und brachte zuvor die Speisenden auf Trab, denn er verlangte das Abräumen der Teller vor seinem Auftritt. Der Zauber seines melodisch und moralisch leichtfüßigen Repertoires war noch nicht verweht, als Leon Botstein nach vorne trat. Der Universalgelehrte und Dirigent des American Symphony Orchestra, den der New Yorker jüngst als einen der letzten großen Humanisten feierte, beschwor die transatlantische Symbiose vor dem Ersten Weltkrieg: "Um 1900 konnte man in New York mit Deutsch überleben." Umgekehrt wären Raabes ironische Lieder ohne amerikanischen Einfluss undenkbar. Nachdem die hohe Meinung der Deutschen von ihrer Bildung den Nazis nichts hatte entgegensetzen können, wertete Botstein die Akademie als zweite Chance der Kultur, sich auch politisch Gewicht zu verschaffen. Während das Internet zur Kloake des Selbstausdrucks geworden sei und manipulative Algorithmen uns in unseren Vorurteilen nur bestätigten, sei innere Emigration, wie der Redner in Anspielung auf die NS-Zeit formulierte, keine Antwort mehr. Es brauche Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Botstein verhieß Berlin eine "glänzende Zukunft", nicht zuletzt, weil die Erinnerung an Deutschlands bessere Vergangenheit beidseits des Atlantiks lebendig sei: "So viele jüdische Emigranten haben sich eine tiefe Liebe für den Ort bewahrt, aus dem sie verstoßen wurden." Einigen schien Botsteins Vortrag zu lässig, zu sehr von der routinierten Brillanz eines Talkshow-Lieblings beseelt. Dabei war in die Pointen und Komplimente eine bange Bitte eingepackt. Nur hatte der Redner seinem Publikum die Schwere wie Max Raabe leicht gemacht.